Allein Gott ist der Grund für die Heiligkeit der Kirche

Untersuchungen über die Zukunftsperspektiven einer künftigen Sexualmoral der Kirche Von Clemens Breuer

Seit Jahrzehnten ist die Sexualmoral der katholischen Kirche vielfältigen kritischen oder ablehnenden Äußerungen ausgesetzt. Anhand des jüngsten „Memorandums“ zahlreicher Professorinnen und Professoren, die an theologischen Lehreinrichtungen tätig sind und des begonnenen „Dialogprozesses“ ist dies erneut deutlich geworden. Der Münchener Moraltheologe Konrad Hilpert nimmt dies zum Anlass, einen umfänglichen Sammelband für eine „zukunftsweisende katholische Sexualethik“ vorzulegen, an dem vornehmlich Moraltheologen und Christliche Sozialethiker mitgearbeitet haben. Die in dem Sammelband vorliegende Themenvielfalt ist beeindruckend: Sie reicht von grundsätzlichen Abhandlungen zur Sexualethik bis zu zahlreichen konkreten Einzelfragen, wie Priestertum und Zölibat, Moral und Recht, Wiederverheiratete Geschiedene, Homosexualität, sexuelle Gewalt, AIDS, Pornografie, um nur einige zu nennen.

Unter der Überschrift „Sexualethik und Genderperspektive“ weist die Theologin Saskia Wendel darauf hin, dass die Personalität keine ontologische Gegebenheit, keine Substanz darstelle, sondern lediglich eine Perspektive, über die das einzelne Dasein verfüge. Unter der Überschrift „In Leib und Körper Bild Gottes“ werden von ihr zahlreiche Inhalte genannt, die Johannes Paul II. immer wieder vorgetragen und betont hat. Unwillkürlich wird man bei diesen Ausführungen die Frage stellen, ob bei der Person nicht auch von der Seele zu sprechen ist – darüber erfährt der Leser jedoch nichts.

Deutliche – den lehramtlichen Verlautbarungen abgeneigte – Positionen vertritt Marianne Heimbach-Steins, die seit einigen Jahren dem von Joseph Höffner gegründeten Institut für Christliche Sozialwissenschaften vorsteht. Regina Ammicht Quinn zitierend beklagt sie in der traditionellen katholischen Theologie eine dreifache Ideologie: eine Fruchtbarkeits-, Zellen- und Verschmelzungsideologie. Eine „notorische Idealisierung“ finde in den lehramtlichen Texten statt, die für zahlreiche Gläubige eine permanente Überforderung darstellen.

Überlegungen zu einer Theologie des Leibes

Als Ausweg sieht Heimbach-Steins (wieder Ammicht Quinn zitierend) eine theologische Sprache, die „von Erfahrungen erzählt, die dann an einen Sinnzusammenhang rückgebunden und von dort aus gedeutet werden können“. Ähnlich argumentiert der langjährige Moraltheologe Karl-Wilhelm Merks: „Es geht also darum, die ,Sexualmoral‘ zu definieren und zu gestalten von den Beziehungen her, und nicht mehr umgekehrt das bereits gefasste moralische Urteil über Sexualität und ihre Äußerungen als den Rahmen zu verstehen.“

In deutlicher Hinsicht aus dem Rahmen aller anderen Artikel fällt der Beitrag des Bonner Moraltheologen Gerhard Höver. Unter dem Titel „Verantwortete Elternschaft – Überlegungen im Hinblick auf eine Theologie des Leibes“ stellt er Überlegungen vor, die in einer grundsätzlichen Art und Weise der lehramtlichen Position zugeneigt sind und in denen er Argumente für die Enzyklika „Humanae vitae“ vorträgt. Im Rückgriff auf tugendethische Gesichtspunkte weist er auf die irreführende Gegenüberstellung von „natürlich“ und „künstlich“ in Bezug auf die menschliche Sexualität hin. Freilich kommt Höver am Ende seines Beitrags auf Joseph Ratzinger zu sprechen, der in Bezug auf die Pastoral auf den „Gedanken der Gradualität“ zurückgreift, „die den Menschen in seinem lebenslangen Unterwegssein begleitet“.

