An die leidenden Flüchtlinge erinnert

Der Maler Oskar Kokoschka stellt besonders in seiner Zeit im Prager Exil die Not der Menschen dar. Von Alexander Riebel

Plakat von Oskar Kokoschka: Rettet die baskischen Kinder! Foto: Museum
Plakat von Oskar Kokoschka: Rettet die baskischen Kinder! Foto: Museum

Als hätte er die Weihnachtsbotschaft von Papst Franziskus gehört: Der Maler Oskar Kokoschka (1886–1980) hatte sein Werk besonders um die Zeit des Zweiten Weltkriegs den Flüchtlingen, Frauen und Kindern in Not gewidmet. Unter anderem zu diesem Thema hat das Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg Werke von Kokoschka ausgestellt, die seine Zeit in der Prager Kulturszene beleuchten.

Der in Niederösterreich geborene Maler war von Ende September 1934 bis Mitte Oktober 1938 in Prag; als „entarteter“ Künstler konnte er nicht mehr auf deutschsprachigem Gebiet arbeiten. Er galt als „Hitlers Kunstfeind Nr. 1“. Kurz vor seiner Flucht nach London tauschte er sogar am 30. Juli 1938 seine österreichische Staatsbürgerschaft gegen die tschechoslowakische.

Auffällig sind gerade in Kokoschkas Zeit der Emigration die christlichen Themen. So beschäftigte er sich in Prag auch mit dem Barock und dem Marienkult. Zu ihm findet er ohnehin leicht Zugang, weil sich Kokoschka auch mit dem Wandel vom Patriarchat zum Matriarchat in der Forschung hingezogen fühlte, allerdings ohne sich dabei dem Feminismus anzunähern; vielmehr war hier auch eine Reaktion gegen das Machtstreben des Nationalsozialismus spürbar. Im Barock sah er das „Aufleben der Idee der Mutterschaft“, wie sie im Marienkult deutlich wird.

Für die Aufnahme der baskischen Kinder plädiert

Noch nach dem Zweiten Weltkrieg, 1956, wird Kokoschka „L'enfant de Bethlehem“ zeichnen, „Das Kind von Bethlehem“. Eine am Boden knieende Frau in Schwesterntracht hält ein schreiendes Baby im Arm, im Hintergrund angedeutet fahren Panzer in einer Häuserschlacht. Die Szene, die die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind andeutet, könnte überall sein; Kokoschka dachte hierbei an die Niederwerfung des ungarischen Volksaufstands 1956. Bereits 1937 hatte Kokoschka eine Farblithographie angefertigt, die dann als Plakat in den Straßen Prags hing. Der Titel war „Helft den baskischen Kindern“. Hier ist nicht Guernica, sondern Prag als Hintergrund gewählt, das bereits Opfer der deutschen Luftwaffe war. Kokoschka wollte mit dem Bild ausdrücklich auch auf die Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in München reagieren. Rückblickend schrieb er später über das Bild: „1937 fand diese angekündigte Schau in den Räumen des Antikenmuseums in der Galeriestraße in München auch tatsächlich statt und wurde nachher in Wien, der Hauptstadt der neuen Ostmark, wiederholt. Ich antwortete mit einem Plakat in den Straßen Prags, auf welchem ich für die Aufnahme der baskischen Kinder, der Opfer des faschistischen Überfalls auf Guernica, in Böhmen plädierte und zugleich vor einem zu erwartenden Überfall auf Prag warnte, indem ich im Hintergrund meines Bildes den von Bomben in Brand geschossenen Hradschin zeigte. Diese Plakat musste von der Prager Polizei von den Mauern gerissen werden, um unerwünschte diplomatische Verwicklungen zu vermeiden, doch nachts klebten es junge Leute wieder an. Der deutsche Sender aus Breslau drohte mir: ,Wenn wir nach Prag kommen, wirst du am ersten Laternenpfahl hängen‘.“ 1945 hat Kokoschka die Lithographie „Christus hilft den hungernden Kindern“ geschaffen, eine Darstellung Christi am Kreuz, der sich hinabbeugt, um hungrige Kinder zu trösten. Inspiriert hatte Kokoschka eine Figurengruppe auf der Karlsbrücke. Der Druck war so erfolgreich, dass er über die festgelegten 5 000 Exemplare auch in Südamerika nachgedruckt wurde, hier mit spanischer Inschrift. Im Original ist auf dem Kreuz in englisch zu lesen: „In Erinnerung an die Kinder in Europa, die wegen Kälte und Hunger an diesem Weihnachten sterben mussten.“

Der Sohn eines Goldschmieds, Oskar Kokoschka, der sich entschieden hatte, die Naziherrschaft in Prag abzuwarten, fühlte sich auch geistig zu dem Land hingezogen. Er las eifrig in Biographien über Amos Comenius, den tschechischen Humanisten.

„Wie Comenius erlebte Kokoschka Verfolgung“

Der Pädagoge Amos Comenius hatte in seinem Werk „De rerum humanarum emendatione consultatio catholica“ einen Friedensgerichtshof vorgeschlagen, um die Menschen von Irrlehren zu befreien und zum Frieden zu erziehen. Der Völkerbund von 1920 nahm diese Ideen auf. Auch auf Denken und Werk Kokoschkas nahmen diese Ideen Einfluss. So porträtierte er den Präsidenten der tschechoslowakischen Republik, Tomas Garrigue Masaryk, links im Hintergrund ist Comenius zu sehen. Kokoschka schätzte den Humanisten so sehr, dass er über ihn schrieb: „Die größte Revolution der Menschheit gegen Tyrannei und Barbarei war nicht der Sturm auf die Bastille, sondern die Internationale Verpflichtung zur allgemeinen, freien und obligatorischen Elementarschule, wie sie in dem Via Lucius des Amos Komensky beschrieben ist.“ Mit der Elementarschule war eine „übernationale Volksschule“ unter der Kontrolle der Nationen gemeint, die zu Frieden und Abrüstung führen sollte. 1936 begann Kokoschka an Arbeiten zu einem Theaterstück, das Via Lucius heißen sollte. Im höchst lesenswerten Katalog zur Ausstellung heißt es: „Wie Comenius erlebte Kokoschka Verfolgung und Exil und fühlte sich als Weltbürger und Erzieher der Jugend.“

Den humanistischen Idealen Kokoschkas war vorausgegangen, dass er sich im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger in einem Dragoner-Regiment gemeldet hatte und durch Kopfschuss sowie Bajonettstich schwer verwundet wurde. Diese Hintergründe geben seinem Humanismus noch eine stärkeres Gepräge und lassen den Bogen dieser außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit bis zu den drei ersten Dokumenta-Ausstellungen in Kassel spannen, an denen er noch teilnahm. Doch das führt über die sorgsam konzipierte Regensburger Schau hinaus.

Oskar Kokoschka und die Prager Kulturszene. Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, verlängert bis 1. Februar. Dr.-Johann-Maier-Str. 5, 93049 Regensburg. Di bis So 10.00 bis 17.00 Uhr, Do bis 20.00 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog aus dem Wienand Verlag verfügbar. www.kunstforum.net