Als Sonne und Sterne günstig standen

Was das Krönungsritual des preußischen Königs Friedrich I. mit Astronomie zu tun hat. Von Katrin Krips-Schmidt

Die Salbung König Friedrichs I. durch Bischof Ursinus. Foto: IN
Die Salbung König Friedrichs I. durch Bischof Ursinus. Foto: IN

Weshalb macht sich ein Landesherr mit einem kolossalen Gefolge nach jahrelanger minuziöser Planung mitten im Winter auf eine beschwerliche Reise in ein weit entferntes Land, das er unter Zeitdruck drei Wochen später unbedingt erreichen muss?

So geschehen fand der Abmarsch am 4. Dezember 1700 statt, als Kurfürst Friedrich III. (1657–1713), Markgraf von Brandenburg, mit seinem Hofstaat aus dem heimatlichen Potsdam mit 550 Personen, 300 Karossen und 30 000 Pferden ins 600 km entfernte Königsberg aufbrach, wo er schließlich noch vor Ende des Jahres eintraf.

Doch wozu dieser ganze Aufwand? Am 18. Januar 1701, präzise um 7.57 Uhr – so hatten es die Astronomen berechnet – herrschte eine absolut günstige astrologische Konstellation, man könnte fast sagen, es war die Schicksalskonstellation schlechthin. Genau an diesem Tag, in dieser Stunde und Minute war es – nach damaliger Auffassung – zwangsläufig geboten, ein schicksalhaftes Ereignis glanzvoll und symbolhaft in Szene zu setzen. Eine Krönung stand an, und angesichts der großen Verantwortung vor Gott und der Welt, die dem künftigen königlichen Herrscher damit aufgebürdet wurde, musste dies dem Weltbild des Barock entsprechend vor sich gehen.

In der Potsdamer Arche stellte der Autor und Künstler Olaf Thiede sein neuestes Buch vor, das sich eingehend mit den Ereignissen um das Krönungsritual von Kurfürst Friedrich III. zum preußischen König Friedrich I. befasst.

Nicht nur im christlichen Mittelalter spielten Symbole eine große Rolle, gerade auch in der nachfolgenden Epoche des Barock ist das Denken von allegorischen Sinnbezügen und zeichenhaftem Handeln tief geprägt. Grundlage dieses Denkens ist die nach damaliger Auffassung von Gott nach Maß und Zahl erschaffene Welt, die sich in eine harmonische Ordnung fügt, in der alles irgendwie miteinander zusammenhängt und noch dem kleinsten Teil eine Bedeutung zukommt. Diese zu entschlüsseln, war Aufgabe der Gelehrten in Mittelalter und Früher Neuzeit. Die Symbolik der Zahlen nahm dabei eine besondere Rangstellung ein, weshalb gerade auch diese Symbolik das Fundament von Kunst und Architektur in Mittelalter und Barock bildet. Dem Makrokosmos des Universums entspricht als seinem Spiegelbild der Mensch als Mikrokosmos. Die Gestirne übten daher, auch noch in der Weltsicht des 18. und 19. Jahrhunderts, einen wesentlichen Einfluss auf die Geschicke der Menschheit aus. Wodurch sich Geschehnisse im Alltag, aber auch wichtige politische Ereignisse durch eine Berechnung astronomischer Verhältnisse und die geschickte Wahl von Handlungszeitpunkten optimal lenken ließen, und man gar Schlachten und Kriege mittels Horoskop für sich entscheiden konnte.

Wollte man das Denken im Mittelalter graphisch darstellen, ergäbe sich ein Netzwerk: So stehen die sieben freien Künste in ihrer Vernetzung für ein ganzheitliches System. Und die Harmonie der göttlichen Ordnung sollte sich im menschlichen Tun wiederfinden.

