Armut als erste Kategorie

In manchen Kreisen herrscht Schockstarre. Papst Benedikts XVI. Bitte um Entweltlichung, Papst Franziskus und die Idee einer armen Kirche – das tut weh. Dabei dürfen Katholiken den christlichen Lebensstil neu lernen. Von Monika Metternich

Da tut sich was: Der Blick vom Aventin auf die Kuppel des Petersdoms. Foto: IN
Da tut sich was: Der Blick vom Aventin auf die Kuppel des Petersdoms. Foto: IN

Die römische Aristokratie, so verrät der Vatikanist Matteo Matzuzzi in der italienischen Tageszeitung „Il Foglio“ seinen Lesern, sei verunsichert über Papst Franziskus. Das Ende einer Epoche werde beklagt, alles habe sich verändert. Der Adel Roms fühle sich unwohl, weil er sein Verhältnis zum Heiligen Stuhl in Frage gestellt sehe. „Den Päpsten muss immer gedient werden“, wird einerseits ein römischer Fürst zitiert, auch dann, wenn auf dem Stuhl Petri einer sitze, der bedauerlich wenig mit den weltlichen Riten, den großen Abendessen und dem Pomp zu tun habe. Aber ein Papst, der im Hotel lebe, bescheidener angezogen sei als jeder Kammerdiener im Apostolischen Palast und ein „Wohnzimmer-Christentum“ anprangere, sorge in den römischen Salons auch für Irritation.

War die von Papst Benedikt XVI. bei seiner berühmt gewordenen Freiburger Konzerthausrede geforderte „Entweltlichung“ noch wortreich missverstanden worden und wurde daran anschließend hauptsächlich verhandelt, was er alles sicher nicht damit gemeint haben könne, gibt Papst Franziskus zu demselben Thema kaum Interpretationsspielraum. „Die um sich selbst kreisende Kirche glaubt – ohne dass es ihr bewusst wäre – dass sie eigenes Licht hat. Sie hört auf, das „Geheimnis des Lichts“ zu sein, und dann gibt sie jenem schrecklichen Übel der „geistlichen Mondänität“ Raum. Diese Kirche lebt, damit die einen die anderen beweihräuchern.“ Auch diese ungeschminkte Überlegung Kardinal Bergoglios im Vorkonklave hat die Kardinäle wohl veranlasst, ihn mit großer Mehrheit zum Papst wählen. Einige Übersetzer haben dem Begriff der Mondänität „geistliche Weltlichkeit“ vorgezogen, was die Verbindung zu Benedikt XVI. „Entweltlichung“ sicher noch deutlicher macht. „Mondän“ trifft es jedoch vielleicht doch noch besser, weil man bildhaft vor sich hat, worüber man spricht. Eine Lebensform, die all den Äußerlichkeiten höchste Priorität gibt, die in der Welt zu Ansehen und Bewunderung führen: Schönheit, Reichtum, Einfluss, Bildung, Selbstbewusstsein, Karriere, Sicherheit – und Abgrenzung. „Die da oben“.

Gott nachfolgen, nicht der Karriereplanung

Papst Franziskus setzt ein diametral anderes Bild dagegen, welches nun manch einen verschreckt: Die arme Kirche für die Armen. Nicht nur die uralten römischen Adelsfamilien diskutieren etwas hilflos die neue Situation. Wer sich in den ersten Wochen des neuen Pontifikats in den sozialen Netzwerken umsah, begegnete dieser Debatte auch dort. Die Idee einer „armen Kirche“ stieß durchaus auf Zustimmung: Dass „die Kirche“ künftig „arm und demütig“ sein solle, fand auf Facebook anerkennende Kommentare auch von Nichtkatholiken. Auf sich selbst bezogen den Anspruch wohl die wenigsten. Aber auch kritische Stimmen waren zu lesen: „Will dieser Papst uns denn nun alles verbieten, was das Leben schön und lebenswert macht?“, klagten einige besorgt. „Armut muss beseitigt werden und nicht glorifiziert!“, gaben andere zu bedenken. Die Namenswahl des neuen Papstes nach dem Poverello aus Assisi und sein Plädoyer für eine arme Kirche geben jedenfalls in allen gesellschaftlichen Schichten genügend Stoff zum Nachdenken.

Dass es über die „arme Kirche“ nicht zu denselben fruchtlosen Debatten kommen braucht wie zuvor über Benedikts „Entweltlichung“, verdanken wir einer jungen Frau, die beim Pfingsttreffen der geistlichen Gemeinschaften am Petersplatz einfach die Frage stellte: „Was genau haben Sie gemeint mit einer armen Kirche für die Armen, Heiliger Vater?“ Und was der Papst bereits seit Wochen entlang des Evangeliums in seinen Predigten erklärte, beantwortete er nun vor den Augen und Ohren der Welt in drei einfachen Sätzen: „Armut ist für uns Christen keine philosophische, soziologische oder kulturelle Kategorie, nein! Es ist eine theologische Kategorie. Es ist unsere erste Kategorie, denn der Sohn Gottes, der zu uns herabgestiegen ist, ist arm geworden, um auf unseren Wegen zu gehen.“ Was „arm“ in diesem Zusammenhang bedeutet, erweist ein Blick in den paulinischen Philipperbrief: „Er entäußerte sich all seiner Gewalt und war gehorsam“. Eine arme Kirche ist also die Gemeinschaft derer, die Jesus nachfolgen in seinem Vertrauen und Gehorsam gegenüber dem Vater – zunächst einmal vollkommen unabhängig vom Kontostand des Einzelnen.

