Würzburg

Apokalypse Jetzt?

Vom Ende aller Tage oder seit wann die Lunte brennt. Eine Meditation im November.

Gemälde von Hans Memling
Ein Gemälde der Apokalypse von Hans Memling. Foto: IN

Jede Zeit hat echte und falsche Propheten. Networker und Influenzer aller Richtungen rufen unüberhörbar: Die fetten Jahre sind vorbei. Über Jahrzehnte galten steigendes Wirtschaftswachstum und Wohlstand als selbstverständlich. Nun scheinen die Ressourcen und Kräfte begrenzt oder sogar aufgebraucht: die Selbstheilungskräfte an Leib und Seele, die Fähigkeit der Natur zur Regeneration, das soziale Netz, die Kraft der Inklusion in den Schulen und der Integration von Flüchtlingen aus Afrika und Arabien.

An manchen Freitagen schwänzen Jugendliche die Schule, um auf die bevorstehende Klimakatastrophe hinzuweisen. Droht die Schöpfung zu kollabieren? „I want you to panic!“, lautet der Ruf zur Umkehr. Panik gilt als ein schlechter Ratgeber, um über das Ende des Lebens und der Welt zu sprechen. Aber vielleicht erzeugt sie einen heilsamen Schrecken. Auf einem apokalyptischen Klimagipfel am Ufer des Jordan nahm Johannes der Täufer kein Blatt vor den Mund. Er beschimpfte und bedrohte seine Zuhörer, nannte sie Otterngezücht und Schlangenbrut (Lukas 3,7–8.17) und forderte die radikale Wende. Die Axt sei schon an die Wurzel der Bäume gelegt, fuhr er fort und malte ein Schreckensszenario: Ein Mann werde kommen. Er halte eine Worfschaufel in der Hand. Mit ihr werde er die Tenne fegen und die Spreu vom Weizen trennen. Die Spreu aber werde er anschließend mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.

Nachhaltigkeit durch Ackerbau und Ernährung gesichert

Das klingt filmreif nach der Hölle auf Erden. „Apocalypse now“ oder „Armageddon“ sind jedoch nicht nur Filmtitel. Sie entstammen einer sehr alten Rede vom Ende der Welt mit dem Jüngsten Gericht und der Wiederkehr Christi. Johnny Cash (1932–2003) beschwört sie in einem seiner letzten Lieder („The man comes around“): „Till armageddon no shalam, no shalom/ Then the father hen will call his chickens home./ The wise man will bow down before the throne,/ And at his feet they'll cast their golden crowns/ When the man comes around.“

Am Anfang stand das Paradies mit einer nachhaltigen Lebensweise und ohne nennenswerte ökologische Fußabdrücke. Die Nachhaltigkeit wurde durch zwei Gesetze zu Ackerbau und Ernährung gesichert. Das erste Gebot war der Auftrag: Bebaue die Erde und bewahre sie! (Genesis 2,15). Das zweite Gebot lautete: Ernähre dich vegan von den Früchten der Bäume im Garten! (Genesis 2,16). Das galt auch für die Tiere. Es gibt Menschen, die ernähren ihren Hund vegan. Doch können sich Löwen von Stroh ernähren? Ja, das ging einst im Paradies und wird eines Tages wieder möglich sein. Alles ist möglich, wenn Visionen wahr werden, meinte der Prophet Jesaja (56,25): „Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind.“ Das ist Zukunftsmusik. Mit dem Sündenfall begann die gegenwärtige Ernährungs- und Lebensweise. Essen bedeutete fortan Vernichtung von Leben. Ein verhängnisvoller Zusammenhang.

Die Erde wird trotz aller Klimagipfel nicht ewig bestehen

Das Leben jenseits von Eden entfaltete sich. Es gab Phasen des Zweifels, der Enttäuschung, der Wut und der Ohnmacht – auch auf Seiten des Schöpfers. Er schickte große Klimakatastrophen und setzte die Erde unter Wasser. Nur Noah und die Seinen wurden gerettet. Ist es ein Zufall, dass „Noah“ zu den beliebten männlichen Vornamen dieser apokalyptischen Zeit gehört?

