Feuilleton

Abschied vom letzten Menschen

Perspektivismus: Wie Friedrich Nietzsche die Erlösung verstand. Von Alexander Riebel

Friedrich Nietzsche
Wahrheit ist für Nietzsche nichts absolut Gültiges, sondern wird vom Standpunkt des Leibes mit seinen schmerzhaften Erfahrungen aus gesehen. Foto: dpa

Die Wüste wächst: weh dem, der Wüste birgt…“, schrieb Friedrich Nietzsche (1844–1900) und sah darin die Heraufkunft einer inneren Leere des Menschen, ja dessen Selbstverwüstung. Gemeint ist hier nicht die Wüste als Ort der inneren Einkehr und der Eremiten, sondern in Nietzsches Worten: „Die Wüste übrigens, von der ich eben sprach, in die sich die starken, unabhängig gearteten Geister zurückziehen und vereinsamen – o wie anders sieht sie aus, als die Gebildeten sich eine Wüste träumen! – unter Umständen sind sie es nämlich selbst, diese Gebildeten.“ Gebildet war Nietzsche als Altphilologe auch, aber er zählte sich nicht zu den Feingeistern, deren innere Verwüstung er festzustellen glaubte; er gehörte zu den damals 59 Prozent der Philologen aus evangelischen Pfarrhäusern.

Mit den Gebildeten und ihrer Bildung sind die großen Lehren vor Nietzsche gemeint, die er „altertümliches Geschwätz“ nennt: „Es ist viel Kinderei in der Weisheit. Und wer immer ,Stroh drischt‘, wie sollte der auf das Dreschen lästern dürfen? Solchen Narren müsste man doch das Maul verbinden.“ Die Wüste, die Nietzsche kommen sah, ist der Nihilismus. Nicht dass er ihn selbst gewollt hätte, sondern er sah ihn heraufkommen: „Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus.“ Dabei sind es für Nietzsche weder soziale Notstände, noch die seelischen, leiblichen oder intellektuellen, die für den Nihilismus verantwortlich sind. Vielmehr sei das Problem eine bestimmte Deutung der christlich-moralischen Welt, in der es zum Rückschlag vom „Gott ist die Wahrheit“ zum „Alles ist falsch“ komme. Dieses „Alles ist falsch“ wird nach Nietzsche durch ein Gefühl der Wertlosigkeit erreicht, weil man begriff, dass der Gesamtcharakter des Daseins nicht mehr mit den Begriffen „Zweck“, „Einheit“ oder „Wahrheit“ verstanden werden könne. Die Geschichte der Philosophie sieht Nietzsche als ein „heimliches Wüten gegen die Voraussetzungen des Lebens“, des diesseitigen leiblichen Lebens auf der Erde, und diesseits der bisherigen obersten Werte. Diese Leiblichkeit, ganz organisch-psychologisch gedacht, ist der Kern, von dem aus die Interpretationen der Perspektiven des Daseins aus gedacht werden, denn alles sei nur Interpretation, meint Nietzsche; darum keine Wahrheit und kein Sein mehr. Für Nietzsche genügt es nachzuweisen, dass die „Moral unmoralisch ist, in dem Sinne, in welchem das Unmoralische bis jetzt verurteilt worden ist. Ist auf diese Weise die Tyrannei der bisherigen Werte gebrochen, haben wir die ,wahre Welt‘ abgeschafft, so wird eine neue Ordnung der Werte von selbst folgen müssen.“ Eben die des diesseitigen Lebens.

Aber worin sieht Nietzsche dieses Leben jenseits von Gut und Böse der bisherigen „Sklavenmoral“, das im Ressentiment, einem der Lieblingsbegriffe Nietzsches, gründet? Jenseits von Gut und Böse ist diesseits des Körpers. Mit dem „Ressentiment“ der alten Moral wollten nach Nietzsche die Schwächeren die Stärkeren in die Knie zwingen. Aus diesem Verständnis resultierte auch seine Kritik am Christentum. Der Schwache schiele zur Seite, habe nicht den geraden Blick. Den geraden Blick etwa hätten die freien Bürger Athens gehabt, Nietzsche nennt Perikles als Beispiel; diese Vornehmen in ihrer Kühnheit sind toll, absurd, plötzlich, mit Gleichgültigkeit und Verachtung gegen „Sicherheit, Leib, Leben, Behangen“. Die Haltung der „Vornehmen“, wie sie Nietzsche in den Nachschriften nennt, ist es, sich nicht verwechseln zu lassen („Verwechselt mich vor allem nicht“), stoische Selbstbezwingung, das Ertragen von Armut und Dürftigkeit, Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens, dass nur unter Gleichen auf Gerechtigkeit zu hoffen ist, das In-Schutz-nehmen alles Förmlichen oder das „Wohlgefallen an den Fürsten und Priestern, weil sie den Glauben an eine Verschiedenheit der menschlichen Werte selbst noch in der Abschätzung der Vergangenheit zum mindesten symbolisch und im ganzen und großen sogar tatsächlich aufrechterhalten“, sowie der „Ekel am Demagogischen, an der ,Aufklärung‘, an der ,Gemütlichkeit‘, an der pöbelhaften Vertraulichkeit“.