Kern dieses „Armseins“ ist laut Franziskus „die Überwindung von allem Egoismus in der Logik des Evangeliums, das lehrt, auf Gott zu vertrauen“. Im Gegensatz dazu steht – was die römischen Granden durchaus ärgern dürfte – nach Franziskus das „verbürgerlichte Herz“, das vor allem auf sich selbst vertraut. Es plant minutiös, es strebt nach Anerkennung, Einfluss und Macht, nährt sich von Ansehen und Abgrenzung. Der christliche Lebensstil, den Papst Franziskus in vielen seiner Predigten dem gegenüberstellt, erscheint überaus attraktiv. Er verspricht Freude, Gelassenheit, Freiheit, Weisheit, Gerechtigkeit, Mut und Tapferkeit, Offenheit und wahre Menschenliebe – aus einer Quelle heraus, die keinen weltlichen Ursprung hat: Weder Erbe noch Name, weder Tüchtigkeit noch Karriere, weder Planung noch Organisation. Diese Quelle ist die göttliche Liebe, aus der alles wächst – und sie betrifft alle Menschen, voraussetzungslos. Diese Quelle ausdrücklich anzuerkennen, ihr zu vertrauen und aus ihr heraus zu wachsen, das bezeichnet die „arme Kirche“. Es ist ein Weg in die Paradoxe des Christentums: Wer klein ist, ist groß. Wer schwach ist, ist stark. Wer verliert, gewinnt.

Der erste Aspekt solcher Armut ist die Kindschaft: Wie hilflos ein Baby ist, wie abhängig sein Leben, sein Wachsen, seine Selbstwerdung von anderen, von der Liebe ist – davon können Christen viel lernen auf dem Weg zum wahren christlichen Stil. Es ist eine Armut, die nichts mit dem Haben oder Nichthaben von Geld zu tun hat, sondern mit grundsätzlicher Bedürftigkeit, auf die mit Liebe geantwortet wird. Liebe, die Schwäche umsetzt in Wachstum, nicht nur körperlich, sondern auch geistig, seelisch – zu wahrer personaler Stärke. Aber warum ist es so schwer, sich als Erwachsener für die Vorstellung zu öffnen, dass da ein Gott ist, dem alle Menschen ihr Leben verdanken, dessen Liebe seine Kinder nährt und so aus Schwäche Stärke wachsen lässt? „Ich glaube, dass es das Herz ist, das sich nicht öffnet, das verschlossene Herz, das Herz, das alles unter Kontrolle haben will“, sagt der Papst. Aber, möchte man entgegensetzen, es ist zuweilen nicht so leicht, sein Leben ganz auf jemanden zu setzen, den man nur ahnen, nicht sehen, den man nicht anfassen kann. Und hier kommt gleichsam die Quintessenz einer „armen Kirche für die Armen“. Das Wort Jesu: „Was du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan“ ist ganz wörtlich zu nehmen. Der Papst nennt es drastisch: „Zum Fleisch Christi gehen“. Wir können Christus begegnen. Nicht allein in der Eucharistie und im Wort, sondern kompakt und handfest im Nächsten. Und wie wir aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter wissen, ist der Nächste jeder, der uns begegnet. Und nun kommen die eigentlichen christlichen Stilfragen ins Spiel: Es genügt nur dem „verbürgerlichten Herzen“, dem Bettler im Vorübereilen ein Scherflein in den Hut zu werfen. Wer Christus wirklich begegnen will, schaut dem Bettler in die Augen, gibt ihm die Hand, kommt ins Gespräch mit ihm. Das entledigt auch der so bürgerlich-vernünftigen Überlegung, ob unsere Münze wohl in gesundheitsschädlichen Alkohol gesteckt wird oder ob sie in skrupellose Hände wandert: Die Begegnung selbst ist es, auf die es ankommt.

Den Kranken ausdrücklich als dem „Herrn Kranken“ begegnen, wie es seit Jahrhunderten bereits das tragende Motto der „Malteser“ ist – was Papst Franziskus sagt, ist für sie nichts Neues, sondern tiefster Kern ihres Tuns, der nichts Frömmelndes hat, sondern eine starke Botschaft „zum Anfassen“ darstellt. Für manch einen Katholiken ist es aber wirklich eine Neuigkeit, die der altbekannten „frohen Botschaft“ echte Freude verleiht. Freude zum Anfassen. Es gibt so viele „arme“ Menschen in so vielen Variationen – auch bei uns. Hat nicht jeder Mensch seine ganz persönlichen Armseligkeiten? In jedem von ihnen – ob klein oder groß – Christus zu erkennen, das ist der christliche Lebensstil, der unverwechselbar ist. Der aus den Christen wirklich „Salz der Erde“ werden lässt gerade in einer Zeit, in der der einzelne Mensch weniger gilt als anonyme Märkte und Geldflüsse, in der wirtschaftliche Überlegungen die Familienpolitik ebenso wie caritative Organisationen am wirtschaftlichen Nutzen, am Mammon orientieren – mit dem Resultat, dass immer weniger Zeit für das Wichtigste bleibt: Für Begegnung. In dieser aber, so Papst Franziskus, ist die Wahrheit zu finden.

