Absurde Theorien

Was steckt wirklich hinter der Mondlandung, dem 11. September 2001 oder dem Schicksal der Päpste? Verschwörungstheoretiker meinen es zu wissen und haben derzeit Hochkonjunktur. Kleine Reflexion über einen irren und gefährlichen Trend. Von Klaus Kelle

Ein großer Schritt für die Menschheit, ein kleiner Schritt für Hollywood? Manche Verschwörungstheorien reichen bis zum Mond. Foto: dpa
Ein großer Schritt für die Menschheit, ein kleiner Schritt für Hollywood? Manche Verschwörungstheorien reichen bis zum M... Foto: dpa

Als am 11. September 2001 islamistische Terroristen der Al Kaida-Organisation vier Passagierfluge in den Vereinigten Staaten entführten, um sie vor den Augen der Weltöffentlichkeit als todbringende Waffen in Gebäude zu steuern, gehörte auch das US-Verteidigungsministerium zu den Zielen. Terrorpilot Hani Handschur raste mit American Airlines Flug 77 um 9.37 Uhr in das „Pentagon“ genannte Gebäude. 189 Menschen starben. Während der Attacke waren auf den Highways rund um das Anschlagsziel herum 752 Menschen unterwegs und wurden Augenzeugen des Grauens. Ausnahmslos alle 752 sagten in späteren Vernehmungen aus, dass sie gesehen haben, wie ein AA-Verkehrsflugzeug in das Gebäude krachte.

Dennoch hält sich hartnäckig in Veröffentlichungen aller Art die These, das Pentagon sei von einer Cruise Missile-Rakete getroffen worden. Und Millionen Menschen halten das für plausibel, wittern eine geheime Verschwörung bei und hinter den Anschlägen. Wie ist es möglich, dass heutzutage viele Menschen bereit sind, sich absolut überzeugende Fakten einfach wegzudenken, um ein wirres Weltbild aufrechtzuerhalten, in dem finstere Mächte und Geheimbünde hinter den Kulissen die Strippen ziehen? Die Terroranschläge von 9/11 sind ein gutes Lehrbeispiel, denn wohl kein anderes dramatisches Weltereignis ist jemals derart akribisch untersucht worden.

Jede Schraube, jedes Trümmerteil wurde untersucht. Filme wurden ausgewertet, Hypothesen entworfen, die Biegsamkeit von Stahlteilen in unendlichen Testreihen untersucht. Und Osama bin Laden, Initiator hinter den Anschlägen, denen fast 3 000 Menschen zum Opfer fielen, hat sich selbst dazu bekannt, verantwortlich zu sein. Doch das spielt für die Gläubigen der großen Verschwörung keine Rolle, denn US-Präsident George W. Bush war es! Oder doch der israelische Geheimdienst Mossad? Es gibt keinerlei Belege für diese These, keine stichhaltigen Beweise. Es reicht in Verschwörungskreisen aber offenbar aus, ein paar mysteriöse Filmschnipsel, Fragen und Gerüchte zu bündeln und fertig ist die Theorie: Das Einschlagloch sieht so klein aus, warum stürzte auch das Nachbargebäude ein? Startete nicht noch in der Nacht ein Flugzeug mit Angehörigen der saudischen bin Laden-Sippe von einem abgesperrten Rollfeld in den USA als einziges Flugzeug, das noch starten durfte? Der Rest ist Raunen – und Sprachlosigkeit.

Andreas von Bülow (SPD) war Bundesminister für Forschung und Technologie von 1980 bis 1982. Der heute 77-Jährige verfasste 2003 das Buch „Die CIA und der 11. September“, das zum Bestseller wurde. Wenn ein ehemaliges Mitglied der Bundesregierung behauptet, die US-Administration selbst stecke – assistiert vom Mossad – hinter den Anschlägen, hört jeder erstmal hin. Am 9. September 2003 war er zu Gast in der Fernsehsendung von Sandra Maischberger. Selten hat der interessierte Zuschauer miterleben können, wie ein Verschwörungstheoretiker dermaßen demaskiert wurde. Besonders die Behauptung von Bülows, einige der bekannten 9/11-Attentäter seien quicklebendig und lebten unbehelligt in Marokko, geriet in den Mittelpunkt des Schlagabtauschs. Als Maischberger ihren prominenten Gast fragte, ob er selbst schon mal mit einem dieser Männer habe sprechen können, antwortete er, dafür habe er „nicht die Kapazitäten“. Aber hoppla, Herr Ex-Minister: Große Theorien und kein Telefon?

