Adrianopel

Ein Vergleich der spätantiken Völkerwanderung mit der Migrationskrise des 21. Jahrhunderts kann nachdenklich machen. Von Ingolf Bossenz

Heinrich Bedford-Strohm am Münchner Hauptbahnhof
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hat am 5. September 2015 ankommende Flüchtlinge auf dem Bahnhof in München begrüßt. Foto: Corina Greiling (KNA)

War alles schon einmal da? Und ist nur vorübergehend verweht? „Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort – und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß. Dann sagt der Mensch ,ich erinnere mich‘ ...“ So beschreibt Friedrich Nietzsche (1844–1900) in seinem Werk „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (1874) die periodische Präsenz des vermeintlich Entschwundenen. Worte, die auf den ein paar Jahre später formulierten zentralen Gedanken des deutschen Dekadenzphilosophen von der Ewigen Wiederkunft des Gleichen verweisen.

In der Tat zieht die rastlose Suche nach passenden Parallelen zum Gegenwärtigen im Geschichtlichen als wahre Ur-Kunde ihre Spur durch die Jahrhunderte und -tausende menschlichen Existierens. So waren beispielsweise die Verfasser des Neuen Testaments bemüht, ihre Texte durch Konkordanz mit den heiligen jüdischen Schriften zu legitimieren und zu sakralisieren, besonders durch Verweis und Bezug auf den Tanach, der später von der christlichen Kirche als Altes Testament kanonisiert wurde.

Eine Epoche, die seit dem Mittelalter bis heute als wohl bedeutendster und wahrhaft unerschöpflicher Steinbruch zur Gewinnung kohärent konturierter geschichtlicher Gegenstücke dient, ist zweifellos die Ära des Imperium Romanum. Mit anderthalb Millennien Daseinszeit ist das Römische Reich, das sich in seinem Hochglanz von Britannien bis Ägypten und von Mauretanien bis Armenien erstreckte, eines der stabilsten staatspolitischen Gebilde, das je von Menschen geschaffen wurde. Aufstieg, Verfall und Untergang dieses Riesenreiches werden seither paradigmatisch auch zur Ausleuchtung aktueller Zustände in Staaten, Staatengruppen, Gesellschaften und Regionen bemüht.

2015 erreichte die vor allem muslimische Massenmigration bis dato ungekannte Ausmaße und Auswirkungen in und auf Deutschland sowie ganz Europa, mithin auf das sogenannte Abendland. Seither bahnte sich damit auch ein altes, strittiges, gleichwohl wirkmächtiges Schlagwort den Weg in die Medien- und Meinungswelt: Völkerwanderung. Hatte doch dieses Ereignis, das im Jahr 375 n. Chr. durch den Einfall der Hunnen aus Zentralasien in die südrussische Steppe ausgelöst worden war, maßgeblich zum Fall der Weltmacht Rom beigetragen. Droht nun, im 21. Jahrhundert, die „Islamisierung“ Europas? Die Sorge davor fand hierzulande immerhin ihren Niederschlag in Na- men und Aktivität einer als rechtspopulistisch geltenden Bewegung PEGIDA – Patriotische Europer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Die Zentralthese des Bestsellers, den der britische Historiker Peter Heather (geb. 1960) bereits 2005 mit seinem Buch „The Fall of the Roman Empire“ (dt. Titel „Der Untergang des Römischen Weltreichs“, 2007) vorgelegt hatte, entfaltete ihre ganze aktuelle Brisanz erst zehn Jahre später mit dem Beginn der Großen Wanderung 2015. Auf der Flucht vor den Horden der Hunnen waren 376 n. Chr. gotische Verbände bis an die Donaugrenze des Imperiums im Gebiet des heutigen Bulgarien vorgestoßen. Rom gewährte den auf dieser Balkanroute Kommenden – in Abkehr von bisheriger Politik – bereitwillig Aufnahme, weil, so Heather, Kaiser Flavius Valens „in dieser Flutwelle verdrängter Menschen eine große Chance sah“. Skeptiker und Warner wurden ab gebügelt.