Spätestens seit dem Erscheinen des „Memorandums“ im Frühjahr dieses Jahres hat sich der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff eingehend zur Stellung Wiederverheirateter Geschiedener geäußert und die Zulassung zum Kommunionempfang nach eingehender Gewissensprüfung gefordert. Schockenhoff hat in den letzten 20 Jahren ein moraltheologisches Oeuvre vorgelegt, das sich in Quantität und Qualität in positiver Weise hervorgetan hat. Bis zuletzt hat er sich im Deutschen Ethikrat für ein generelles Verbot der Präimplantationsdiagnostik eingesetzt und damit die Position des Lehramts verteidigt. Bei der Frage des Umgangs mit Wiederverheiraten Geschiedenen weicht Schockenhoff nun grundsätzlich von der offiziellen Lehre ab und stellt die Gewissensprüfung und -entscheidung des Einzelnen in den Vordergrund. So bedenkenswert manche Ausführungen nach einer differenzierten Beurteilung zu der Thematik erscheinen, so widersprüchlich sind bisweilen einzelne Äußerungen von ihm aus jüngster Zeit. So schreibt er in einem Aufsatz: „Inwieweit beim Scheitern der ersten Ehe eigenes Versagen zu beklagen ist, und wieweit begangenes Unrecht und möglicherweise angerichteter Schaden inzwischen bereut und wieder gutgemacht wurden, ist für die moralische Bewertung der zivilen Zweitehe als Zustand schwerer Sünde bedeutungslos. Ob ein Partner schuldlos verlassen wurde, oder ob er die Ehe brach, weil er eine jüngere, attraktive Frau kennengelernt hatte, macht keinen Unterschied“ (Quaestiones disputatae Nr. 241, S. 287). In seiner Monographie zu dieser Thematik schreibt er dagegen: „Es macht einen Unterschied, ob jemand seine Ehe bewusst gebrochen hat und darüber in keiner Weise Reue zeigt oder ob sie/ er sich zur eigenen Schuld am Zerbrechen der Ehe bekennt und diese im Rahmen seiner Möglichkeiten wiedergutzumachen versucht“ (hier zitiert nach: „Christ & Welt“ vom 8.9.2011, S. 4). Derart disparate Äußerungen zeigen wohl eher, dass man von einem schlüssigen Konzept in der Behandlung dieser Fragestellung noch weit entfernt ist.

Der Sammelband umfasst im Weiteren zahlreiche bedenkenswerte Beiträge, die auf sexuelle Gewalt in der Familie, sexuellen Missbrauch Minderjähriger in der Kirche und Pornografie zu sprechen kommen. Zu einem ausgewogenen Urteil gelangt Sabine Demel in ihrem Artikel „Moral ohne Recht – Recht ohne Moral?“, den sie mit einem in jeder Hinsicht zuzustimmenden Zitat von Karl Peters aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beendet: „Denn Recht wird in den entscheidenden Stunden nur vom sittlichen Impuls getragen. Vom Sittlichen her erhält es die drängende und überzeugende Kraft... Eine auf sich allein angewiesene Rechtsordnung könnte zwar mit rechtlichem Zwang, sofern die Machtmittel ausreichen, sich durchsetzen. Von einem lebendigen Recht könnte aber keine Rede sein.“

Von besonderem Interesse dürfte der Beitrag des Eichstätter Fundamentaltheologen Christoph Böttigheimer sein, der unter der Überschrift „Heiligkeit und Sündigkeit der Kirche“ eine bereits auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil angesprochene Fragestellung behandelt. In pointierter Art und Weise macht er deutlich, dass die Heiligkeit der Kirche ausschließlich von der Heiligkeit Gottes herrühre und nicht auf der moralisch-religiösen Leistung ihrer Glieder basiere. Daraus kann gefolgert werden, so Böttigheimer, dass die Sündigkeit die Heiligkeit der Kirche nicht aufzuheben vermag.

Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück: Neben zahlreichen sachlich ausgewogenen Beiträgen, die es verdienen, aufgegriffen zu werden, fügen sich einzelne Artikel, die sich in kritischen Äußerungen über die Kirche verlieren und pauschalisieren. Von daher wird der Sammelband dem vom Herausgeber gewählten Titel nicht in jeder Hinsicht gerecht.

Konrad Hilpert (Hg.): Zukunftshorizonte katholischer Sexualethik (= Quaestiones disputatae, Bd. 241), Herder Verlag 2011, ISBN 978-3-451-02241-8, EUR 45,–