Wie aber denkt Nietzsche diesen sich selbst überwindenden Menschen? Zu Beginn von „Also sprach Zarathustra“ spricht Zarathustra auf dem Marktplatz zu den Menschen vom „Verächtlichsten“, dem „letzten Menschen“. Der ist nicht der allerletzte Mensch auf Erden, sondern in dem sich der bisherige Mensch zum Höhepunkt gebracht hat, in dem er sich verfestigt hat und der am längsten lebt, wie es bei Nietzsche heißt. Mit ihm ist die Erde „klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. ,Wir haben das Glück erfunden‘, sagen die letzten Menschen und blinzeln.“ Mit dem Blinzeln meint Nietzsche kein Augenzwinkern, sondern der letzte Mensch will glänzen und scheinen, wobei der jedoch Misstrauen und Hinterhalt einsetzt und sich mit einer Welt des täuschenden Glücks zufrieden gibt: „Kein Hirte und ein Herde! Jeder will das gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.“ Zarathustra entzündet die Lust der Menge, und sie schreit: „Gib uns diesen letzten Menschen, o Zarathustra, – so riefen sie – mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den Übermenschen!“ Zarathustra jedoch dachte, sie verstehen mich nicht. Aber nun wird Zarathustra der Künder des Übermenschen, der über den „letzten Menschen“ hinausgeht. Nietzsche nennt den Übermenschen einen „Caesar mit der Seele Christi“. Aber warum vom letzten Menschen zum Übermenschen übergehen? Das hängt mit Nietzsches Vorstellung von der Erlösung zusammen, der Erlösung von der Rache: „Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.“ Und weiter sagt Zarathustra, es sei seine Brücke zur höchsten Hoffnung, wenn der Mensch von der Rache erlöst wird. Der Stein des Anstoßes für die Rache ist das „Es war“, das, was in der Zeit entstanden ist. Bezüglich der Vergangenheit meint Nietzsche, dass wir die Kriterien für deren Beurteilung nicht haben, weil die Wahrheit nur genealogisch entstand; Wahrheit ist für ihn nicht absolut gültig, sondern historisch entstanden und daher perspektivisch. So seien auch Gerechtigkeit, Strafe, Vergeltung, Lohn aus dem Ressentiment, ein anderes Wort für Rache, geboren. „Ach wie übel ihnen das Wort ,Tugend‘ aus dem Mund läuft! Und wenn sie sagen: ,ich bin gerecht‘, so klingt es immer gleich wie : ,ich bin gerächt!‘“ Mit der Tugend soll der andere niedergerungen werden, meinte Nietzsche: „Wir beißen niemanden und gehen dem aus dem Wege, der beißen will; und in allem haben wir die Meinung, die man uns gibt.“ So spricht der letzte Mensch. Über dem ihm folgenden Übermenschen schrieb Martin Heidegger: „Gemeint ist nicht eine Menschenart, die das ,Humane‘ wegwirft und die Willkür zum Gesetz hinauftreibt und eine titanische Raserei zur Regel macht.“

Eine philosophische Idee beim Spaziergang gefunden

Der Übermensch als Erlöser von der Rache kann nur noch die Wiederholung des immer Gleichen wollen, um so nicht mehr auf Widriges zu stoßen, auf ein festliegendes Vergangenes. Das heißt, der Übermensch will die ewige Wiederkehr, eine Idee, auf die Nietzsche beim Spaziergang 1881 am See von Silvaplana kam. Auch die christliche Reue bezieht sich auf das „Es war“, aber ihrem Willen zur Vergebung der Sünde wollte Nietzsche nicht folgen; der Bezug auf den erlösende Gott war ihm nicht möglich durch die ewige Wiederkehr, die den metaphysischen Bezug zu Gott ausschließt. Nietzsche deutet das Christentum platonisch als Dualismus des Diesseits und Jenseits opponiert gegen die Auffassung von zwei Welten. Nietzsche glaubt sein Menschenbild nur im Diesseits der Erde verwirklicht sehen zu können, ohne aber in einen Biologismus der Leiblichkeit zu verfallen. Auch wenn er den Menschen als Raubtier und die Wahrheit nur als zum Erhalt der Lebensbedingungen ansieht, stehen diese Überlegungen doch nur im Zusammenhang mit dem sogenannten Ende der abendländischen Metaphysik, die nach ihm nicht nur Künstler und Dichter wie Gottfried Benn oder Thomas Mann aufgegriffen haben, sondern besonders auch die französische Postmoderne. Auch der „neue Realismus“ wie der eines Markus Gabriel gibt sich gerne gottfern: „Selbst wenn es so einen Gott gäbe, wäre er nicht die Quelle von Sinn, sondern sogar ziemlich irritierend“, sagte er der „Zeit“. Dass die weltweit dominierende englisch-amerikanische Philosophie zumeist metaphysikfern ist, bestätigt ebenfalls Nietzsches düstere Prophetien.

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