Am Anfang war der Algorithmus

Provokanter Auftritt des zu Unrecht umjubelten Historikers Yuval Noah Harari. Von Stefan Rehder

Es war nicht frei von Ironie. Da wollte der Deutsche Ethikrat unter dem Titel „Des Menschen Würde in unserer Hand – Herausforderungen durch neue Technologien“ auf seiner diesjährigen Jahrestagung anlässlich seines zehnjährigen Bestehens in Berlin einmal ganze zwei Tage lang, statt wie üblich einen, über die ethischen Probleme diskutieren, welche die heute und voraussichtlich künftig möglichen Eingriffe in das menschliche Erbgut und das menschliche Gehirn aufwerfen, und ausgerechnet der Hauptredner zog ihm gleich zu Beginn jenen intellektuellen Boden weg, ohne den es keine vernünftige Debatte geben kann. Anders formuliert: Nähme man den vom Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, als „Keynote-Speaker“ angekündigten israelischen Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari (Homo Deus. Eine kurze Geschichte von Morgen, C.H. Beck, München 2017. 576 Seiten, 24,95 Euro) ernst, so hätte die Tagung – wegen Sinnlosigkeit – nach einer guten Stunde beendet werden müssen.

Chemie, Biologie und Physik hätten gezeigt, dass der freie Wille eine reine Fiktion und ein „leeres Konzept“ sei. „Es gibt“, so Harari, der an der Universität von Jerusalem lehrt, „keinen einzigen freien Akt im Kosmos“. Die Vorstellung, dass der Mensch zu geistigen Einsichten fähig sei, weshalb Verstand und Gefühle mitunter miteinander im Widerstreit lägen, sei schlicht „nicht real“. Tatsächlich gäbe es nur „Gefühle“. Diese wiederum seien bloße „biochemische Algorithmen“. „Organismen“, verstieg sich Harari in seinem kruden biologischen Determinismus weiter, „sind Algorithmen und Algorithmen können Organismen hacken.“

Man fühlte sich an Richard Dawkins erinnert. Der Evolutionsbiologe und aggressive Atheist, der Gläubige für geisteskrank hält, hatte in seinem 1976 erschienenen Buch „Das egoistische Gen“ (engl. The Selfish Gen) den Menschen als „Überlebensmaschine“ definiert. Als „Roboter, blind programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden“. Das Buch, das der britische „Guardian“ im Jahr 2016 immer noch auf Platz 10 einer Liste mit den 100 besten Sachbüchern setzte, hat Dawkins zum Millionär gemacht und seinen Ruf, einer der einflussreichsten Wissenschaftler der Gegenwart zu sein, begründet. Und das, obwohl seine „Theorie“ ebenso wie die von Harari nicht einmal den Selbsttest zu bestehen vermag.

Denn wenn der Mensch, wie Harari behauptet, letztlich eine von biochemischen Algorithmen angetriebene Maschine wäre, dann wäre selbstverständlich auch Harari eine solche. Dann aber wären auch seine „Einsichten“ in die angebliche Nichtexistenz eines freien Willens sowie alles andere, was „er“ in „Homo Deus“ niederlegt, bloße Nebenprodukte der ihn antreibenden Kräfte. Gleiches gälte natürlich auch für den Autor dieses Textes sowie dessen Leser, deren jeweilige Standpunkte auch nur das Ergebnis, wenn auch offenbar anderer biochemischer Algorithmen wären. Selbst die Forderung, die Debatte wegen Sinnlosigkeit zu beenden, wäre – obwohl richtig – nur scheinbar vernünftig, da auch sie – statt auf Einsicht in das Dargebotene – nur auf einem weiteren biochemischem Algorithmus fußen könnte.

Dass es keineswegs damit getan ist, sich angesichts solcher intellektuellen Tiefflüge, je nach Gemüt, enttäuscht oder auch belustigt zurückzulehnen, liegt daran, dass, wie schon das Beispiel Dawkins zeigt, die Wirkmächtigkeit einer Theorie durchaus in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu dem Wahrheitsanspruch stehen kann, den sie eigentlich zu erheben vermag. Mit anderen Worten: Setzt sich der Gedanke fest, dass der Mensch nichts anderes als eine Ansammlung biochemischer Algorithmen sei, dann ist der ideologische Boden bereitet, um Menschen mithilfe moderner Technologie nach Strich und Faden zu manipulieren.

Und was Harari diesbezüglich zu bieten hatte, verdient tatsächlich Beachtung. So könnten etwa E-Book-Lesegeräte künftig mit Biosensoren ausgestattet werden, welche die „Gefühle“ aufzeichneten, die Menschen bei der Lektüre von Literatur empfänden. Lese man damit etwa einen Klassiker von einem Umfang wie „Krieg und Frieden“ von Tolstoi, dann „wisse“ das Gerät am Ende mehr über einen als man selbst oder die eigene Mutter, fuhr Harari fort.

Mit dem Verschmelzen von Informationstechnologie und Biotechnologie werde das „Ende des Humanismus“ eingeleitet, der von einem „Dataismus“ abgelöst werde. Zwar werde Künstliche Intelligenz kein eigenes Bewusstsein entwickeln, doch werde ihre Fähigkeit, großen Datenmengen zentral zu verarbeiten, ganz neue Formen der Herrschaft, des Wirtschaftens und des Zusammenlebens generieren. Das Credo eines solchen Dataismus laute: „Der Algorithmus hat immer recht“. Und weil die Menschen ihnen vertrauten, würden zukünftig Algorithmen darüber „entscheiden“, „wo wir arbeiteten, wie wir wohnen und wen wir heirateten“. Freie Märkte und Wahlen gründeten auf der Annahme, dass der Mensch ein freies Wesen sei. Sobald aber externe Entitäten den Einzelnen besser kennen als er sich selbst, sei es damit vorbei. Der Liberalismus, prophezeite Harari, werde an dem Tag zusammenbrechen, an dem eine künstliche Intelligenz uns besser kenne als wir uns selbst. Politik werde dann nur noch ein „emotionales Theaterspiel“ sein.

