Amos Oz mit „Mount Zion Award“ ausgezeichnet

Amos Oz
Der Schriftsteller Amos Oz. Foto: dpa
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Der Schriftsteller Amos Oz. Foto: dpa

Der israelische Schriftsteller Amos Oz ist für seinen Roman „Judas“ mit dem „Mount Zion Award“ 2017 ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede in der deutschsprachigen Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem plädierte der 78-Jährige am Sonntagabend angesichts von wachsendem Fundamentalismus für Neugier, Kompromissbereitschaft und einen ernsthaften Dialog.

Der seit 1987 alle zwei Jahre verliehene und mit 20 000 Euro dotierte Preis des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern und der Dormitio-Abtei gilt dem Bemühen um Verständigung der Religionen und Kulturen im Heiligen Land – und gerade hier, im jüdisch-christlichen Dialog, habe Oz mit seinem Roman eine wichtige Lücke geschlossen.

„Bis heute wurde eine Person im jüdisch-christlichen Dialog vergessen, und das war Judas Iskariot“, sagte Verena Lenzen, Leiterin des Luzerner Instituts, anlässlich der Preisverleihung, zu der neben zahlreichen Vertretern der Kirchen und des Judentums auch ehemalige Preisträger kamen. Dieser Judas habe als Inbegriff des Feindes und Inkarnation des Bösen in seiner mittelalterlichen Darstellung einen „fatalen Einfluss“ gehabt und für den Anti-Judaismus bis ins 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle gespielt. Oz hingegen greife die Figur des Judas in einer Weise auf, die „große Fragen der Geschichte und ihrer Wendepunkte“ reflektiere.

Das Aufwerfen von Fragen und die Inspiration, bei der Suche nach Antworten in den Dialog zu treten, machen auch nach Worten von Clemens von Goetze, deutscher Botschafter in Israel, den besonderen Wert von Oz' „Judas“ aus. Fragen, so Goetze in seiner Laudatio, habe auch Oz Romanprotagonist Schmuel Asch an die Rolle des Judas: War er wirklich der Verräter oder vielleicht der treueste Anhänger Jesu, der dessen wahre Größe zeigen wollte? Wo beginne, wo ende Verrat, und sei ein Abweichen von der Mehrheitsmeinung bereits als Verrat zu werten? Aus der Sicht der Romanfigur sei dies nicht so einfach zu bestimmen.

In Schmuel Aschs Version, sagte Amos Oz in seiner Dankesrede, „ist Judas nicht der Verräter, sondern glaubte mehr an Jesus als dieser selbst. Ich denke, diese Version macht mehr Sinn!“ Die Gleichsetzung von Judas mit Verräter habe es stattdessen „annähernd unmöglich“ gemacht, „eine klare Linie zwischen Jude und Judas zu ziehen“. Einzig in Hebräisch stehe der Name Judas – Yehuda – unter keinem Verdacht. In allen dreißig Übersetzungen hingegen laute der Titel seines jüngsten Werkes einfach „Judas“, Synonym für Verräter in der westlich-christlichen Welt.

In Folge der fatalen Gleichsetzung habe es über 2 000 Jahre praktisch keinen jüdisch-christlichen Dialog gegeben. Dessen Anfänge wiederum hätten den Fokus auf „Nettigkeiten. Lächeln und Entschuldigungen“ gelegt. „Wir müssen über dieses Anfangsstadium hinauskommen und über ernsthafte Dinge reden“, forderte Oz, „darüber, was wir gemeinsam tun können in dieser Welt, die zunehmend fanatischer wird“. Abhilfe sieht er im „moralischen Wert der Neugier“, denn wie gute Literatur stoppe der Neugierige nicht beim Blick ins Fenster des anderen. Vielmehr versuche er, „die Welt durch ein anderes Fenster zu sehen, um den anderen auf halbem Weg zu begegnen“.

Eine zweite Tugend machte der Autor als moralisch grundlegend wichtig aus: Kompromissbereitschaft als „Geheimnis einer guten Ehe, Nachbarschaft und Elternschaft, sowie letztlich als Geheimnis für eine Lösung für Jerusalem. „Ich glaube, was Jerusalem braucht, ist keine magische Formel, keine Absolution, keine Erlösung, sondern Lösungen. Jerusalem braucht heute schmerzhafte Kompromisse.“ DT/