Alice von Hildebrand - die hellwache Gralshüterin

Alice von Hildebrand will dem Primat der Wahrheit zum Sieg verhelfen – Ein Besuch in New York. Von Urs Buhlmann

Alice von Hildebrand
Immer wieder konvertierten ihre Studenten: Alice von Hildebrand. Foto: IN
Alice von Hildebrand
Immer wieder konvertierten ihre Studenten: Alice von Hildebrand. Foto: IN

Als sie im März 1923 geboren wurde, war die „Ruhrbesetzung“ durch französische und belgische Truppen in vollem Gange, war die Reichsmark 22 767 Dollar wert. Diese Hyperinflation drohte – neben den politischen Problemen – der jungen Weimarer Republik den Garaus zu machen. Alice Jourdain, in jenem Monat in Brüssel zur Welt gekommen, musste das nicht beschweren, Belgien fühlte sich als Sieger über das Deutsche Reich. Nicht nur deutsche Reparationen, auch die Ausbeutung des florierenden belgischen Kolonialreiches sorgten für Wohlstand im Land. Alices Onkel war ein reicher Mann durch seine Zeitung „La Libre Belgique“, damals ein in breiten Kreisen gelesenes Intelligenzblatt katholischer Prägung.

Unweigerlich kommt das Gespräch auf die Vergangenheit, wenn man Alice von Hildebrand in ihrer geräumigen Wohnung in einem gediegenen Kondominium in New Rochelle bei New York aufsucht, einem der eleganteren Vororte der Mega City. Dass Alice nicht das behütete Leben besserer Kreise in Belgien einschlug, hat mehrere Gründe – der wichtigste natürlich die Heirat mit Professor Dietrich von Hildebrand, den sie 1959 – zwei Jahre nach dem Tod von dessen erster Frau – ehelichte. Schon seit 1940 lebte sie in den USA – wie ihr späterer Mann auf der Flucht vor den Nazis –, studierte Philosophie an der Fordham University, der zu dieser Zeit noch gut katholischen Jesuiten-Universität mit den beiden Standorten in Manhattan und der Bronx. Hier traf sie auf Dietrich von Hildebrand, wurde dessen Lieblings-Studentin und Sekretärin, schließlich die Ehefrau. Hildebrands Flucht nach Amerika war abenteuerlicher als die seiner Frau, wie es sich für jemanden geziemt, der von den Nazis als Staatsfeind angesehen wurde.

In akzentuiertem, altmodischem Englisch erzählt Alice die Geschichte ihres Mannes, die schon bald ihre eigene werden sollte: Wie der Sohn des bedeutenden Münchner Bildhauers Adolf von Hildebrand, religionsfrei erzogen, aber schon als junger Student mit Edmund Husserl und Max Scheler in Verbindung gekommen, konvertierte und zu einem der führenden katholischen Phänomenologen wurde, der unter dem Einfluss seines Göttinger Lehrers Adolf Reinach eine eigene Wertephilosophie vorlegte. Für einen Mann solcher Prägung war der Nationalsozialismus eine geistlose Barbarei, gegen die er aktiv anging und anschrieb. Nach Wien geflohen, wurde er Mitarbeiter von Kanzler Engelbert Dollfuß. Als Herausgeber der Wochenzeitung „Der christliche Ständestaat“ ereilte ihn die Verurteilung zum Tod in Abwesenheit; Franz von Papen nannte ihn den gefährlichsten Feind des Nationalsozialismus in Österreich. Über die Schweiz, schließlich über Portugal und Brasilien konnte er, immer einen Schritt schneller als seine Häscher, die Vereinigten Staaten erreichen. Der spätere französische Minister Edmond Michelet und der sagenumwobene US-Journalist Varian Fry waren dabei Helfer. Als Ethiker, zunehmend aber auch als Kritiker seiner Kirche, die er seit dem letzten Konzil auf Abwegen sah, profilierte sich Hildebrand nach dem Krieg. 1967 erschien „Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes“, „Der verwüstete Weinberg“ folgte 1973. So klar wie damals gegen die gottlosen Nazis artikulierte Hildebrand – von seinem Freund Pius XII. „der Kirchenlehrer des 20. Jahrhunderts“ genannt – seine Kritik gegen die Selbstsäkularisation der Kirche.

Seine Ehefrau, die 2000 (2003 auf deutsch) eine Biographie ihres Mannes mit dem sprechenden Titel „Die Seele eines Löwen“ vorlegte, betont, dass die tägliche Kommunion der Kraftquell war, aus der beide lebten. Alice von Hildebrand hatte im übrigen eine Karriere aus eigenem Recht, als Philosophie-Professorin am Hunter-College in New York, wo sie auch nach dem Tod ihres Mannes 1977 lehrte. Als sie 1984 in den Ruhestand ging, bekam sie den Preis als beliebteste der 850 Hochschullehrer des staatlichen und als liberal geltenden College, das zur City University mit ihren 275 000 Studenten gehört. Leicht gemacht hat sie es ihrer Universität, die ursprünglich für Frauen gegründet worden war, sicher nicht. Die Kritik an einem falsch verstandenen Feminismus wurde zu ihrem Markenzeichen. Simone de Beauvoir wirft sie vor, den Frauen das Kinder-Kriegen verleidet zu haben, das sie für sich selber als unmöglich ansah. Mit besonderer Verve attackierte sie stets die Versuche katholischer Feministinnen, zu den Weiheämtern der Kirche zugelassen zu werden. Weil sie aber ihre unzeitgemäßen Ansichten stets sachlich und diskursiv vorbrachte und sicher auch, weil diese konservative Haltung in der Stadt am Hudson ein Alleinstellungsmerkmal bedeutete, waren ihre Lehrveranstaltungen stets schnell ausgebucht.

Nach dem Tod ihres Mannes gründete sie mit mehreren Schülern das „Hildebrand Project“, das die Philosophie und die geistige Grundhaltung Dietrich von Hildebrands auch im 21. Jahrhundert lebendig und zugänglich halten will. Wissenschaftliche Konferenzen und Sommer-Seminare – leider nur auf der anderen Seite des Atlantiks – die neben vielen Jungen auch denkerische Nachfolger Hildebrands wie Josef Seifert zum Austausch zusammenbringen, legen Zeugnis davon ab, dass Dietrich von Hildebrand in seinem Heimatland zwar zum Geheimtipp geworden ist, in anderen Teilen der Welt aber weiter in hohem Ansehen steht. Sicher auch, weil Alice von Hildebrand mit sanfter Zähigkeit dafür seit nun mehr als vier Jahrzehnten arbeitet.

Sie erinnert sich – mit leicht spitzbübischen Humor – dass mehrere Rabbiner sich beim Hochschulrat über sie beschwerten, weil immer wieder Konversionen zum Katholizismus unter ihren Studenten vorkamen. Wie das sein kann? Alice von Hildebrand richtet sich energisch auf: „Die Menschen haben einen großen Hunger nach Wahrheit.“ Die dürfe man ihnen nicht vorenthalten, denn: „Der Teufel schläft nie, doch wir tun es. Aber in dem Moment, wo wir einem anderen Menschen sagen: Es gibt Wahrheit, machen wir ihn zum Katholiken. Denn Gott selbst ist die Wahrheit.“

Informationen auf der Internetseite www.hildebrandproject.org