Doch derartige Ausweichmanöver sind in der Welt der Verschwörungstheoretiker üblich. Sie erzählen Geschichten, sie bleiben keine Antwort schuldig, winden sich dann aber plötzlich mit neuen mysteriösen Erklärungsversuchen, wenn sie nicht den kleinsten Beweis für ihre Behauptungen vorweisen können. Was fehlt, wird sozusagen zum Ersatzbeleg. Doch ihr Publikum stört das nicht, sie saugen begierig auf, was ihnen präsentiert wird. Hat nicht die Fahne auf dem Mond bei der ersten Landung 1969 gewackelt, obwohl es doch da gar keinen Wind gibt? Wohnte nicht der Waffenhändler und CIA/Mossad-Geschäftspartner Adnan Kashoggi zeitgleich in einem benachbarten Genfer Hotel, als Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel am 11. Oktober 1987 im „Beau Rivage“ tot aufgefunden wurde? Und gab es da nicht Unstimmigkeiten auf der Ladeliste der Ostseefähre „Estonia“, die im September 1994 rund 35 Kilometer vor der finnischen Insel Utö versank und 852 Menschen mit in den Tod riss? Angeblich waren illegale Waffenlieferungen an Bord. Eine „geheime Taucheroperation“ habe nach dem Untergang des Schiffes ein großes Loch mit vier Meter Durchmesser an der Bordwand entdeckt. Der Phantasie sind wahrhaft keine Grenzen gesetzt, und das Publikum zahlt offenbar gern für ein wenig Grusel. Wird das eigene Leben nicht auch gleich ein wenig bedeutungsvoller und interessanter, wenn man sich als Mitglied einer kleinen, aber feinen Durchblicker-Gemeinschaft fühlen darf? Tatsächlich ist inzwischen eine wahre Industrie entstanden, in der eine verhältnismäßig kleine Gruppe an Thriller-Autoren und Verlagen mit solchen Geschichten und daran eng angekoppelten Lebenshilfe-Ratgebern bestens verdient. Denn: Es ist ja nicht nur wichtig, zu wissen, dass der Untergang bevorsteht, sondern auch, wie man ihn überlebt.

Marktführer in dieser Szene ist in Deutschland der Kopp Verlag, dessen Autoren wissen, dass Weintrauben das Krebs-Risiko senken, und dass der Pariser Supermarkt-Attentäter Amedy Coulibaly wohl gar kein Terrorist war, sondern eine Geisel, die von der französischen Polizei hingerichtet wurde. Nichts ist zu abstrus, als dass es nicht ein dankbares Publikum fände. Natürlich bleibt auch eine weltumspannende Organisation wie die katholische Kirche von derartigen Investigationsagenten, die seltsamerweise nie bei Pressekonferenzen oder offenen Veranstaltungen zu sehen sind, nicht verschont. Das Papstamt, umweht vom Dogma der Unfehlbarkeit, ist einfach zu schön, um ungeschoren davonzukommen. Die Geschichte von der angeblichen „Päpstin“ ist kaum zu übertreffen, dachte man, bis Johannes Paul I. nach nur 33 Tagen auf dem Stuhle Petri in der Nacht zum 29. September 1978 verstarb. Ohne Obduktion trug man ihn in kürzester Zeit zu Grabe. Und dann kam heraus, dass der Vatikan bei der Schilderung der Todesumstände in zwei Details falsch lag – wer den Verstorbenen entdeckt und was der Papst vor seinem Tod gelesen hatte.

