Am Kern des Lebens

Michael Kleeberg schreibt in „Vaterjahre“ an der Biographie seiner Romanfigur Karl Renn weiter. Von Gerhild Heyder

Eine Familie spaziert über die Hamburger Elbbrücken. Foto: dpa
Eine Familie spaziert über die Hamburger Elbbrücken. Foto: dpa

Karl „Charly“ Renn, auch Karlmann genannt, ist den Lesern Michael Kleebergs spätestens seit seinem gleichnamigem Roman aus dem Jahr 2007 bekannt, in dem der Protagonist sein Dasein in den Umbrüchen der 80er Jahre reflektiert.

Im soeben erschienenen neuen Roman (nach „Das amerikanische Hospital“, DT vom 1.10.2011) begegnen wir Karlmann wieder. Der Anfang Vierzigjährige ist inzwischen in den 90er Jahren angekommen, verheiratet mit einer Ärztin, Vater von zwei kleinen Kindern und Besitzer eines Eigenheims vor den Toren Hamburgs, beruflich erfolgreich – ein innerlich und äußerlich perfekt erscheinendes Leben. Doch auch die vermeintlich heile Welt birgt Gefahren, Abgründe, Verlustängste.

Die Geschichte beginnt mit dem krebskranken Hund der Familie, er muss eingeschläfert werden und die sechsjährige Tochter, zum ersten Mal konfrontiert mit dem Tod eines geliebten Wesens, ist untröstlich und bemüht, die Erklärungsversuche der Eltern („Bella kommt in den Hundehimmel!“) zu verstehen. Natürlich möchte Karl seine Tochter vor Schmerz und Leid bewahren und weiß gleichzeitig um die Unmöglichkeit dieses Wunsches.

Eine alltägliche Geschichte, wie sie in jeder Familie vorkommt. Bei Karl Renn löst sie jedoch beinahe eine Existenzkrise aus, die Vergänglichkeit allen irdischen Lebens, die innige Liebe vor allem zu seiner erstgeborenen Tochter („man muss nicht alle Kinder gleich lieben“) und die Vergeblichkeit des Festhaltenwollens bringen ihn zu hochphilosophischen und -psychologischen Betrachtungen des ewigen Werdens und Vergehens.

Dabei geht Karl Renn immer weiter zurück in die eigene Vergangenheit und die seiner Familie, beschreibt die Geburt seiner Tochter als das große Wunder seines Lebens und seine kleine Familie gleichsam als Wiederkehr der Heiligen Familie in Bethlehem – mit sich in der Rolle des Joseph als sorgenden und verantwortlichen Ernährers. Dem ging die größte Krise seines Lebens voraus, der berufsstressbedingte physische und psychische Zusammenbruch mitten auf der Autobahnbrücke und die daraus folgende Erkenntnis der für ihn wirklich lebenswichtigen Dinge – und Menschen. Schonungslos und detailliert geht Karl mit sich ins Gericht, kann aber in seiner Ichbezogenheit eine gewisse Selbstverliebtheit nicht verbergen. Dass er dann relativ schnell nach dem Zusammenbruch seinen Traumjob in einem alteingesessenen Hamburger Handelskontor angeboten bekommt, ist für den Erfolgsgewohnten nur folgerichtig, obwohl er durchaus Selbstzweifel zulässt und immer wieder seine Suche nach einem übergeordneten Sinn und Trost formuliert – mögliche (wenn auch nicht gesicherte) Hoffnung liegt für ihn im Christentum, das sich in vergleichenden Bildern im Text manifestiert.

Aus dem Mikrokosmos Kleinfamilie entfaltet Michael Kleeberg einen Makrokosmos, endend ausgerechnet und höchst symbolisch am 11. September 2001, als nacheinander zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York rasen. Dem von der islamistischen Terrororganisation al-Kaida gesteuerten Selbstmordanschlag fallen mehr als 3 000 Menschen zum Opfer.

Der Baum des Lebens erstreckt seine Äste in alle nur denkbaren Richtungen – Geburt und Tod, Kindheit und Altern, Freundschaft und Verrat, Freude und Schmerz, Erfolg und Scheitern, Schicksal. Nichts wird ausgespart, die ostdeutsche Familie seiner Frau, mit der er nicht warmwerden kann, ebenso wenig wie die Arbeitsbedingungen des besten Freundes bei McKinsey oder der soziale Absturz des Cousins. Dabei verliert sich der Autor mitunter in Details – Golfanhänger werden ihre Freude haben an den seitenlangen Ausführungen einer Partie. Dennoch nimmt er den roten Faden immer wieder auf und spinnt ein feines Gewebe aus den unzähligen losen Enden. Michael Kleebergs aktuellem Roman gelingt ein Kunststück. Er zeugt gleichzeitig von umfassender Bildung und Belesenheit des Weitgereisten und einer präzisen detektivischen Beobachtungsgabe, gepaart mit tiefempfundener Menschlichkeit und Kritik an unserer materialistisch ausgerichteten Welt – ohne die eigene Widersprüchlichkeit auszuklammern.

„Vaterjahre“ trägt zweifellos autobiografische Züge, verflochten mit Abbildern unschwer zu erkennender prominenter Zeitgenossen. Man fragt sich, was der 1959 geborene Schriftsteller diesem Werk noch folgen lassen will – eigentlich ist das ganze Spektrum des Lebens in dem seinem Vater gewidmeten Opus enthalten.

„Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen und wir sind frei.“ – Psalm 124, zitiert auf der Website von Michael Kleeberg.

Michael Kleeberg: Vaterjahre. DVA, München 2014, 512 Seiten, EUR 24,99