Apokalyptische Gegenwart

Walker Percys Roman „Liebe in Ruinen“ schildert das Abenteuer eines schlechten Katholiken. Von Professor Hans-Rüdiger Schwab

Der katholische Schriftsteller Walker Percy in der Wildnis fern aller Zivilisation. Foto: IN
Der katholische Schriftsteller Walker Percy in der Wildnis fern aller Zivilisation. Foto: IN

Was für ein Katholik sind Sie?‘ ,N' schlechter.‘ ,Nein, ich meine sind Sie liberal oder konservativ?‘ ,Ich weiß nicht mehr, was diese Begriffe bedeuten.‘ ,Sind Sie ein dogmatischer Katholik oder ein offener Katholik?‘ ,Was das bedeutet, weiß ich auch nicht. Meinen Sie, ob ich an das Dogma glaube, das die Katholische Kirche zu glauben nahelegt?‘ ,Ja.‘ ,Ja.‘ ,Wie ist ein solcher Glaube heutzutage möglich?‘ ,Was gibt es denn sonst?‘“

Auszüge aus einem (leider nie auf Deutsch erschienenen) Interview, das der Autor Walker Percy im Jahre 1979 mit sich selbst führte. Wunderbar lakonisch rücken diese Antworten auf „Fragen, die man mir niemals stellte“ zwei Selbstverständlichkeiten in den Vordergrund, über die damals schon gern hinweggesehen wurde: Katholik zu sein, das bedeutet die Akzeptanz gewisser Überzeugungen, die nicht zur freien Disposition stehen. Und es bedeutet auch, keine anderen Maßstäbe anzulegen als solche der eigenen Integrität.

Walker Percy war ein blitzgescheiter Kopf. Alle seine Arbeiten geben dies zu erkennen. Viele sind es nicht. Neun Bücher zu Lebzeiten, darunter sechs Romane, ein sarkastischer (wie er ihn nennt) „letzter Hilf-dir-selbst“-Ratgeber zur Sinnvergewisserung angesichts der Jetztzeit, sowie zwei Bände mit Essays. Spät erst erschienen sie – seit seinem 45. Lebensjahr. Und doch wurde Percy gleich mit seinem Erstling, „The Moviegoer“ (1960), der ihm den „National Book Award“ eintrug, zum vielbewunderten Autor. Den Durchbruch im deutschen Sprachraum verdankte Percy in den achtziger Jahren Peter Handkes durchaus eigenwilligen Übersetzungen dieses Romans, „Der Kinogeher“, sowie des Folgetextes, „The last Gentleman“, mit Anspielung auf Dostojewski, als „Der Idiot des Südens“.

Bereits vor lag damals der 1971 heraus gekommene dritte jener Romane, auf denen Percys Nachruhm als zeitgenössischer Klassiker der amerikanischen Literatur bis heute beruht. „Love in the Ruins“ („Liebe in Ruinen“) lautet der Titel, mit dem Zusatz „Die Abenteuer eines schlechten Katholiken kurz vor dem Ende der Welt“. Den komplexen Typus, mit welchem der Autor sich in diesem Roman selbst identifiziert, verkörpert hier Thomas More, ein Arzt mittleren Alters und ferner Nachkomme des englischen Heiligen, von dem ihn sein eigener Lebenswandel allerdings erheblich unterscheidet: „Warum kann ich nicht Mores Beispiel folgen, mich selbst weniger lieben, Gott und meinen Nächsten mehr und die Finger vom Whisky und den Frauen lassen?“

