Alle Tage Karneval

Eine Aufsatzsammlung über den Ruhm im Zeitalter moderner Massenmedien

Nicht nur zeitlich, sondern auch in ästhetischer Hinsicht sehr weit voneinander entfernt sind die antike und zeitgenössische Art, zu Ruhm zu gelangen: Waren im vorchristlicher Zeit noch die besonderen Geschicke von Lyrikern wie Homer nötig, um die Heldensagen wie jene des Odysseus bei der Eroberung Trojas durch Gesänge und Gedichte für die Nachgeborenen lebendig zu halten, so genügt es für einen „Superstar“ heute, sich im Fernsehen freiwillig vor einer gehässigen Gesangsjury der Lächerlichkeit preiszugeben. So vulgär der Vergleich auf den ersten Blick sein mag: Gemeinsam ist beiden Strategien, dass sie gegen das Vergessen gemünzt sind, gegen das Herabsinken einer Person (und ihrer Taten) in die Bedeutungslosigkeit, in die Gesichtslosigkeit der Masse und die Profanität des Alltags.

Leben hinter Masken

Schon die inspirierenden Musen der Antike sind Töchter der Mnemosyne, der Erinnerung. Der französische Schriftsteller Maurice Blanchot bekannte 1992, wie alle, die nach Ruhm streben, sei auch sein Berufsstand getrieben von der Hoffnung auf Unsterblichkeit. Ein Wunsch, der in der Neuzeit bei sehr vielen Menschen durch die modernen Reproduktions- und Verbreitungstechnologien beständig Nahrung erhalten hat, denn die Möglichkeiten, schnell und über Grenzen hinweg berühmt zu werden, sind enorm gestiegen: „Der Traum vom Ruhm ist ein Traum von den Möglichkeiten der Medien – durch sie konkretisiert er sich“, schreibt der Medienwissenschaftler Thomas Küpper von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, in seinem Aufsatz über den Zusammenhang zwischen Ruhm und modernen Massenmedien, der zusammen mit anderen lesenswerten Essays im Buch „A Star Is Born – Ruhm im Kino“ zu finden ist.

Doch die Aufsätze – Vorträge einer Tagung an der Evangelischen Akademie Arnoldshain 2007 – beschäftigen sich nicht nur mit exemplarischen Kinofilmen wie Billy Wilders Tragikomödie „Sunset Boulevard“ (1950), Milos Formans Künstlerporträt „Amadeus“ (1984) oder Spike Jonzes schräger Satire „Being John Malkovich“ (1999), die zeigen, dass auch der größte Ruhm letztlich „sterblich ist“, wie der Theologe Werner Schneider-Quindeau schreibt. Der neue Pfarrer für Stadtkirchenarbeit in Frankfurt und Film- und Kulturbeauftragte des Rates der EKD stellt in seinem Aufsatz „Und aller Ruhm will Ewigkeit“ weiterhin fest, dass in diesen Filmen die Verheißungen des Ruhms als bloße „Masken aus Stärke und Selbstsicherheit, aus Bildung und Macht und Ansehen“ enthüllt werden, also als vorläufig und aufs Irdische begrenzt.

„Auf diese verbindet sich das Kino mit dem christlichen Glauben“, erläutert Werner Schneider-Quindeau, denn speziell die Botschaft des Neuen Testaments zeige auf, wie Gottes „liebende Hingabe“ gerade den Schwächen der Menschen und den Mach- und Ruhmlosen gilt, zu denen letztlich auch der gekreuzigte Jesus von Nazareth zählt, der auf jedes mythische Vorbild und jede „Superstar“-Methode zur Durchsetzung seiner Verkündigung absichtsvoll verzichtet: „Unter dem Kreuz Jesu Christi ist kein Platz für Selbstruhm und Selbstrechtfertigung. Mit leeren Händen stehen die Menschen da, weil Gott selbst ohnmächtig und verachtet, gefoltert und gering, auf allen Ruhm verzichtend uns begegnet“, so Schneider-Quindeau, bis schließlich die Auferstehung die „Umwertung der Werte“ einläute, die aus Schmach eine Erhöhung mache: „Aus der Schwäche des Kreuzes ist eine Stärke erwachsen, vor der auch das Römische Weltreich schließlich kapituliert hat“.

