Apokalypse Woodstock

Das Woodstock Festival vor 40 Jahren galt als der Höhepunkt der Gegenkultur gegen das amerikanische Establishment. Es sollte ein Fest des Friedens und der Musik sein. In Wirklichkeit steckte nur eine kalte Geschäftsidee dahinter und der Mythos Woodstock endete in Matsch und Drogen.

Wiesen bis zum Horizont, Traktoren mähen das hohe Gras, ein verlassenes Landhaus – Impressionen von der Weite Amerikas. Einige Hippies kommen den Hügel herauf, auch auf Pferden; vorn sitzen Langhaarige mit schlappem Cowboyhut, dahinter junge blonde Girlies mit Stirnbändern über wehenden Haaren. Gründerzeitstimmung. Es wird gebaut, eine riesige Holzbühne, 21 Gerüsttürme für riesige wasserfeste Lautsprecher. Der Mythos Woodstock hat begonnen, und wie damals zur Zeit der pioneers wird das Land urbar gemacht. Und dann kommen die Wagentrecks, bis zu fünfspurig rollen die amerikanischen Limousinen der sechziger Jahre heran und verstopfen 20 Kilometer im Umkreis die Straßen.

„Es war das totale Chaos – was da abging, war unbegreiflich“

So beginnt der Film „Woodstock“, der die Legende vom Aufbruch in eine musikalische Gegenkultur mit der Vorstellung vom Aufbruch der ersten Siedler in Amerika verschmelzen wollte. Jedenfalls sollten es so die zu spät Geborenen einmal empfinden. Und so wird der Mythos auch am Leben gehalten, wie etwa durch den amerikanischen Kultautor Thomas Pynchon, der vor wenigen Tagen seinen neuesten Roman „Inherent Vice“ (etwa: „Angeborenes Laster“) herausbrachte und über den die „Washington Times“ schrieb, das Buch handle ausdrücklich von der „Generation Woodstock“. Das Thema sind Kiffer und ihre Phantasien, LSD, Hippies, der Leichtsinn der Blumenkinder, ihre verhunzte Sprache, ihr Sex und immer wieder harter Rock'n' Roll – das war Woodstock. Es war der Angriff auf das Establishment, auf die guten Sitten, der die Popkultur endgültig zur Massenware machte, auch in der Mittelschicht. Eine Bewegung, der sich die Jugendlichen kaum entziehen konnten. Die Hippiekultur war im tiefsten Sinne zugleich auch Ersatzreligion, denn der Hippie betrachtete sich als von Natur aus gut und friedlich, brachte neue Lebensformen der Gemeinschaft hervor, nicht nur in Wohngemeinschaften – man verstand sich auch über Landesgrenzen hinweg. Eine Mischung aus Yoga, Popmusik und freier Liebe gab dem Ganzen die eigentümliche Weihe, beim Woodstock-Festival schon als „mind-blowing“ bezeichnet, als angebliche Bewusstseinserweiterung mit der Sprengung von Normen und Tabus. „Sun kissed“ fühlten sich die Blumenkinder, von der Sonne geküsst.

Und das Festival selbst? War es so blumig? Alles andere als das: Es gab Tote, wegen der Glasscherben allein mehr als dreihundert Fußverletzte pro Tag, und es gab zwei Geburten von Frauen, die sich hochschwanger zum Festival geschleppt hatten. Und es fehlten nicht die beim Rock üblichen Aggressionen auf der Bühne. Pete Townshend, Sänger und Gitarrist der englischen Gruppe „The Who“, zertrümmerte wie gewohnt seine Gitarre und warf die Einzelteile in die Menge der jubelnden Fans. „My Generation“ hieß bezeichnenderweise einer der großen Hits der „Who“ in Woodstock, und für Townshend war es die Generation, die aus Frust um sich schlug und die musikalische Bühne als Lebensform erfand. Aber selbst Townshend als hartgesottener Rocker ekelte vor dieser Apokalypse, die innerhalb weniger Stunden auf dem Festival entstand: „Es war doch das totale Chaos, oder? Was da abging, war unbegreiflich – Krankenbahren, Tote, kotzende Leute und Horrortrips. Ganz Amerika war durchgeknallt.“

In der Luft lag ein Gestank von Sumpf, Haschisch, brennendem Holz und Schweiß. Dabei sollte ja eigentlich alles ganz anders kommen: ein anderer Ort mit weniger Leuten. Und am Anfang stand nur eine Geschäftsidee von zwei Yuppies. Die hatten viel Geld und wollten noch mehr. Also inserierten John Roberts und Joel Rosenmann in „The Wallstreet Journal“: „Junger Mann mit unbegrenztem Kapital sucht legitime Investitionsmöglichkeit und Geschäftsideen“. Mit Gegenkultur hatten die beiden nichts im Sinn, nur mit Geld. Bald standen zwei junge Herren vor der Tür, Michael Lang und Artie Kornfeld, die die Idee zu einem Musikfestival hatten. Man fand auch bald ein Traumgrundstück in Wallkill nahe New York und machte die Sache fest. Doch die Bürger sahen das anders. Sie protestierten und in den Medien war jetzt zu hören: „Wir wollen keine dieser ungewaschenen Schweine in Wallkill“. Die Stadt sagte das Konzert ab. Es war ein kultureller Zusammenstoß, ähnlich wie auch in dem Film „Easy Rider“ dargestellt, ebenfalls von 1969. Bereits an die 60 000 Karten waren verkauft und die vier Veranstalter mussten die Käufer beruhigen, dass doch noch ein Konzert woanders als geplant vom 15. bis 17. August stattfinden würde. Der Milchbauer Max Yasgur in White Lake wurde auf das Projekt aufmerksam und lud die vier von Woodstock Ventures ein. Die Bürger versuchten auch hier zu boykottieren und die „New York Times“ berichtete damals über ein Schild am Ortseingang: „Stoppt das Hippie-Musikfestival von Max. Wir wollen keine 150 000 Hippies hier. Kauft keine Milch.“

Wenn es nur so wenige Hippies gewesen wären. Niemand hatte erwartet, dass am Ende 400 000 kommen würden. Es kamen immer mehr Rock-Fans; und auch Radiodurchsagen, die Fans sollte zu Hause bleiben, halfen nicht. „Drei Tage Frieden und Musik“ war jetzt das Motto und auf dem Plakat war eine Taube auf einer Gitarre zu sehen – den Woodstock-Vogel gibt es noch heute auf der 33 Cent-Briefmarke.

