Angst vor der Moderne im Glauben überwinden

Die „Dialoge der Karmeliterinnen“, von der Bayerischen Staatsoper inszeniert als Darstellung der Probleme einer Sekte

Nach der Uraufführung 1957 an der Mailänder Scala wurden die „Dialogues des Carmélites“ sofort von vielen großen Theatern in grandiosen Besetzungen nachgespielt. Die Welt hatte in den Jahrzehnten nach dem Nationalsozialismus und während des Stalinismus unmittelbar verstanden, was der Tod der seligen sechzehn Karmelitinnen von Compiegne unter der Guillotine ihr zu sagen hatte: dass Christen schon im Namen aller möglichen gutklingenden Ideen verfolgt worden sind. Die geschichtliche Brücke zur Französischen Revolution war Gertrud von Le Fort ebenso evident, als sie ihren Roman „Die Letzte am Schafott“ schrieb, wie George Bernanos, als er selbigen in Dialoge brachte, die wiederum Francis Poulenc vertonte. Geschichte erfüllte hier ihre erhabenste Aufgabe: Freiheit zumindest als innere, als imaginierte im Spiegel mutiger Vorfahren zu gewähren.

Das Gegenwartstheater will bekanntlich mit Geschichte nicht viel zu tun haben. Was zu diesem Zweck notfalls aus einem Stück werden kann, ist seit vergangenem Sonntag an der Bayerischen Staatsoper zu besichtigen: Der Karmel erscheint hier als amerikanische Sekte, irgendwo zwischen Quäkern und Mormonen, die in biederen 50er-Jahre-Kleidern in einem streng verschlossenen Bretterverschlag nach völlig eigenen Regeln leben. Von der Polizei vertrieben, steigern sie sich unter dem Druck eines der Sektenmitglieder in immer größeren Fanatismus hinein, bis sie sich schließlich am Ende mittels Gasflaschen selbst in die Luft sprengen wollen. Die Hauptfigur Blanche aber rettet die ehemaligen Glaubensgenossinnen vor dem Tod – und fliegt stattdessen selbst mit dem Bretterverschlag in die Luft.

Das eigentlich Absurde an der Produktion ist nicht diese Story, die sie uns erzählt, sondern dass man sie dabei nicht einmal religionskritisch nennen könnte. Nein, die Geistgemeinschaft wird durchaus sympathisch dargestellt, man lebt im Gebet, als Selbstversorger, in tätiger Nächstenliebe und Fürsorge. Aber all das erscheint ungefähr so fremd, als ginge es darum, einen afrikanischen Stamm kurz vor dem Aussterben zu porträtieren. Rein handwerklich macht Regisseur Dmitri Tcherniakov seine Sache nicht schlecht: Die Figuren sind plastisch, Emotionen und Vorgänge detailliert gearbeitet, es gibt teilweise tolle Bilder mit Nebel- und Lichteffekten. Nicht zuletzt ist die Inszenierung fein aus dem Text entwickelt – der hier aber unter fortwährender Auslassung seines Eigentlichen gelesen wird. Die Geschichte der Blanche wird korrekt im Existenzialismus, in der radikalen Verlorenheit des Einzelnen in der Massengesellschaft verortet. Tcherniakov arbeitet die Linie von Kierkegaard zu Bernanos her-aus – und vergisst dabei, dass beide Autoren die existenzielle Angst des modernen Menschen nur im Glauben für überwindbar hielten. Auch im Stück flüchtet sich Blanche tatsächlich zunächst nur vor der Welt in einen Orden – um auf hartem Weg den Sinn des Glaubens erst zu finden. Und ebenfalls im Stück gibt es eine Nonne, die die anderen dazu aufpeitscht, das Martyrium zu suchen – und der als Kontrast die rechtmäßige Oberin gegenübergestellt wird, die zum Martyrium jederzeit bereit ist, aber bis zum letzten Atemzug jedes Heldentum zurückweist, das Gottes Willen vorauseilt.

Wollte eine Inszenierung des Stückes wirklich zeitgenössisch sein: Nichts läge näher, als hier den Märtyrerbegriff des gegenwärtigen Islamismus gegen den tradierten des Christentums auszuloten. Die vorliegende aber macht die Christen sogar noch für ihre eigene Verfolgung haftbar. Aus der Zeit gefallen, kein Mensch der Gegenwart zu sein, ist hier schon das Todesurteil, das der Mensch sich selbst spricht. Adorno hätte seine pessimistische Freude gehabt: Nur das Bestehende, sagt er bekanntlich, werde noch als vernünftig gelten, alle Hoffnungen aus Religion, Historie und Kunst als falsch denunziert. Allenfalls für Menschen, so die Regie, könne man vielleicht noch sterben, niemals aber für einen Glauben. Schade nur, dass in der Oper andauernd für Träume gestorben wird.

Ach ja: Generalmusikdirektor Kent Nagano lieferte ein fabelhaftes Dirigat, hört das Orchester differenziert aus, erzeugt vielfältige Farben und hält wunderbar die Spannung. Über die Sänger(innen) ließe sich vieles sagen, aber angesichts der Tatsache, dass sie fast das ganze Stück im Bretterverschlag hocken und man sie daher oft nur gedämpft hört, erlauben wir uns, hier ebenfalls alle Konventionen fahren zu lassen. Wo es nichts Kritisches mehr gibt, kann es schließlich auch keine Kritik mehr geben. „Oft aber werden Klassiker nur mit einer zeitgenössischen Hülle versehen“, schrieb kürzlich die Regisseurin Andrea Breth, „und alles wird wegnivelliert, was uns nachhaltig irritieren könnte, weil es in unserem Leben nicht mehr verankert ist: Sei es die Religion, sei es die Moral, sei es das Tabu, die Utopie oder andere furchtbar unzeitgemäße Themen. Wir passen uns der Ästhetik der Medien an, suchen einen Wiedererkennungseffekt, der Erfolg verspricht, statt Irritation, Verunsicherung.“ Am Ende wütender Buhsturm im Publikum, dem begeisterte Bravorufe antworten.