Das für das Krönungsritual am 18. Januar 1701 berechnete Horoskop wies nun genau diese Charakteristika auf. Es zeigte eine ungewöhnliche harmonische Ausgewogenheit der Stellung der einzelnen Himmelskörper zueinander, weshalb nur dieser Termin für die Zeremonie in Frage kommen konnte.

Der genaue Ablauf des Rituals, das sich insgesamt über Monate erstreckte, ist in all seinen Details vom Zeremonienmeister Johann von Besser festgehalten worden. Die Selbstkrönung, die zum anberaumten Termin bei Sonnenaufgang stattfand, erfolgte als Zeichen der „Independenz“ des Königs, der nunmehr den Titel „König in Preußen, Prinz von Oranien und Kurfürst von Brandenburg“ trug. Anschließend ging der König in das Damengemach seiner Gemahlin, der Kurfürstin Sophie Charlotte, und setzte ihr die Krone auf. Nach einer Prozession erfolgte in der Krönungskirche der Festgottesdienst mit der Salbung durch den reformierten Bischof Benjamin Ursinus und den lutherischen Bischof Bernhard von Sandern. Erst durch diesen Akt konnte sich der König als von „Gottes Gnaden“ legitimierter Herrscher fühlen. Der als König indes vom Vatikan nie anerkannt wurde. In den offiziellen Dokumenten wurde er auch noch nach seiner Krönung stets lediglich als „Markgraf von Brandenburg“ bezeichnet. Den Abschluss dieser Feierlichkeiten bildete das in seiner Zeichenhaftigkeit ebenfalls höchst symbolische Krönungsmahl in einem Saal oberhalb der Schlosskirche. Dabei nahm der König nur einen Schluck des ihm angebotenen Weines und einen Happen des Mahles zu sich, die übrige Speise wurde an das Volk verteilt. Mit dem Untergang der Sonne, der als Symbol der Hohenzollern im Rahmen des gesamten Rituals eine besondere Bedeutung zukommt, ist die Zeremonie aber noch längst nicht zu Ende. Erst nach einigen Wochen macht man sich aus Königsberg wieder auf in Richtung Heimat. Doch betritt man Berlin und das Königsschloss noch nicht, sondern verweilt noch Monate in den Schlössern der Umgebung: in Hohenschönhausen, Köpenick, Oranienburg, Potsdam.

Erst am 6. Mai um 5. 56 Uhr – auch zu diesem Zeitpunkt stehen die Sterne günstig – folgt der triumphale Einzug in Berlin. Alle Planeten stehen wie aufgereiht in einer Perlenkette, zudem gehen gerade die Plejaden, das Siebengestirn, auf. Analog dieser sieben Sterne durchschreitet man nun in einem festlichen Jubelumzug alle sieben Festungstore am Stadtmauerring. Diese waren über und über mit emblematischen Figuren und vielfältigen Sinnsprüchen geziert, wodurch auch diese Prozession einen überaus symbolhaften Akt darstellt.

Nachlesen kann man das alles in dem vom Referenten im Selbstverlag herausgegebenen und üppig illustrierten Band „1701 – Sonne, Stern und Krone“. Neben einer Chronologie der Krönungsfeierlichkeiten findet sich auch ein Kapitel über Zahlensymbolik und ihre beispielhafte Anwendung auf die Heilig-Grab-Kapelle im Dom zu Magdeburg.

Erhellend ist zudem der Abschnitt „Die Rom-Achse“. Denn – wer hätte das gedacht: die Hohenzollern-Achse (von Schloss Köpenick aus) reicht nicht nur in einer geraden Linie bis nach Potsdam zur bekannten Kirchenachse, auf der die Heilig-Geist-, die Nikolai- sowie die Garnisonkirche (allesamt protestantische Kirchen) liegen – sie lässt sich darüber hinaus sogar (einige unbedeutende Unschärfen, bedingt durch die Erdkrümmung, abgerechnet) bis in den Vatikan hin-ein verlängern. Wenn das mal kein Zeichen ist.