Das Gelände um White Lake war sumpfig und die Veranstalter hatten es vorher gewusst. Der Sommer 1969 war verregnet. Doch das schnelle Geld reizte. Und es war für fast nichts vorgesorgt. Zu wenig Toiletten, zu wenig zu Essen und zu Trinken und kaum medizinische Versorgung. Die Macher wurden einfach von den anstürmenden Fans überrollt, machten noch angrenzende Waldstücke nieder, als sie merkten, der Platz reichte nicht. Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolf beschreibt in seinem frühen Roman „The Electric Kool-Acid Acid Test“ (1968, gleicher Titel in dt.) die Kommunarden der Hog Farm, die auch als Helfer in Woodstock angeheuert wurden. Und als man Angst bekam, es könnte zu Schlägereien und Plünderungen kommen, warb man über Zeitungen als Sicherheitskräfte Polizisten aus New York an, die gerade im Urlaub waren und den Job für 50 Dollar pro Tag machen würden.

Das Festival begann dann sehr kläglich. Viele Musiker hingen in den Staus fest, am Flughafen, oder ihnen wurde keiner der wenigen Hubschrauber gewährt, um zur Bühne zu kommen. So sollte Richie Havens ungeplant als erster auftreten, der verkrampft hinter seiner Gitarre „Freedom“ sang. Dann kam der indische Yogi Sri Swami Satchidananda ans Mikrophon, der allen zurief: „Die ganze Welt wird hierher schauen. Die ganze Welt wird wissen, was die amerikanische Jugend für die Welt tun kann.“ Was sie tat war die Popkultur endgültig in die Alltagskultur zu bringen. Aber wie sie es tat, deutete schon auf ihr Ende. Die Drogenkultur konnten als Bewegung nicht überleben, und dass hier alles beim ersten Regen, der sich schnell einstellte, im Schlamm versank, war ein Zeichen der Zeit. „Es war eine einzige Schlammschlacht“, erinnert sich eine Besucherin. „Woodstock glich einem großen Schweinestall, voller Matsch. Alle rempelten einander, rutschen und schlitterten, es war wie in einem großen Laufstall.“ (M. Evans und P. Kingsbury: Woodstock, Heyne Verlag 2009). Die Bühne war durchgeweicht und die Elektrik so schlecht geerdet, dass die Gitarristen ständig Stromschläge bekamen.

Die Wochenend-Revolutionäre wurden sehr schnell hilflos

Noch nie zuvor hatte sich eine große Menge Menschen so ungehemmt verhalten. Man tanzte nackt, badete nackt in den Seen auf dem Gelände, die kleinen Kinder dazwischen, ebenfalls nackt. Überall Sex und Drogen. Joints wurden gedreht, Arlo Guthrie sang in „Coming into Los Angeles“ über die Angst wegen illegaler Drogen. Es gab Unmengen von Heroin und LSD und viele der Rockfans kamen zum ersten Mal damit in Berührung. Die Helfer der Hog Farm übernahmen diejenigen, die völlig auf ihren Trips ausrasteten. Die Jugendlichen, die zur Wochenend-Revolution aufgebrochen waren, wurden sehr schnell hilflos. Die wenigen Ärzte hatten ständig Kontakt zur Bühne, um soweit wie möglich Hilfe zu dirigieren. Die Veranstalter waren sogar zum Schluss gespalten, ob sie das ganze Gelände zum Katastrophengebiet ausrufen sollten, um die Verantwortung loszuwerden. Aber dazu kam es nicht, obwohl Sanitäter dafür plädiert hatten. Manche der Arzthelfer hatten auch gar keine Erfahrung mit Drogen und kannten ihre Nebenwirkungen nicht. Jetzt waren sogar die aus dem Vietnam-Krieg verhassten Hubschrauber der Army willkommen, die Proviant brachten und Schwerkranke ausflogen. Der Krieg war Thema in vielen Songs und auch einer der Gründe für die Solidarität der Jugendlichen untereinander, die ihre Einberufungsbescheide häufig verbrannten, und in diesem Jahr 1969, in dem 540 000 US-Soldaten in Vietnam waren, auch amerikanische Fahnen während Antikriegsdemonstrationen in Washington. Heute ist Rockmusik zum Teil der psychologischen Kriegsführung der Amerikaner geworden, wie etwa bei den Panzerangriffen auf Bagdad im letzten Irak-Krieg.

Woodstock galt damals als Höhepunkt der Gegenkultur, Amerika war gespalten in seiner Einstellung zur Kultur, und da kam das Peace & Music Festival vielen gerade recht. Die Rock-Fans haben nie wirklich eine Gegenkultur begründet, es war immer Utopie. Die großen Gefühle waren Augenblicksgefühle, die Bewegung konnte nur aus dem Protest leben, nicht aus sich selbst. Die häufige Zerstörung von Musikinstrumenten entblößte eine merkwürdige Symbiose aus Liebe und Anerkennung von Gewalt. So war Woodstock auch bereits ein Symbol für das Ende der '68er.