Als die Zeit zu Hause stehen blieb

Herzbewegende Geschichte, auch eine Abrechnung mit einem Unrechtsstaat DDR Von José García

Zwangsadoption als Strafe: Szene aus dem Fernsehfilm „Geraubte Kinder – Zwangsadoptionen in der DDR“. Foto: dpa
Zwangsadoption als Strafe: Szene aus dem Fernsehfilm „Geraubte Kinder – Zwangsadoptionen in der DDR“. Foto: dpa

„Der Abrisskalender an unserer Blümchentapete zeigt seit gestern immer noch die Sechs, darunter stehen Februar und das Jahr: 1972. An diesem Morgen ist für meine Familie die Zeit stehengeblieben.“ Aus der Sicht der 4-Jährigen, die im Morgengrauen des 7. Februar 1972 durch das Poltern an der Wohnungstür aus dem Schlaf entrissen wird, ist das erste Kapitel dieses aufwühlenden Buchs geschrieben. Die vierjährige Katrin wurde indes nicht nur aus dem Schlaf, sondern auch der Mutter entrissen – für beinah zwei Jahrzehnte. Erst nach der Wende, im Jahre 1991, wird Katrin Behr ihre Mutter wiedersehen. Dazwischen liegen Jahre im Kinderheim und mehrere Adoptionsversuche, bis sie schließlich von einem linientreuen Ehepaar zwangsadoptiert wird, wo sie aufwächst – mit einer positiven Einstellung zum DDR-Staat, die der ihrer Mutter gegensätzlicher nicht sein könnte.

Auf das erste Kapitel folgt ein Zeitsprung: „Gera, Dezember 2009“. Die von Katrin Behr und Peter Hartl verfasste autobiografische Erzählung folgt keinem chronologischen Aufbau. In Kursivschrift sind die Kapitel gesetzt, die in der „Gegenwart“ angesiedelt sind, in der Zeit nach dem Beginn ihrer Suche nach ihrer leiblichen Mutter, nach ihrer „Mama“. Dazwischen, chronologisch, wenn auch nicht lückenlos, Katrin Behrs Geschichte als Kind, als Jugendliche, als junge Erwachsene und Mutter. Dieser Aufbau verwirrt nicht. Ganz im Gegenteil: Er fügt aus unterschiedlichen Perspektiven die Mosaiksteinchen aus einem zerrissenen Leben zu einer Einheit zusammen, er entwickelt beim Leser eine hypnotische Wirkung, baut eine Spannung auf, die Katrins Suche nach ihrer leiblichen Mutter zu einem regelrechten Krimi werden lässt. So beschreibt die Autorin nach der Schilderung eines Lebens als Außenseiterin im Kinderheim etwa die Hoffnung, „erstmal den Schlüssel zu meinem Schicksal und den daraus resultierenden Problemen zu finden“, als sie im Oktober 2007 zum ersten Mal Einsicht in ihre Akte nahm.

Schnörkellos berichtet die Autorin von der Kindheit bei ihren Adoptiveltern, bei der Lehrerin und Parteisekretärin, die sie „Mutti“ nennt, und bei ihrem Mann, den sie als „Vati“ bezeichnet und der ihr ein Leben lang wirklich Nähe und Liebe entgegenbringt. Katrin Behr erzählt schonungslos von ihren Bemühungen, sich in die Familie und in die Gesellschaft zu integrieren – aber auch von dem Gefühl, nie wirklich dazuzugehören, und von der Sehnsucht nach ihrer „Mama“.

Über das persönliche Schicksal hinaus gerät „Entrissen. Der Tag, als die DDR mir meine Mutter nahm“ zu einer Abrechnung mit einem Staat, der solches Unrecht verordnete. Zu ihrer „Mutti“ fand sie niemals ein vertrautes Verhältnis. Obwohl sie für ihre Adoptivtochter durchaus Zuneigung spürte, konnte sie sie kaum ausdrücken: „Wie ein Korsett schien der selbstgestellte Auftrag, mich zu einer für die sozialistische Gesellschaft wertvollen Persönlichkeit zu formen, ihre innersten Gefühle zu drosseln.“

Als Katrin Behr im April 1991 nach 19 Jahren zum ersten Mal ihre „Mama“ wiedersieht, begegnet sie ihren Berichten von den menschenverachtenden Verhältnissen in den DDR-Gefängnissen jedoch noch mit einer gewissen Skepsis. Was für gegensätzliche Gefühle dieses erste Treffen bei ihrer Mutter ausgelöst haben musste, wurde Katrin Behr allerdings erst später bewusst: Ihre Mutter begriff sofort, dass ihre Tochter im Gegensatz zu ihr, die jahrelang einen willkürlichen Strafvollzug ertragen hatte, „kein Mensch (war), der als Heranwachsender die Schattenseiten des Regimes hatte erleben müssen“. Zu allem Überfluss kam Katrin in Begleitung ihres Mannes, eines „offenbar weiterhin überzeugten Politoffiziers, geschliffen in der Kaderschmiede der Diktatur“, was Katrins Mutter unmittelbar an ihre Peiniger erinnern musste.

Die Schattenseiten der DDR werden Katrin Behr erst nach und nach klar. Viele Jahre später findet sie endlich eine Erklärung dafür: „Im Rückblick erscheint mir die gesamte DDR als eine Art Potemkinscher Staat. Wie die Staats- und Parteiführung mit geschönten Bilanzen, gefälschten Wahlergebnissen und erlogenen Parolen sich selbst und die Welt meisterlich über das tatsächliche Desaster hinwegtäuschte, so lebten auch die Menschen um mich herum ein Scheindasein. Alle wollten ja nur zu gerne glauben, dass sich die propagierte Leistungsbilanz erfüllte.“ Die Lebenslüge, in der die Autorin aufwuchs, erstreckte sich auch auf religiöse Fragen: „Kirche war in meiner Familie wie ein rotes Tuch, ein Relikt aus finsterer Vergangenheit, ein Tabu, über das nicht gesprochen wurde. Was Religion war, wusste ich nicht. (...) Erst sehr viel später fand ich eine Verbindung zu Gott.“

Katrin Behrs Schicksal ist kein Einzelfall. Im Laufe der Recherchen über ihre eigene Geschichte begegnet sie – das schildert sie selbst in den letzten Seiten ihres Buches – immer mehr ähnlichen Lebensläufe: Hunderte, vielleicht tausende von Kindern wurden in der DDR ihren Eltern weggenommen, wenn ihnen eine „bewusste staatsfeindliche Beeinflussung“ der Kinder nachgewiesen wurde. Seit 2007 engagiert sich Katrin Behr, zunächst ehrenamtlich, seit einiger Zeit sogar hauptberuflich, dafür, dass diese „entrissenen Kinder“ ihre wahre Familie finden können.

Katrin Behr/Peter Hartl: „Entrissen. Der Tag, an dem die DDR mir meine Mutter nahm“, Droemer 2011, 304 Seiten, ISBN 978-3-426-27566-5, EUR 16,99