Gleich drei sehr unterschiedliche Frauen hat der notorische Erotomane um sich geschart, als er sich dies fragt, fest entschlossen, die Schönen mit der Waffe im Anschlag gegen das herrschende Chaos zu verteidigen. „Abgerissen und leckgeschlagen“ ist nämlich nicht nur er selbst. Dr. More tummelt sich in einer Gegenwart apokalyptischen Ausmaßes, von der „die alten gewalttätigen geliebten USA“ geplagt werden. Guerilla-Aufstände und andere Kämpfe sind an der Tagesordnung: „Rasse gegen Rasse, Rechts gegen Links“ – oder „Hornochsen“ gegen „Weltgleichmacher“ –, „Gläubige gegen Heiden, San Francisco gegen Los Angeles“. Auflösungserscheinungen allenthalben. „Paradise“ in den Südstaaten mit seiner „Love“-Klinik, wo die Handlung spielt, sind sprechende Namen für das Glücksland Utopia – auch darauf verweist untergründig der Name Morus –, wo sämtliche „Bedürfnisse befriedigt werden“. Tatsächlich aber bewegt man sich in Trümmerlandschaften der implodierten westlichen Moderne. Der Schauplatz gleicht einem universalen Scherbenhaufen, auf dem es drunter und drüber geht. In der aus den Fugen geratenen Zeit blüht das Unglück der Individuen kollektiv. „Kein Mensch ist verrückter als die Leute“, heißt es einmal, als wäre der Autor eine Art Nestroy aus Übersee.

Auch Dr. More befindet sich in der Krise: regelmäßig heimgesucht von einem „Grauen“, das sich selbst durch Unmengen von Alkohol nicht bannen lässt. Von jener namenlosen „Sehnsucht“, die er verspürt, vermag er lediglich zu sagen, dass sie den Menschen von der ersten Erinnerung bis hinein ins Sterben begleitet, „sinnlos“ zugleich und ein „Mysterium“. Unheilbar „in den Fängen“ der „Begierde“, steht er aber noch vor einem anderen Problem: „Warum schlägt Verlangen in Kummer um und Erinnerung aufs Herz?“ Dazu beigetragen hat weniger, dass er seine Ehefrau an einen salbungsvollen Esoteriker verlor, als der qualvolle Krebstod der Tochter noch als Kind die beiden traf. In einem Suizidversuch entladen sich diese Spannungen. Bestens vertraut mit jenem „Irrenhaus“, das die Welt ist, lernt er danach auch die Psychiatrie kennen.

Obschon selbst höchst angefochten, bleibt der Arzt ein Helfer für die körperlichen und psychischen Nöte anderer. Nicht nur eingestreute Fallberichte über äußerlich oft unscheinbare Pathologien zeugen davon. „Etwas ganz Alltägliches“ geworden sind „Fremdheitsgefühle“. Sehr weit aus greift Dr. Mores Diagnose der großen Depressivität und Destruktivität. Von einem fatalen Defekt „des westlichen Menschen“ ist er überzeugt, in dessen „Seele“ ein „tiefer Abszess“ wuchere, seit vor fünfhundert Jahren „der berühmte Philosoph Descartes“ mit seinem Dualismus zweier voneinander unabhängiger Substanzen „den Körper vom Geist losgerissen“ und sie „zu einem Gespenst gemacht hat, das im eigenen Haus herumspukt“. Angetrieben von der „Idee, die tiefen Störungen der Seele zu messen und zu behandeln“, gelangt er zu einer revolutionären Erfindung: der eines Apparats, mit dem man endlich „das mannigfache Leid der westlichen Welt“ samt „ihren mörderischen Antrieben“ messen könne. Den „qualitativ-quantitativen ontologischen Lapsometer“ nennt er ihn. Neben einer „Angstskala“ verfügt die Maschine auch über einen „Index“ für „das Leben im Tode und den Tod im Leben“ und ist so imstande, den „metaphysischen Status“ des jeweiligen Probanden sichtbar zu machen. Ein sehr ernstes Thema verbirgt sich hinter der Burleseke. Im gravierendsten Sinne des Wortes nämlich ist der Zeitgenosse nicht mehr eigentlich. „Nur beim Menschen“, konstatiert der sonderbare Analytiker, „verfehlt das Ich sich selber, fällt von sich selber ab (daher Lapsometer).“

Hintergrund für solche Bestandsaufnahme ist eine anthropologische Grundbefindlichkeit: die zwischen Materie und Geist ausgespannte Existenz des Menschen, seine Sonderstellung zwischen den Extremen von „Angelismus“ und „Bestialismus“. Wie bei Pascal (dessen Name der hochbelesene Autor sich spart) ist er „halb Engel, halb wildes Tier“ und wird damit zum Zeichen für die „zerbrochene, gespaltene, in der Mitte geborstene“ Welt insgesamt. Ein später Essay Percys spricht von der „Ortlosigkeit“ des „Selbst“ in einer „modernen Welt“, die man „völlig durchschaubar“ zu machen wähnt und dabei übersieht, dass „das eigene Ich“ doch „immer ein Überbleibsel außerhalb der eigenen Theorie“ bleibt.