Hemmungsloses Repertoire

Doch heute streben immer mehr Menschen nach Berühmtheit, seit die Renaissance und in ihrem Gefolge die Aufklärung, Französische und Amerikanische Revolution das Individuum aus den überlieferten Ordnungen herausgelöst haben, schreibt Barbara Straumann. Die Anglistin weist darauf hin, dass in „struktureller Analogie“ zum Souveränitätsbegriff des Mittelalters, in denen „Fehlbarkeit und Sterblichkeit des Individuums und seiner Leiblichkeit durch das symbolische Mandat, das der König als Stellvertreter Gottes im politischen System einnimmt“, aufgehoben werden, „die mediale Verbreitung und potenzielle Unsterblichkeit des Individuums als Star die Erzeugung eines Kunstkörpers“ ist – „bestehend aus Gesten, Posen und Rollen.“ Gerade im Wechselspiel mit der im Vollzug der Dauervermarktung oft zur Schau gestellten Zerbrechlichkeit dieser Starkörper – siehe im aktuellen Fall die Popsängerin Britney Spears – bilden „individueller und öffentlicher Körper keine geschlossene Einheit“, sondern treten in einen öffentlich ausgetragenen Kampf, so Straumann.

Die modernen Superstars (übrigens ein Begriff, den der Avantgarde-Fotograph Jack Smith 1964 prägte) nutzen zur Überwindung ihrer Sterblichkeit immer hemmungsloser das Repertoire, das ihnen die Massenmedien zur Verfügung stellen, was den Kurator der Kunsthalle Wien, Thomas Mießgang, als Teil der „ökonomischen Globalisierung“ oder „weichen Macht Amerikas“ bezeichnet, die über die gleichmacherischen Verheißungen und die militärischen Drohungen des Kommunismus gesiegt habe. Er beschreibt in seinem Text mit Bezug auf andere, kulturphilosophische Schriften die stufenweise Transformation von „traditionellen Stars“ in popkulturelle Leitbilder, die spartenübergreifend massenmedial eingesetzt werden, und in jedem Winkel der Erde auftauchen „wie die Lenin-Statuen in der Sowjetunion“ und andere, falsche Heilige.

Durch die enorme Auffächerung der Medienlandschaft und die Eigendynamik der Massenmedien ist die einstige Exklusivität der „Medienaristokratie“ aber dahin: Längst hat sich mit Gestalten wie Paris Hilton „eine Schwundstufe des Ruhmes“ etabliert, „in der man bekannt ist, weil man bekannt ist“, schreibt Thomas Küpper im Aufsatz „Medien des Ruhms“, der wegen seiner fundierten Verweise auf die Kunst- oder Mediengeschichte besonders aufschlussreich ist. An Beispielen oder Zitaten von Erasmus von Rotterdam, Francesco Petrarca, Johann Christoph Gottsched, der deutschen Klassik, bis hin zu Nietzsche und Walter Benjamin illustriert Küpper eine Entwicklung, die dem Bemühen der Protagonisten entsprach, der Vergänglichkeit entgegenzuwirken. Vorläufiger Endpunkt ist die Verwirklichung von Andy Warhols Weissagung, in Zukunft werde „jedermann für 15 Minuten berühmt sein können“ – die totale Flüchtigkeit von Ruhm in einer Gegenwartsgesellschaft, die sich – so Thomas Mießgang – im Spannungsfeld zwischen „Informationsüberfluss, politischer Richtungslosigkeit, Erlebnishunger“, aber auch dem Verlangen nach Transzendenz und Spiritualität“ bewege.