Ai Weiwei in Haft rund um die Uhr

Auch nach seiner Entlassung ist der chinesische Künstler noch unter Beobachtung Von Andreas Landwehr

Nach seiner Freilassung darf Ai Weiwei nicht mit Journalisten reden. Seine Schwester enthüllte erstmals Details seiner Haft. So hockten ständig zwei Polizisten neben ihm. Es gab weder Zeitungen noch Bücher. Um die Zeit totzuschlagen, ging der Künstler nur auf und ab.

In seiner mehr als zweimonatigen Haftzeit war der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei rund um die Uhr unter Beobachtung. Zwei Polizisten teilten ständig den Raum mit ihm und beobachteten ihn sogar unter der Dusche oder auf der Toilette, wie seine Schwester Gao Ge am Freitag der Nachrichtenagentur dpa in Peking berichtete. „Für den Fall, dass er Selbstmord begehen sollte, mussten sie 24 Stunden am Tag über ihn wachen, während immer das Licht brannte.“ Alle drei Stunden hätten die Wachleute gewechselt.

Der 54-Jährige habe seiner Familie erzählt, dass er in dem Raum auf einem Streifen von knapp sechs Meter ständig auf- und abgegangen sei, um sich zu bewegen und die Langeweile zu vertreiben. Die zwei Wachbeamten hätten zugeschaut.

Er habe keinen Zugang zu Fernsehen, Radio, Zeitungen oder Büchern gehabt. Auch habe es kein Papier oder Stifte gegeben. Ein Bett sei das einzige Möbelstück gewesen. „Es gab kein natürliches Licht“, berichtete Gao Ge. „Jemand brachte Essen dreimal am Tag – sonst hätte er die Tageszeit nicht gewusst.“

Es sind die ersten Einzelheiten über die Haftbedingungen des Künstlers, der am 22. Juni unter internationalem Druck auf Kaution freigelassen worden war. Ihm werden Steuervergehen vorgeworfen. Doch sieht seine Familie den wahren Hintergrund für die Festnahme in seiner Kritik am kommunistischen Regime. Das Steueramt fordert jetzt Steuern und Bußgelder in Höhe von umgerechnet 1,3 Millionen Euro von ihm. Wo Ai Weiwei festgehalten wurde, ist bislang unklar. Doch scheint es kein reguläres Gefängnis gewesen zu sein.

Nach seiner Freilassung erschien der 54-Jährige deutlich schlanker als vorher. Die Gewichtsabnahme wurde auch auf die viele Bewegung in Haft zurückgeführt. „Ai Weiwei sagte uns, dass er in den 80 Tagen vermutlich eine Entfernung wie von Peking nach Shanghai zurückgelegt habe“, sagte Gao Ge. Die zwei Wachen in seinem Raum hätten nicht mit ihm reden dürfen. „Sie beobachteten ihn jede Sekunde, ohne auch nur einmal die Augen zu schließen“, sagte Gao Ge. Das Zimmer habe eine eigene Toilette und Dusche gehabt.

Der Künstler selbst darf als Bedingung für seine Freilassung nicht mit Journalisten sprechen. Seine Schwester rechnet aber damit, dass er letztendlich über seine Haftzeit schreiben werde. „Er ist jemand, der nicht ständig still sein kann.“ Am Vortag hatte Ai Weiwei schon berichtet, dass er wegen seines bestehenden Ausreiseverbots noch nicht weiß, wann er seine Gastprofessur an der Berliner Universität der Künste (UdK) annehmen kann. „Ich werde reisen, wenn mir erlaubt wird, China zu verlassen.“