Am Rande sei bemerkt, dass der Autor an das anthropologische Motiv im Roman wie beiläufig sein Verständnis der Eucharistie knüpft: Diese ist eben keine Abstraktion, sondern antwortet dem „Zustand des Fleischseins“ des Menschen, welchen es in das eigene Selbstverständnis zu integrieren gilt, will er nicht zu „einer Karikatur der körperlichen Begierden“ absteigen. All dies den eindringenden Leser fordernde Niveau aber grundiert eine Handlung, die vor Merkwürdigkeiten nur so strotzt. „A mock-epic“, einen komisch-parodistischen, wenn man so will: Verlach-Roman, hat man Percys Text genannt. Da er seinen „Lapsometer“ schließlich einer Art Mephistopheles-Figur anvertraut, trägt Dr. More (alias Faust) mit ihm bloß zur Steigerung des vorherrschenden Durcheinanders bei, nicht ohne dem Autor allerlei Gelegenheit zur saftigen Wissenschafts- und Hochschulsatire zu bieten.

Was die religiösen Zustände betrifft, wimmelt es im Ruinengelände neben den herkömmlichen Denominationen von allerlei Arten verfügbarer Spiritualität, in denen Menschen behaupten, auf die Suche nach sich selbst zu gehen. Es gibt „befreite Katholiken“ wie den Pater Kev Kevin, einen „Ex-Priester, jetzt Liebesberater“. Sich affirmativ zu einheimischen Lebensweisen verhaltende stehen neben progressistischen Friktionen. In grotesker Brechung werden die Hauptlinien wie folgt aufgezählt: „Unsere katholische Kirche hat sich in drei Teile aufgespalten: 1. Die amerikanisch-katholische Kirche, deren neues Rom Cicero, Illinois ist; 2. Die holländischen Schismatiker, die an Relevanz glauben, aber nicht an Gott; 3. Der römisch-katholische Rest“ – zu dem auch Dr. More gehört –, „eine winzige zerstreute Herde, die nicht weiß, wo sie hin soll.“

Auf dem politischen Feld feiern „Qualitarianer“ erste Erfolge, „wie die Euthanasisten sich nennen, die gesunden Senioren erlauben, einen ,freudigen Exitus‘ zu wählen“. In seinem letzten Roman, dem Thriller „Das Thanatos-Syndrom“ (1987), wo wir Thomas More wiederbegegnen, hat Percy dieses Thema ausgebaut. Auch ein noch wenige Monate vor seinem Tod veröffentlichter Essay beschäftigt sich damit und verbindet es mit einem anderen, das typisch für eine Gesellschaft unter dem obersten Wert von „Konsumbedürfnissen“ sei. Keineswegs dumpf-materiell versteht der Autor diese, sondern als Orientierung an der „Theorie“ dessen, was einem vermeintlich zukomme. Deshalb „finden es die Liberalen nicht widersprüchlich, dass sie auf der einen Seite Abtreibung und Euthanasie befürworten und auf der anderen Seite die ,Unverletzlichkeit des Individuums‘, die Sorge um die Armen, die Obdachlosen und Unterdrückten“.

Walker Percy ist ein raffinierter Autor und ein grandioser Stilist. Wundersam hinreißend und irritierend zugleich erscheint dieser Roman, dessen Figurenrede für Fans des politisch Beliebigen übrigens manch harte Nuss bereit hält. Ein dichtes Netz von Subtexten ist dem planvoll verwirrenden Inhalt unterlegt, viele davon religiöser Natur. Mit heller Freude können kluge Köpfe sich daran abarbeiten. Nicht in der chronologischen Abfolge, konzentriert sich die Erzählzeit auf die Spanne zwischen dem 1. und 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag. Innerhalb dieser Gegenwartshandlung öffnen sich diverse Zeittiefen. Ein kurzer Epilog „fünf Jahre später“ spielt an Weihnachten. Inzwischen mit einem seiner drei „Mädchen“ verheiratet, ist der Anti-Held, wie die Zeit insgesamt, nun handfester geerdet, ohne dass die schillernde Labilität der eigenen Existenz und erst recht die der öffentlichen Zustände damit als dauerhaft befriedet abzuhaken wäre.

