„Alle Befürchtungen haben sich bestätigt“

Die Redaktion der „Berliner Zeitung“ protestiert gegen den Sparkurs des Eigentümers

Die „Berliner Zeitung“, nicht zu verwechseln mit dem Boulevardblatt B.Z., hat sich seit der Wende auf dem hart umkämpften Berliner Zeitungsmarkt einen respektablen Ruf erarbeitet. Die Vorhersage des einstigen Herausgebers Erich Böhme, das Blatt zu einer deutschen „Washington Post“ zu machen, ist nicht eingetroffen, aber Gruner+Jahr schaffte es immerhin, das Blatt mit etwa 180 000 verkauften Exemplaren auf Augenhöhe mit dem renommierten Westberliner „Tagesspiegel“ zu bringen, der anderen großen regionalen Qualitätszeitung der Hauptstadt. Die Holtzbrinck-Gruppe, der auch der „Tagesspiegel“ gehört, kaufte im Jahr 2002 auch die „Berliner Zeitung“. Seitdem ist der Wurm drin im stolzen Redaktionsgebäude am Alexanderplatz. Schon im Herbst 2005 musste Holtzbrinck seine Neuerwerbung auf Drängen des Kartellamts schon wieder abstoßen.

Ein Renditesprung gefordert

Der britische Finanzinvestor David Montgomery schlug für geschätzte 150 bis 180 Millionen Euro zu. Die „Berliner Zeitung“, die erste von einer ausländischen Holding kontrollierte deutsche Zeitung, sollte erst der Anfang an. Eine ganze Kette wollte sich Montgomery zusammenkaufen und damit den deutschen Markt aufrollen.

Mit Plakaten, auf denen eine durchgestrichene Heuschrecke zu sehen war, protestierten viele Redakteure der „Berliner Zeitung“ gegen die Übernahme. Sie befürchteten, dass die Zeitung kurzfristigen Profitinteressen geopfert werden würde. Die Bedenken konnten auch durch die Tatsache nicht zerstreut werden, dass Montgomerys Mecom-Holding kein Neuling im Zeitungsgeschäft ist und mehr als 50 Zeitungen in Deutschland, Dänemark, Norwegen, den Niederlanden, der Ukraine und Polen steuert. Montgomery beruhigte die aufgebrachten Journalisten damals mit besänftigenden Worten. Sein Interesse sei von langfristiger Natur, die Qualität werde erhalten bleiben.

Vor einer Woche hat Montgomery aus der Sicht der Redaktion sein Wort gebrochen. Am vergangenen Donnerstag verkündete Montgomerys Statthalter, der Geschäftsführer und gleichzeitige Chefredakteur Josef Depenbrock, dass im laufenden Jahr eine Rendite von 18 bis 20 Prozent erwirtschaftet werden muss. Der mit Abstand profitabelste deutsche Zeitungsverlag, die Axel Springer AG, erwirtschaftete 2006 knapp 16 Prozent. Der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner feierte das im Geschäftsbericht als „neuen Superlativ“. Montgomery reicht das nicht. Ein derartiger Renditesprung ist aber, soviel ist klar, bei der „Berliner Zeitung“ nur über weitere massive Einsparungen zu erreichen. Jetzt platzte der Redaktion der Kragen.

Zunächst brachen die Journalisten in einem offenen Brief endgültig mit dem unbeliebten Vorgesetzten: „Nach fast zwei Jahren Ihrer Amtsführung als Chefredakteur haben sich alle unsere Befürchtungen bestätigt“, so das Schreiben, das laut Redaktionsausschuss „98 Prozent der Kollegen“ unterstützen: „Sie sind entweder nicht willens oder nicht in der Lage, die Redaktion angemessen zu führen. Ihre mehrfach geäußerte Anschauung, die Redaktion lasse sich per Autopilot leiten, zeigt Ihr mangelndes Verständnis der Aufgaben des Chefredakteurs einer Qualitätszeitung. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind von Ihnen so gut wie keine inhaltlichen Impulse ausgegangen. Bis heute vermissen wir Ihre konzeptionelle Vorstellung, wie sich die Berliner Zeitung weiterentwickeln soll.“