Der römische Historiker Ammianus Marcellinus konstatierte: „Diese Angelegenheit gab mehr zur Freude Veranlassung als zur Furcht. Hoben doch die erfahrenen Schmeichler das Glück des Kaisers hoch in den Himmel. Denn aus den entferntesten Ländern bringe es so viele Rekruten und biete sie wider Erwarten an, dass er seine eigenen mit den fremdstämmigen Streitkräften vereinigen und sich ein unbesiegbares Heer schaffen könne. Anstelle des Mannschaftsersatzes, dessen Kosten jährlich nach Provinzen bezahlt würden, käme jetzt eine große Menge Goldes ein.“ Wie bemerkte doch Katrin Göring-Eckardt (Grüne) angesichts der jüngsten Zuwanderungswelle: „Wir kriegen jetzt plötzlich Menschen geschenkt.“ Und Martin Schulz (SPD) erklärte: „Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold.“ Doch auch in der Spätantike, das macht Historiker Heather deutlich, trieb die Einströmenden nicht nur die Suche nach Sicherheit an, sondern ebenso die „Hoffnung auf Partizipation am Wohlstand“ der römischen Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.

In Besprechungen, die Heathers Werk mit frisch gefirnisster Gegenwärtigkeit versahen, finden sich forsche Vergleiche zwischen den hunnischen Heerscharen und den Terrorkolonnen des „Islamischen Staates“, die die von ihnen jeweils bedrängten Völkerschaften brutal vor sich hertrieben. Auch Angela Merkels demonstrativer Trotz-Kurs („... nun sind sie halt da“) vom Herbst 2015 passt als Parallele zum politischen Poltern im 4. Jahrhundert. Auch damals kam es umgehend zu reichlich Problemen mit den Neubürgern und ebenso reichlicher Kritik daran. Denn „diese Angelegenheit“, die laut dem Historiker Ammianus Marcellinus zunächst „mehr zu Freude Veranlassung gab als zur Furcht“, ging gründlich schief.

Politische Falschwertungen und militärische Fehleinschätzungen, ungeschützte Reichsgren- zen und innere Unruhen führten zum sogenannten Gotenkrieg. Wie Heather erklärt, lag der Hauptgrund für den Aufstand „in der Nahrungsmittelknappheit und den Schwarzmarktaktivitäten am Ufer der Donau“. Die Goten, die sich als Siedler und nicht als Bittsteller sahen, verfügten „über keinerlei Möglichkeiten, ihre Nahrungsmittel selbst anzubauen, denn Landvergabe war in dem Abkommen (mit den römischen Behörden – I.B.) nicht geregelt worden“. Drohender Hunger als Druckmittel auf die Immigranten überlagerte deren auf eine Perspektive gerichtete Eingliederung in die imperiale Gesellschaft. Inkompetenz, Kurzsicht und Korruption der „betreuenden“ Beamten taten ein Übriges zum Scheitern jeglicher Integration. Entsprechend niedrig war die Bereitschaft der Zugereisten, eine römische Leitkultur zu akzeptieren. Hatte Rom früher Einwanderungswillige „weiträumig über das Reich verteilt“ (Heather), kam es nun zur Bildung faktischer Parallelgesellschaften.

Markstein des Niedergangs

Programmiert war damit, so Peter Heather, „der Weg für ein militärisches Kräftemessen“, das sich nur zwei Jahre nach Öffnung von Roms Donaugrenze vollzog: Am 9. August 378 trafen 30 000 Römer auf 25 000 Goten nahe Adrianopel (heute Edirne, die westlichste Großstadt der Türkei). 20 000 gefallene Krieger bedeckten am Ende die Walstatt, unter ihnen Kaiser Valens. Sieger waren die Goten; Roms Truppen erlitten die schwerste Niederlage gegen germanische Verbände seit der Arminiusschlacht im Jahr 9 n. Chr. und ihr größtes militärisches Fiasko seit der Schlacht von Cannae (Südost-Italien) 216 v. Chr., in der das karthagische Heer unter Hannibal eine zahlenmäßig weit überlegene römische Streitmacht vernichtete. Die Katastrophe, an deren Beginn die Hoffnung auf „eine große Chance“ stand, war zweifellos ein Fall jener von Karl Marx erwähnten „geschichtlichen Ironie“, bei der „fromme Wünsche in ihrer Realisation ins grade Gegenteil umschlagen“.

