Arzt der Armen handelt im Untergrund

Ungewöhnliche Erzählstruktur sowie eine leise Sozialkritik: „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“. Von José García

Dr. Ketel (Ketel Weber) hilft benachteiligten Menschen, die sich keine medizinische Versorgung leisten können. Louise (Amanda Plummer) soll Beweise finden, dass er dafür in Apotheken einbricht. Foto: moviemento
Dr. Ketel (Ketel Weber) hilft benachteiligten Menschen, die sich keine medizinische Versorgung leisten können. Louise (A... Foto: moviemento

„Berlin Neukölln. Die nahe Zukunft“ heißt es zu Beginn des Spielfilmes „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“. In verwaschenem, verstörendem Schwarz-Weiß zeichnet Regisseur und Drehbuch-Mitautor Linus de Paoli das Bild einer heruntergekommenen Stadt. Unterstrichen wird die beklemmende Atmosphäre von den Klängen elektrischer Musik sowie von Zeitlupe-Bildern von Obdachlosen des Kameramanns Nikos Welter.

Gemeinsam nachts Apotheken überfallen

Über einen dieser Obdachlosen, der in einer Gasse mit blutigem Bein auf der Straße liegt, beugt sich der hünenhafte Dr. Ketel (Ketel Weber). In dieser nahen Zukunft sind Medikamente für viele Menschen unerschwinglich geworden. Zusammen mit Pit (Pit Bukowski) überfällt der im Schatten der Nacht agierende Ketel nachts Apotheken, um an die nötigen Arzneimittel zu kommen, während er tagsüber als Hausmeister arbeitet. Verkauft Pit die Medikamente auf dem Schwarzmarkt, so benutzt sie der von allen Dr. Ketel Gerufene dazu, Obdachlose oder Migrantenkinder zu behandeln. Die von den Apotheken beauftragten privaten Sicherheitsdienste, insbesondere der Jungermittler Ercan (Burak Yigit), kommen ihm auf die Spur, vor allem nachdem die amerikanische Sicherheitsexpertin Louise (Amanda Plummer) den Sicherheitsdienst mit ihren neuesten Ermittlungsmethoden unterstützen soll. In seinem Langfilmdebüt zeichnet Linus de Paoli, Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), ein düsteres Bild vom Problemviertel Neukölln. Das Thema der gesellschaftlichen Kluft zwischen Arm und Reich, die dazu führt, dass sich viele Menschen keine medizinische Versorgung mehr leisten können, erinnert an Jörg Lühdorffs „2030 – Aufstand der Jungen“ (DT vom 11.1.2011).

Bemühte sich Lühdorff um ein mit futuristischen Details angereichertes Produktionsdesign, so unterscheidet sich die Welt von „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ lediglich in diesem Aspekt der überteuerten Arzneimittel von der heutigen Realität, was wohl auf das kleine Budget zurückzuführen ist, mit dem Linus und seine Frau Anna de Paoli (Drehbuch-Mitautorin und Produzentin) ihren ersten abendfüllenden Spielfilm drehten. Allerdings bringen die teilweise expressionistischen, ungewöhnlichen Kameraeinstellungen sowie der Kontrast zwischen Licht und Schatten eine gewisse futuristische Verfremdung in diese uns heutigen sonst gar nicht so fremde Welt, in der „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ angesiedelt ist. Einen sozialkritischen Ansatz versinnbildlicht Linus de Paolis Film wiederum im Kontrast zwischen den düsteren Bildern der Welt von Dr. Ketel und den hellen Räumen der Bessergestellten, in denen sich Louise bewegt, etwa im Hotel und vor allem im Seminarraum der Sicherheitsfirma, wo sie die jungen Security-Angestellten unterrichtet.

In „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ steht jedoch nicht so sehr die Sozialkritik im Vordergrund. Mit einer Mischung aus deutschem Expressionismus und amerikanischem Film noir konzentrieren sich Anna und Linus de Paoli auf den persönlichen Konflikt der Hauptfigur, von der es in der Schwebe bleibt, ob er überhaupt Arzt ist oder es irgendwann einmal war. Dass er jedenfalls illegal praktiziert, wird aus einem Gespräch mit seinem ehemaligen Mentor Dr. Wissmann (Lou Castel) deutlich. Der im Untergrund agierende Dr. Ketel scheint an diesem inneren Konflikt zu scheitern und selbst den sozialen Abstieg zu erleben.

Was „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ besonders interessant macht, ist seine Erzählstruktur. Steht im ersten Teil Ketel im Mittelpunkt, so konzentriert sich das zweite Kapitel auf die Ermittlerin Louise. Der Zuschauer erlebt nun einige Szenen aus dem ersten Teil aus deren Perspektive. Dies fügt dem Film eine neue Ebene hinzu, deren Sinn sich im dritten Abschnitt erschließt, als die beiden Perspektiven zusammengelegt werden. Darin erweist sich die Starermittlerin als regelrechter Engel, der Ketel aus seiner inzwischen prekär gewordenen Lage herausholt.