Wie so viele andere katholische Intellektuelle des Jahrhunderts, stößt Percy von außerhalb zur Kirche. Dort findet er etwas, das antwortend mit seinem Leben und jenem Anspruch auf Wahrheit zu tun hat, den er stellt. Zum „wissenschaftlichen Humanismus“, einem der Alternativangebote, wird in jenem eingangs erwähnten Selbstverhör bemerkt: „Das reicht nicht. Eine armselige Aufführung. Das Leben ist ein Geheimnis, die Liebe ist eine Freude. Deshalb ist es ein Axiom für mich, dass man sich mit nicht weniger zufrieden geben sollte als mit dem unendlichen Geheimnis und der unendlichen Freude, d.h. Gott. Tatsächlich: Das fordere ich. Ich weigere mich, mich mit weniger zufrieden zu geben.“

Sein eigenes Leben konfrontiert ihn von früh an mit Fragen auf der Grenze, nach der Gültigkeit der Existenz. Als Sohn eines Rechtsanwalts am 28. Mai 1916 in Birmingham, der Hauptstadt Alabamas, geboren, verliert er zwischen dem dreizehnten und fünfzehnten Lebensjahr beide Eltern. Der Vater begeht Selbstmord, die Mutter stirbt bei einem wohl von ihr provozierten Autounfall. Bei einem Adoptivonkel, der sich auch als Schriftsteller betätigt, wächst der Junge auf. An der Universität wendet Percy sich naturwissenschaftlichen Studien zu: der Chemie zuerst, sodann, an New Yorks bestbeleumundeter Columbia University, der Medizin. Während einer Autopsie infiziert sich der junge Arzt mit schwerer Tuberkulose. Ein Rückfall in die Krankheit vereitelt sein Vorhaben, als Dozent für Pathologie Fuß zu fassen. Dafür arbeitet er viel später noch an einem längerfristigen psychiatrischen Forschungsprojekt mit. Gemeinsam mit seiner Frau war 1946 die Konversion zum katholischen Glauben erfolgt. Vier Jahre später lässt Percy sich in Covington, Louisiana nieder, wo er bis zu seinem Tod am 10. Mai 1990 lebt.

Neben den Traditionen seiner Herkunft ist das Werk dieses Südstaatlers, der wiederholt als legitimer Nachfolger William Faulkners bezeichnet wurde, von vier grundlegenden Einflüssen geprägt, die sich intensiver Auseinandersetzung zumal während seiner Invalidität verdanken: der europäischen Existenzphilosophie seit Kierkegaard, dem amerikanischen Pragmatismus in Gestalt der Zeichentheorie von Charles Sanders Pierce, der Theologie Thomas von Aquins sowie dem russischen Roman. Unter den Bedingungen der Postmoderne werden sie auf einzigartige Weise miteinander verknüpft.

Bevor Percy als Schriftsteller an die Öffentlichkeit tritt, entstehen zahlreiche philosophische, psychologische, medizinische und literaturkritische Beiträge für renommierte Fachzeitschriften. Unter den Essays, die Percys Romane flankieren, haben seine fein durchtriebenen Ausführungen über den Bourbon Prominenz erlangt. Besonders mit den selbstgeschaffenen inneren und äußeren Bedrohungen des Menschen der Gegenwart beschäftigten sie sich, daneben auch mit seinem geistigen Hintergrund. Drei längere sind noch 1999 auf Deutsch erschienen: „Ach, Sie sind katholisch?“ mit dem ebenfalls auf eine glückliche Wendung von ihm zurückgehenden Untertitel: „Essays zu einer Weise, die Welt zu sehen“.

Ein letztes Mal noch wäre auf sein Selbstinterview zurückzukommen. „Ich habe seit Jahren kein gutes Werk getan“, schnoddert der Autor hier. Dem muss allerdings heftigst widersprochen werden. Schließlich gibt es doch seine Bücher. Und die lassen keinen Zweifel zu: Unter den nicht wenigen beeindruckenden Persönlichkeiten, die der kulturelle Katholizismus im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, ist Walker Percy eine der brillantesten.