Im Jahr 1984 erschien daraufhin das Buch „Im Namen Gottes“ des Autors David Yallop, das zum Weltbestseller wurde. Seine These: Der Papst wurde vergiftet, weil er den Hintermännern des Skandals um die Vatikanbank an den Kragen wollte. Eine großartig geschriebene fiktive Geschichte, die später sogar im dritten Teil der „Pate“-Filme geadelt wurde. Nur eben kein Sachbuch über das, was wirklich mit dem armen, schwer herzkranken Albino Luciani passiert war. Sein Nachfolger Johannes Paul II. übrigens, so wissen es einige Verschwörungstheoretiker, wurde im Konklave nicht vom Heiligen Geist auserwählt, sondern auf Anordnung der CIA, um als Mann aus dem kommunistischen Herrschaftsbereich denselben zu destabilisieren. Benedikt XVI. dagegen, so liest man in einschlägigen katholischen Verschwörungskreisen, ist nicht freiwillig zurückgetreten, sondern wurde mit Geheimdokumenten erpresst, die aus seinen Privatgemächern gestohlen worden waren. Klare Worte des emeritierten Papstes sind dagegen zwecklos. Und Papst Franziskus, der sich gerade einmal wieder so deutlich für die traditionelle Familie eingesetzt hat und keine Gelegenheit verstreichen lässt, um für die persönliche Beziehung zu Jesus Christus zu werben, soll ein Freimaurer sein. Oder so ähnlich. Wieso er dann aber ausgerechnet vor der realen Existenz des Teufels warnt, beständig zur Erneuerung im Bußsakrament aufruft und als Jesuit besonders den Geist der Unterscheidung wertschätzt – zur Beantwortung solcher Fragen reichen die „Kapazitäten“ der V-Leute dann wiederum nicht.

Dabei ist im Allgemeinen nichts Anstößiges dabei, Ungereimtheiten zu erforschen oder verdächtigen Hinweisen nachzugehen. Bis heute beschäftigt viele Menschen das Attentat auf John F. Kennedy. Ist es wahrscheinlich, dass ein einzelner Täter innerhalb von 5,7 Sekunden dreimal aus dieser Entfernung trifft? Und zeigt nicht der berühmte Zapruder-Film, dass der Kopf des Präsidenten zumindest einmal von vorn getroffen wird? Es ist ja nicht so, dass es in der Geschichte keine Verschwörungen gegeben hätte und wahrscheinlich noch gibt. Die verdeckte Operation von Hitlers SS am 31. August 1939 gegen den Sender Gleiwitz war so eine, die einen Vorwand für den am folgenden Tag beginnenden Angriffskrieg gegen Polen liefern sollte. Oder der „Zwischenfall“ am Golf von Tonkin im August 1964, ein frei erfundener Angriff Nordvietnams auf den US-Zerstörer „Maddox“, der den Grund für ein massives militärisches Eingreifen der USA im Vietnam-Konflikt lieferte. Nicht wenige Menschen glauben heute sogar, dass die US-Regierung 1941 vom bevorstehenden Angriff Japans auf ihre Pazifikflotte in Pearl Harbour wusste, aber nichts unternahm, um einen Grund für den Kriegseintritt zu haben.

Dass politische Verschwörungstheorien als Waffe eingesetzt werden, zeigte zuletzt das vergangene Jahr mit seinen abenteuerlichen Geschichten rund um den Ukraine-Konflikt. Wobei sich durchaus beide beteiligte Seiten Mühe gegeben haben, mit fingierten Geschichten die öffentliche Meinung im Westen zu beeinflussen. Letztlich bleibt festzuhalten, dass Russland mit seinen medialen Hilfstruppen dabei deutlich erfolgreicher gewesen ist: Hunderttausende Demonstranten auf dem Maidan – alle haben angeblich 50 Dollar von der CIA für die Teilnahme erhalten. Auf so eine Geschichte muss man erstmal kommen. Und der Westen kreist Russland mit der NATO ein – das glauben selbst führende Politiker inzwischen. Die Wahrheit ist: schon 2008 hatte die Ukraine beantragt, in die NATO aufgenommen zu werden. Das Bündnis sagte ab, auf maßgebliche Intervention der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und aus Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten Russlands. Das ist heute kein Thema mehr. Ist die Wirklichkeit erst auf den Kopf gestellt, verschwinden auch die historischen Fakten oder werden verdrängt.