Die Erde wird trotz aller Klimagipfel nicht ewig bestehen, und die Sonne wird nicht in alle Ewigkeit scheinen. Alles Geschaffene vergeht. So lautet das Gesetz der Entropie. Dieses Schicksal teilt der Mensch mit Raum und Zeit, mit Tieren und Pflanzen, mit Sternen und Nebelmeeren. Die Rede vom Ende der Welt gehörte einst zu den Kernkompetenzen von Judentum und Christentum. Wer die Augen vor den Zeichen der Zeit verschließt, für den kommt das Ende überraschend. Dem wachen Geist aber bleiben sie nicht verborgen. Dem Ende der Welt gehen Boten voraus: der Messias (Judentum) oder – in griechischer Übersetzung – der Christus (Christentum).

„Gegen Israel, den ewig Gottgeliebten, ewig Treuen, ewig Vollendeten, steht der ewig Kommende und ewig Wartende, ewig Wandernde, ewig Wachsende, steht der Messias.“ So schreibt Franz Rosenzweig (1886–1929) in „Der Stern der Erlösung“ (1921). „Gegen den Menschen des Anfangs, Adam, des Menschen Sohn, steht der Mensch des Endes, der Sohn Davids des Königs, gegen den aus dem Stoff der Erde und dem Hauch des göttlichen Mundes Geschaffenen das Reis aus dem gesalbten Königsstamm, gegen den Erzvater der späteste Spross, gegen den Ersten, der sich einhüllt in den Mantel der göttlichen Liebe, der Letzte, von dem das Heil geht zu den Enden der Erde, gegen die ersten Wunder die letzten, davon es heißt, sie würden größer sein als jene.“

Wiedergewinnung einer Sensibilität für die Endzeit

Dass der Gekreuzigte eines Tages kommen werde, zu richten die Lebenden und die Toten, wird in den Kirchen mit dem Mund gebetet, aber nicht mehr mit dem Herzen geglaubt. Der kommende Gott wird den Zeugen Jehovas oder den Freikirchen überlassen. Ein Priester oder eine Pastorin, die vom Weltgericht, von Himmel, Hölle und Fegefeuer predigte und dabei der Gemeinde wie Greta Thunberg zuriefe „I want you to panic!“, geriete in arge Bedrängnis und bekäme vielleicht ein Disziplinarverfahren. Mit dem Verzicht der Predigt von den letzten Dingen („Eschatologie“) ist ein Substanzverlust einhergegangen. Jeder Erneuerungsprozess in der Kirche muss mit der Wiedergewinnung einer Sensibilität für die Endzeit einhergehen. Denn der Blick auf das Kreuz Christi überschreitet die Grenzen der Erde.

Letzte Worte beschließen die Bibel. Wer kennt sie noch? Wer glaubt an ihre Wahrheit? In der Verbannung auf der griechischen Insel Patmos hatte Johannes eine Vision. Er hörte die Stimme Jesu: „Ja, ich komme bald“ (Apokalypse 22,20).

„Ich komme bald“ – ist eine sehr vage Zeitangabe. Das Umstandswort „bald“ bedeutet nicht „gleich“. Für einen Menschen sind siebzig oder achtzig Jahre Lebenszeit viel. Mit neunzig Jahren noch fit zu sein, gilt manchen als erstrebenswert.

Der Mensch lebt in der Zeit, Gott in der Ewigkeit. Eintausend Jahre sind für ihn wie der gestrige Tag. Vielleicht bedeutet das Adverb „bald“ soviel wie „übermorgen“, also zweitausend Jahre. Dann würden die jetzt Lebenden den Anfang des Endes erleben. Gedankenspiele wie dieses führen vor Augen, was mit „bald“ gemeint war: Gott wird kommen.

Gott ist langmütig. Gott hat Geduld

Diese Zusage steht. Auf den Zeitpunkt lässt er sich nicht festlegen. Über die Gründe wiederum ließe sich spekulieren. In Zeiten, als sich die Theologie noch nicht als Magd des Zeitgeistes anbiederte, als sie noch ihr eigenes Profil hatte, lautete eine der klassischen Antworten auf die Frage, warum Gott der Welt noch kein Ende bereitet habe: Gott ist langmütig. Gott hat Geduld. Der Mensch sollte sich auch in Geduld üben und weiter Bäume pflanzen.

