Alpträume eines amerikanischen Marshals

Experimente mit Menschen? Martin Scorsese bleibt mit der Romanverfilmung „Shutter Island“ unter seinen Möglichkeiten

Mit „Zeit der Unschuld“ („The Age of Innocence“, 1993) stellte Regisseur Martin Scorsese unter Beweis, dass eine Romanverfilmung ihrer Vorlage – Edith Whartons gleichnamigem Roman – durchaus ebenbürtig sein, ja sie sogar in mancherlei Hinsicht überflügeln kann. Bei der Verfilmung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ bleibt der italo-amerikanische Regisseur allerdings weit unter den Möglichkeiten, die ihm Lehanes Thriller anbietet.

„Shutter Island“ heißt eine (fiktive) Insel vor der Küste Bostons, auf der das Ashecliffe-Hospital liegt, ein Bundesgefängnis für die gefährlichsten psychisch kranken Verbrecher. Dorthin wird 1954 US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) mit seinem neuen Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) beordert. Auf der rauen Insel sollen sie Ermittlungen einleiten, und insbesondere klären, wie es einer psychisch gestörten, mehrfachen Kindsmörderin namens Rachel Solando gelingen konnte, aus einem abgeschlossenen Zimmer des bestens bewachten und fluchtsicheren Hospitals zu entkommen und auf der felsigen Insel barfuß spurlos zu verschwinden. Der unheimliche Direktor Dr. Cawley (Ben Kingsley) scheint nicht besonders kooperativ, der Psychologe Dr. Naehring (May von Sydow) seinerseits eine Nazi-Vergangenheit zu haben. Bald glaubt Teddy Daniels, dass es im Ashe-cliffe-Hospital nicht mit rechten Dingen zugeht, zumal ihm der Zugang zu einem ominösen, scharf bewachten Leuchtturm verwehrt wird. Im Marshal steigt der Verdacht auf, dass dort Experimente mit Menschen gemacht werden.

Die sich verdichtenden Hinweise auf eine Verschwörung, die den Marshal daran hindern soll, die Insel je wieder zu verlassen, stehen im Zusammenhang mit zeittypischen Erscheinungen: Die fünfziger Jahre standen in den Vereinigten Staaten im Zeichen der McCarthy-Ära mit ihrem schnellen Vorwurf „unamerikanischer Aktivitäten“. Die allgegenwärtige politische Paranoia nimmt im Bereich der Psychiatrie konkretere Züge an: Damals wurden die ersten Psychopharmaka entwickelt, die „alte Schule“ setzte noch immer auf Lobotomie, eine persönlichkeitsverändernde Gehirnoperation, die in „Shutter Island“ wie ein Damoklesschwert über den Geschehnissen schwebt. Die Inszenierung von Martin Scorsese nimmt sich betont klassisch aus. Insbesondere die dunkle Farbgebung und die von Robert Richardson gekonnt eingesetzte Kamera erinnern an die Film noir-Epoche, in der ja die Handlung angesiedelt ist. Mit ihnen kontrastieren die in ein goldenes Licht getauchten Rückblenden. Diese visuellen Mittel, die teilweise eine klaustrophobische Anmutung erzeugen, werden freilich von einer überlauten Filmmusik konterkariert. Die teilweise auffällig am Computer generierten Effekte hintertreiben ebenfalls das detailgenauen Produktionsdesign und das ausdrucksstarke Spiel der Darsteller.

Dramaturgisch erweist sich das Drehbuch von Laeta Kalogridis als schlichtweg redundant. Dies liegt nicht nur in der Film(über-)länge von 138 Minuten begründet, sondern vor allem in der Überdeutlichkeit der Verfilmung. Was Dennis Lehane in der Romanvorlage wunderbar in der Schwebe beziehungsweise für unterschiedliche Interpretationen offenlässt, nimmt in Scorseses Inszenierung eine von Anfang an allzu eindeutige Entwicklung, weswegen Scorseses Film die doppeldeutige Auflösung des Romans im Sinne seiner einseitigen Auslegung ändert.

Martin Scorsese lässt Teddy Daniels sehr früh und wiederholt Alpträume erleben, in denen sich ein zweifaches Trauma manifestiert: Seine Frau Dolores (Michelle Williams) starb bei einem Feuer – Teddy glaubt, dass der Brandstifter in Ashecliffe einsitzt. Andererseits holen den US-Marshal die Erinnerungen an die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau immer wieder ein, bei dem er an einem Massaker beteiligt war. Die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen zunehmend. Teddy droht, den Verstand zu verlieren.

Im Vergleich zu seinen frühen Regiearbeiten, etwa „Taxi Driver“ (1976) und „Wie ein wilder Stier“ (1980), in denen Scorsese ein feines Psychogramm von Menschen zeichnete, die von ihren inneren Dämonen getrieben wurden, ist „Shutter Island“ lediglich handwerklich solides Ausstattungskino geworden.