Wenn Algorithmen Organismen hacken könnten, könnten sie auch neue Formen von Organismen schaffen und designen, behauptete Harari. Das gelte sowohl für „organische wie auch anorganische“ Organismen. Die Cyborgisierung des Menschen und die Humanisierung von Computern würden gewissermaßen Hand in Hand gehen.

Zuvor hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble den Mitgliedern des Deutschen Ethikrats, der Bundesregierung und Parlament in bioethischen Fragen beraten soll, für ihre Arbeit gedankt und ihr ehrenamtliches Engagement gewürdigt. Dabei hatte sich der CDU-Politiker auch selbst leidlich positioniert. „Fortschritt kann man gestalten, aufhalten kann man ihn nicht.“ Dass damit keineswegs gemeint war, man müsse zu jeder Entwicklung ein grundsätzliches „Ja und Amen“ sagen, machte der Parlamentspräsident auch deutlich: „Vielleicht braucht es“, so Schäuble, „in der Gentechnik auch mal ein klares ,Nein‘. Ein ,mit uns nicht‘ um unsere Werte zu erhalten.“

Manipulierbar seien Menschen und Maschinen. Er glaube trotzdem „an Vernunft und die Möglichkeit der Weiterentwicklung des Menschen“. Und vielleicht sei es ja gerade dieser Optimismus, der ihn von einem Algorithmus unterscheide, meinte Schäuble, der von Hararis Bestseller offenbar schon Kenntnis erlangt hatte.

Vollkommenheit sei das Versprechen der Tyrannen und führe in den Totalitarismus, so Schäuble weiter. Gerade die Deutschen wüssten, wohin ideologischer Fortschrittsglaube führen könne. Und deswegen stehe die Menschenwürde in Deutschland heute über allem.

„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie! Sie sinkt mit euch. Mit euch wird sie sich heben“, hatte Dabrock in seiner Begrüßungsrede aus Friedrich Schillers Gedicht „Der Künstler“ zitiert. Wie schwer jenes Heben jedoch ist, wurde im Verlauf der weiteren Tagung mehr als nur einmal deutlich.

Während etwa die einen Eingriffe in die menschliche Keimbahn oder in das Gehirn – zum Beispiel zur Therapie frontotemporaler Demenz – unter Berufung auf die Menschenwürde für gerechtfertigt ansahen, lehnten andere derartige Manipulationen aus demselben Grunde ab. Die Göttinger Medizinethikerin Claudia Wiesemann stellte gleich mehrere, einander widerstreitende Konzepte vor, so etwa das Modell der „Menschenwürde als Instrumentalisierungsverbot“ nach Immanuel Kant, oder die „Ethik des Selbstsein-Könnens“. Die Theologin Hille Hacker, Professorin für theologische Ethik an der Loyola-Universität Chicago, befand zwar, Menschenwürde sei ein „intersubjektiver Begriff“, zeigte jedoch, indem sie ihn sowohl vom Autonomie- wie vom Unantastbarkeitsgedanken abgrenzte und als „verletzliche Freiheit“ definierte, dass er sich eben gerade nicht von selbst versteht. Während die einen die Menschenwürde als „dichten Begriff“ betrachteten, der sowohl beschreibende wie bewertende Elemente enthalte, sprachen andere von einem „sehr vagen Begriff“ oder meldeten gar „große Skepsis“ an, ob Menschenwürde überhaupt „ein wertvolles oder auch nur nützliches Konzept“ sei.

„Niemand weiß, was Menschenwürde wirklich ist“, meinte die Philosophin Paula Boddington an der School of Biomedical Sciences der walisischen Universität Cardiff, lehnte es aber, anders als viele ihrer angelsächsischen Kollegen ab, von der Menschenwürde als einem „leeren Konzept“ zu sprechen. Vielmehr gelte es, so Boddington, sich zu fragen, was es heiße, ein moralisch handelndes Wesen zu sein und forderte: „Wir müssen lernen, unsere eigene Natur besser zu verstehen, bevor wir versuchen, sie zu verbessern.“

Auch wenn das zwei Tage lang so niemand formulierte, war doch unübersehbar, dass unter den Diskutanten letztlich keinerlei Einigkeit darüber bestand, worin Menschenwürde gründet (etwa in der Zugehörigkeit zur Gattung Mensch, im Personsein oder aber in bestimmten Fähigkeiten), wer sie verleiht (Gott, die Natur, Menschen wechselseitig), ja mehr noch, darüber, dass die Klärung dieser Fragen überhaupt relevant sein könnte.

So blieb am Ende wenig anderes übrig, als dem Rat von Dabrocks Vorgängerin, Christiane Woopen, zu folgen. Die derzeitige Vorsitzende des Europäischen Ethikrates meinte auf dem letzten Podium der Tagung, auf dem auch die Vorsitzenden der Ethikräte von Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Großbritannien Platz genommen hatten: „Wir müssen alle einen Schritt zurücktreten und uns fragen: Wie sehen wir eigentlich den Menschen?“ Letztlich lägen der Rede über die Menschenwürde eben doch Menschenbilder zugrunde, die, auch wenn sie unausgesprochen blieben, eine große Wirkmacht entfalteten.

Und wie groß diese sein kann, zeigt der Hype, der derzeit nahezu überall um Yuval Noah Harari veranstaltet wird, in mitunter erschreckender, zumindest aber überaus eindrucksvoller Weise.