Um das Jahr 92 n. Chr. schrieb Johannes auf Patmos ein Buch des Trostes für verfolgte Christen und Christinnen. Er hatte dabei sieben kleine Gemeinden auf dem Gebiet der heutigen Türkei vor Augen. Doch seine Visionen vom Untergang der alten Welt ließen bald auch andere Menschen aufhorchen. „Apokalypse“ bedeutet „Enthüllung“. Ein Vorhang wird zur Seite gezogen und das wahre Bild erscheint. Die Apokalypse führt in eine letzte Haltung vor dem Unabwendbaren. Jetzt geht es nicht mehr um das Bebauen und Bewahren der Erde, nicht mehr um richtiges oder falsches Verhalten. Die Zeit der Entscheidungen ist vorbei. Jetzt befindet sich das Leben am äußersten Grenzposten. Apokalypsen werden als letzte Lektüren für die Palliativstation geschrieben. Hier zeigt sich, ob sie Substanz haben.

Johannes' Zuhörer und Zuhörerinnen waren Jesus gefolgt, der ihnen versprochen hatte, den Anfang einer neuen Zeit zu bringen. Er nannte sie das Reich Gottes. Sie hatten an diesen Jesus geglaubt. Doch alles kam anders. Kein neuer Himmel und keine neue Erde waren in Sicht. Im Gegenteil! Die Zeiten wurden immer schlimmer! Sie wurden wegen ihres Glaubens verfolgt und ermordet. Zuerst unter Kaiser Nero, dann unter Domitian. In den römischen Arenen wurden sie in Tierfelle eingenäht und von Molossern zerfleischt, ans Kreuz geschlagen, mit Pech bestrichen und verbrannt. Wie überlebt man die Tage ohne Durchblick, die Nächte der Verzweiflung, die Monate der Ohnmacht und die Jahre voller Angst? Johannes versuchte eine Antwort auf diese Fragen zu geben. Zuerst einmal rang er selbst um einen Durchblick. Die Gegenwart war fürchterlich.

Hinter jeder Krise ein höherer Sinn

Was werde die Zukunft bringen?, fragte er sich. Er fand eine Antwort. Sie lautete: Hinter jeder Krise steht ein höherer Sinn! Was du jetzt erlebst, das erleben andere auch, ja, deine persönliche Krise ist Teil eines kosmischen Ringens zwischen den guten und den bösen Mächten, zwischen dem Erzengel Michael und dem Satan. Habe nur Geduld! Schon bald wird der Teufel keine Macht mehr haben. Sein Ende ist nahe, seine Tage sind gezählt. Johannes schreibt (Apokalypse 12,12): „Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat.“

Während einer Friedenszeit von eintausend Jahren wird der Satan in der Unterwelt angekettet. Anschließend wird er ein letztes Mal losgelassen. Zusammen mit anderen teuflischen Mächten, Gog und Magog, dem Antichristen und dem großen Tier werden sie für alle Zeit „geworfen in den Pfuhl von Feuer und Schwefel“, wo sie „gequält werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ (Apokalypse 20,10) Dann wird es keine Verfolgung mehr geben, weder Leid, Schmerz noch Tod, denn mit dem neuen Himmel und der neuen Erde ist der ewige Friede angebrochen, und die Erwählten werden Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, alle Tränen werden abgewischt sein und weder Leid noch Tod wird es mehr geben.

Ausgrenzung der gegengöttlichen Kräfte ist fremd geworden

Es gibt ein großes Aufbäumen der Mächte und Gewalten gegen ihre Geborgenheit im Kreuz. Unserer Zeit ist die Ausgrenzung der gegengöttlichen Kräfte fremd geworden. Die Bilder der Apokalypse sprechen von Strafe und Unversöhnlichkeit. Sie widersprechen den Dogmen der Integration und Inklusion. Die Apokalypse sagt: Ihr habt euch die Welt schöngeredet. Jetzt seid ihr an eure Grenzen gestoßen. Es gibt Mächte und Gestalten, die sich nicht in Familie, Schule und Gesellschaft integrieren lassen.

Der Weltuntergang kam nicht. Hatte sich Johannes geirrt? Gab er nur vor, einen Durchblick auf das Ende der Zeit gehabt zu haben? Die Bilder, die ihm der Engel mitgeteilt hatte, waren zu groß, zu gewaltig, als dass Johannes sie hätte abschließend deuten können. Erst recht konnte er ihre Wirkung auf seine Leser und Leserinnen nicht abschätzen. Der Engel hatte ihm spirituelles Dynamit in die Seele gelegt. Johannes hatte es weitergegeben. Seitdem brennt die Lunte.

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