Der Streit zwischen Redaktion und Verlag schwelt schon seit August 2007, seit Depenbrock zusätzlich zu seinem Amt als Chefredakteur den Posten des Verlagsgeschäftsführers übernommen hatte. Die Redaktion sieht in dieser Doppelfunktion einen Verstoß gegen das Statut, das die Trennung von Verlag und Redaktion vorschreibt und wird deshalb beim Arbeitsgericht dagegen klagen. „Es ist genau das eingetreten“, heißt es in dem Brief, „was durch das Statut verhindert werden sollte: Wir haben einen Chefredakteur, der die Belange der Redaktion gegenüber dem Verlag nicht wahrnimmt.“

In einem zweiten Schreiben an den Eigner Montgomery betont der Redaktionsausschuss den Ernst der Lage: „Unsere Zeitung verliert Leser, der Ruf der Marke Berliner Zeitung erodiert.“ Die Redaktion ersucht Montgomery, die Geschäftspolitik zu überdenken: „Die Erosion des qualifizierten Personals muss gestoppt werden, bereits entstandene Verluste müssen nachbesetzt werden.“ Als Alternative schlägt die Redaktion Montgomerys Firma Mecom vor, einen neuen Eigner zu suchen: „Sollte Mecom außerstande sein, eine solche Strategie vorzulegen, fordern wir im Interesse der Zeitung und ihrer Leser, nach einem neuen, geeigneten Eigentümer für die Berliner Zeitung zu suchen.“ Dass Finanzinvestoren mit ihrer Denkweise nicht die geeigneten Partner sind, um eine Zeitung voranzubringen, zeigte sich für die Redaktion im September.

„Es geht um die Substanz“

Damals wurde für einige Zeit die Werbung für Abonnements gestoppt, um die Kosten dafür einzusparen und so das Quartalsergebnis noch kurzfristig aufzuhübschen. Für einen Redakteur ein Beweis dafür, dass Montgomery nicht als Verleger, sondern in der Logik eines Investors handelt.

Die dramatische Beschreibung der Lage durch die Redaktion steht dabei in einem merkwürdigen Widerspruch zu den vollmundigen Ankündigungen Montgomerys. In einem Interview in der Märzausgabe des Magazins „Cicero“ bezeichnet er das Internet als Revolution für die Zeitungsbranche und kündigt in seinen Redaktionen strategische Veränderungen an. Domenika Ahlrichs, die Chefredakteurin der „Netzeitung“, die ebenfalls Mecom gehört, ist seit kurzem ebenfalls stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Zeitung. Im Lauf des Jahres werde jede Redaktion laut Montgomery zudem in ein „Content Department“ umgewandelt, das gleichzeitig für Print und Online arbeitet. Das klingt fortschrittlich, passt aber nicht zum anhaltenden Sparkurs, dem in den vergangenen beiden Jahren Planstelle um Planstelle zum Opfer gefallen ist. „Es geht um die Substanz der Zeitung“, sagt Thomas Rogalla vom Redaktionsausschuss. „Achselzuckend lässt man hier gute Leute weggehen.“

In dem Streit, den die Redakteure der Berliner Zeitung gerade mit ihrem Eigentümer ausfechten, geht es nicht nur um die die unaufhaltsame Globalisierung und Rationalisierung der Medienbranche. Es geht um die Frage, ob eine Zeitung ausschließlich nach dem Prinzip der Renditemaximierung geführt werden kann. David Montgomery glaubt das. Die Börse ist sich in dieser Hinsicht offenbar nicht mehr so sicher. Die Aktien der Mecom-Holding haben seit September mehr als zwei Drittel ihres Werts eingebüßt.