Dass fiktive Behauptungen dennoch in die Köpfe von Realpolitikern einsickern können, ist jedoch kein Zufall. Es ist Teil einer Strategie, eine Art Gegenöffentlichkeit zu den seriösen Medien und „dem System“ zu schaffen. Das eine solche Strategie übrigens keine eigene Verschwörungstheorie ist, wie man einwenden könnte, sondern dass in St. Petersburg eine PR-Agentur für die russische Regierung damit beschäftigt ist, in Internetkampagnen im Westen für ein Anti-USA-Meinungsklima zu sorgen, ist kein Geheimnis. Und diese Leute verstehen ihr Handwerk. Im gleichen Kontext ist übrigens die momentan in Deutschland überaus erfolgreiche „Lügenpresse“-Kampagne zu sehen. Hier haben es die Spin-Doktoren besonders leicht, weil ihnen die großen Leitmedien in Deutschland mehr als genug Gründe und Beispiele für fehlerhafte und manipulierende Berichterstattung geliefert haben. Von politischer Einseitigkeit und handwerklich schlechtem Journalismus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt bis zum Gedanken, dass das irgendwie alles gelenkt wird. Vom „System“ oder – Sie wissen schon – von der CIA, dem Mossad, beiden zusammen oder gar den Bilderbergern.

Bilderberger? Kennen Sie nicht? Die regieren die Welt, glaubt man den Freunden der Verschwörungskunst. Im Jahr 1954 auf Einladung von Prinz Bernhard der Niederlande im „Hotel de Bilderberg“ in Oosterbeek gegründet, treffen sich alljährlich hochrangige Persönlichkeiten aus westlichen Staaten zum Meinungsaustausch. So ähnlich wie bei der alljährlichen Wirtschaftskonferenz in Davos, nur dass bei den Bilderbergern auch Militärs und Spitzenleute aus Medien dabei sind, was das Sahnehäubchen auf der Geschichte von den Strippenziehern im Dunkeln darstellt. Hier, so glauben die Aufdecker, wird die Welt aufgeteilt, hier werden Kriege geplant und hier wird auch beschlossen, wer in Deutschland Bundeskanzler zu werden hat. Und Ölkrise 1973 und Irak-Krieg 2003 wurden natürlich auch dort beschlossen. Beweismaterial: Null.

Die Wahrheit dürfte denn auch weit nüchterner ausfallen. Bisweilen treffen sich nun einmal einflussreiche Zeitgenossen, um sich über aktuelle politische, gesellschaftliche und sogar philosophische Fragen auszutauschen. Daran ist nichts Geheimnisvolles. In den Tennis- oder Golfclub um die Ecke kann ja auch nicht jeder Spaziergänger zur Jahresversammlung reinlaufen. Und dass von den Bilderbergern keine Gefahr für den Weltfrieden ausgehen kann, belegt schon die Anwesenheit des Grünen-Politikers Jürgen Trittin 2012 bei der Bilderberg-Konferenz in Chantilly/USA. Welcher Weltenlenker, der Böses im Schilde führt, würde dazu ausgerechnet einen deutschen Grünen mit kommunistischer Vergangenheit einladen?

Aber so ist das. Menschen, die unbeweisbare Verschwörungstheorien glauben, sind doch letztlich auch nur Gläubige – so wie diejenigen, die an die Existenz Gottes glauben, könnte ein Spötter nun einwenden. Doch dieser Vergleich trifft es nun wirklich nicht. Der entscheidende Unterschied ist, dass Verschwörungstheorien in der Regel gegen alle Gesetze der Logik und der Vernunft verstoßen. Sie sind extrem anstrengend und strapaziös, weil zuweilen so widersinnig und widerspruchsvoll. Der Glaube an Gott aber ist die zentrale Antwort auf alle Fragen unserer Existenz. Deshalb ist dem großen Theologen und Philosophen Thomas von Aquin unbedingt zuzustimmen, der einst sagte, er glaube, „weil es vernünftig ist“. Damit war keine Verschwörungstheorie gemeint.