Diese Einstellung betrifft umgekehrt auch die schlechten Gewohnheiten im ganz profan erscheinenden Kontext, wie Papst Franziskus weiß: „Wie viel schwätzen wir Christen doch! Die Schwätzerei – das ist doch, als ziehe man sich gegenseitig die Haut ab, nicht? Ein gegenseitiges sich Wehtun. Es ist, als wolle man den Anderen herabmindern: statt dass ich wachse, lasse ich den Anderen kleiner werden und fühle mich groß. Das geht nicht! Es ist süß am Anfang und ruiniert dich dann, es ruiniert dir die Seele! Das Geschwätz ist destruktiv in der Kirche. Es entspricht ein wenig dem Geist des Kain: den Bruder umbringen, mit der Zunge; den Bruder umbringen!“ Noch eine Steigerung des Geschwätzes nennt der Papst: „Fehlinformation, Diffamierung und Verleumdung – das ist Sünde! Das bedeutet, Jesus in der Person seiner Kinder, seiner Brüder zu ohrfeigen!“ Das Wort von der „Augenhöhe“ wurde im „institutionalisierten Dialog“ wahrlich überstrapaziert. Hier soll es noch einmal wie ein Phönix aus der Asche steigen: Auf Augenhöhe mit Christus selbst sein – bei jedem Menschen, dem wir begegnen. Beim pflegebedürftigen Angehörigen, beim schreienden Baby, beim Krankenbesuch, im Altersheim, bei den Pennern am Bahnhof, bei der Betreuung des schulmüden Kindes – der Möglichkeiten zur Begegnung sind keine Grenzen gesetzt. Das würde auch dem vielzitierten „Dialogprozess“ zu einer völlig neuen Wendung verhelfen. Wie Papst Franziskus es bei seiner Antwort vor den geistlichen Gemeinschaften ausdrückte: „Die arme Kirche macht sich auf, zum Fleisch Christi zu gehen.“

Das ist der Unterschied zu einer „mondänen“, zu einer verweltlichten Spiritualität, für die alles eine Sache des Habens und Seins, des strukturellen Machens und strategischen Organisierens ist. Der christliche Stil gründet auf einer doppelten Liebesbeziehung, die keine weltliche Organisation kennt. Eine arme Kirche für die Armen heißt: Sich als Bedürftiger von Christus führen lassen und Christus in den Bedürftigen erkennen und begegnen. Ein solcher Weg erfordert Umkehr – nicht nur die Umkehr der „Mondänen“. Wer sich vor dem herrschenden Gegenwind ängstlich in den von Mauern geschützten, mit Privilegien versehenen „Burgus“ zurückzieht, welchem der „Bürger“ seinen Namen verdankt, dessen Herz wird auch „verbürgerlicht“, verschlossen. Es kreist nur um das eigene Wohl und gibt dem Ansehen den Vorzug vor der Liebe. Einem solchen „verbürgerlichten Herzen“ setzte Papst Franziskus bei der Heiligsprechung von María Guadalupe García Zavala die christliche Alternative entgegen: „Diese neue mexikanische Heilige lädt uns ein, so zu lieben, wie Jesus uns geliebt hat, und das bedeutet, sich nicht in sich selbst zu verschließen, in den eigenen Problemen, den eigenen Ideen, den eigenen Interessen, in dieser kleinen Welt, die uns so sehr schadet, sondern hinauszugehen und denen entgegenzugehen, die der Aufmerksamkeit, des Verständnisses, der Hilfe bedürfen, um ihnen die herzliche Nähe der Liebe Gottes zu bringen durch konkrete Gesten der Feinfühligkeit, der aufrichtigen Zuneigung und Liebe.“

Kardinal Christoph Schönborn sagte bei seiner Pfingstpredigt im Stephansdom, dass Benedikt XVI. mit dem Eingeständnis seiner Schwäche etwas ausgelöst habe, in dessen Folge sich bei vielen in der Kirche die Herzen öffneten. So sei im Vorkonklave ebenfalls über Schwächen gesprochen worden. Und die daraus erwachsende Erkenntnis der Kardinäle hob der Wiener Erzbischof besonders hervor: „Der Heilige Geist sagt: Steig herab vom hohen Ross! Erkenne, dass du Hilfe brauchst.“ Dies sei auch eine Lehre für das persönliche Leben: „Gott gibt uns Zeichen. Wir müssen heruntersteigen von unserer Selbstsicherheit. Wir müssen die Gabe des Rates, die Gabe der Stärke, die Gabe der Weisheit empfangen.“