Das Desaster von Adrianopel gilt gemeinhin als Markstein des nun folgenden Niedergangs römischer Geschichtsgröße und Weltgeltung. In immer neuen Invasionen berannten germanische Völker, darunter die hernach sprichwörtlichen Vandalen, die Macht und die Herrlichkeit des Imperiums. 410 eroberten und plünderten westgotische Truppen unter Alarich Rom. 70 Jahre später besiegelte die Ermordung von Kaiser Julius Nepos, Westroms letztem legitimen Herrscher, den „Untergang des römischen Reiches“ (ein Diktum, das sich historisch auf den Westen des 395 geteilten Reiches bezieht; das oströmische Reich, Byzanz, fand sein Ende erst 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen).

Ob und wie sich das Szenario um den „Gotenkrieg“ vom 4. Jahrhundert in Europa wiederholen könnte, beschäftigte indes schon vor über 200 Jahren den britischen Historiker Edward Gibbon (1737–1794), der in seinem Hauptwerk „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ gleichfalls den Untergang Roms analysiert hatte. Sein Fazit: Sollte Europa tatsächlich einem ähnlichen Ansturm ausgesetzt sein, dem es nicht mehr begegnen könne, liege sein Heil in der Flucht über den Atlantik – in Amerika winke eine neue und lichte Zukunft ...

Letztlich sind die vor über anderthalb Jahrtausenden stattgehabten Ereignisse heute Teil eines Florilegiums von Parallelen und Pseudo-Parallelen, das im Urgrund der Ungewissheit des Künftigen und der Unmöglichkeit historischer Prophetie wurzelt. Dazu gehören ebenso – mit anderer agitatorischer Stoßrichtung – der gebetsmühlenhafte Verweis auf einstige europäische Migrationsbewegungen wie die Einwanderung von französischen Hugenotten nach Preußen im 17. Jahrhundert oder die von Polen ins Ruhrgebiet im 19. Jahrhundert sowie die Rückblende auf die Trecks der vertriebenen und ausgesiedelten Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Gerade angesichts gänzlich anderer und anders zu bewertender ethnischer, religiöser, politischer, ökonomischer und sozialer Konditionen und Konstellationen der neuen Großen Wanderung überrascht das forsche „Fürchtet euch nicht“, das in verschiedenster Verpackung vom medialen Hauptstrom in die Kanäle der veröffentlichten Meinung gedrückt wird. Unangemessen, ja, grundlos (in zweifacher Hinsicht) sei die Furcht – vor: steigender Kriminalität, sinkender Sicherheit, importiertem Antisemitismus, sukzessiver Islamisierung, schrumpfenden Sozialkassen, Parallelgesellschaften und No-go-Zonen. Und immer davor: das Epitheton „angeblich“.

Nicht zu übersehen ist, dass der deutsche Rechtsstaat durch die anhaltende Migration einer starken Belastung unterliegt. So befand im Februar 2017 das Oberlandesgericht Koblenz: „Die rechtsstaatliche Ordnung in der Bundesrepublik ist in diesem Bereich ... seit rund eineinhalb Jahren außer Kraft gesetzt.“ Mit „diesem Bereich“ gemeint ist „die illegale Einreise ins Bundesgebiet“, die, so die Richter, „momentan de facto nicht mehr strafrechtlich verfolgt“ wird. Als Konsequenz aus offenen Staatsgrenzen werden Fußgängerzonen, Fanmeilen und Volksfeste mit Placebo-Pollern gegen Terroranschläge umgrenzt, eine gleichsam in Beton gegossene Botschaft: Wir schaffen das!

Indes: Wie die aktuelle, von schulterklopfender Selbstvergewisserung („Deutschland als ein Land der Hoffnung und der Chancen“, Merkel) und propagandistischen Parolen („Der Islam gehört zu Deutschland“) begleitete Migrationskrise ausgeht, ist völlig offen. Ob sie dereinst selbst als hilfreiche oder abschreckende historische Parallele bemüht werden wird – dieses Urteil obliegt kommenden Generationen, die, wie stets in der Geschichte, die dann vollendeten Tatsachen nur noch interpretieren können.

Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin. Er schreibt u. a. über religionsphilosophische und kirchenpolitische Themen.