Abschied vom Bargeld?

In einer digitalisierten Welt ist Bargeld eher lästig. Zudem ist es angeblich gefährlich und teuer. Natürlich soll Geld nach wie vor die Welt regieren, aber bitte nur das virtuelle. Von Burkhardt Gorissen

Wochenmarkt Nagold
„Wenn die Geldflüsse nur noch über Smartphones oder Kreditkarten laufen, können sie besser kontrolliert werden – und damit ihre Besitzer.“ Auch der Einkauf auf dem Wochenmarkt wäre kein reines Privatvergnügen mehr. Foto: dpa
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„Wenn die Geldflüsse nur noch über Smartphones oder Kreditkarten laufen, können sie besser kontrolliert werden – und dam... Foto: dpa

Immer zur Winterzeit trifft sich in Davos die Finanz- und Politik-Nomenklatura zu einem Wirtschaftsgipfel. Über dem idyllischen Luftkurort kreisen Hubschrauber, auf den Dächern der Hotels stehen ostentativ Scharfschützen. Hier, im Mekka der Globalisierung, prophezeite der Deutsche-Bank-Chef John Cryan im Januar 2016 über die schneeigen Gipfel hinweg, in zehn Jahren gäbe es keine Geldscheine mehr. Das klang wie die Abschaffung von Peanuts, und bedeutet für einen Chefbanker wohl auch nicht mehr. Als dringe ein Echo aus den Schweizer Bergen in die nordischen Fjorde, forderte zwei Tage später Norwegens größte Bank DNB die Abschaffung des Bargelds. Kein Wunder, bei der Umsetzung einer bargeldlosen Welt sind die skandinavischen Länder Vorreiter. Nicht nur in der Stockholmer U-Bahn ist ein Ticketkauf mit klingender Münze schon heute nicht mehr möglich.

Dabei hat uns die Zukunft längst überholt, wie das aktuelle indische Experiment beweist. Regierungschef Modi erklärte Anfang November 2016 ohne jede Vorwarnung alle 500- und 1 000-Rupien-Scheine für ungültig, obwohl sie über 80 Prozent des Bargeldes ausmachten. Die Maßnahme bezeichnete selbst ein staatstreuer Ökonom, wie Indiens Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen, als „despotisch und autoritär“. Vor allem, weil keine durchorganisierte Finanzstruktur existiert. Das konnte Premier Modi nicht von seinem marktliberalen Deregulierungsmantra abbringen. Der Eine-Milliarde-Staat ist nun mal ein perfektes Testfeld für die Praxis der „Demonetarisierung“, auch wenn viele Millionen Inder nicht einmal die für digitale Zahlungen vorgesehenen Smartphones besitzen. Stressfrei lief der Plan jedoch nicht ab, und die im hinduistischen Kernland aufgetretenen wütenden Proteste konnte man keinesfalls einfach so als Kleinigkeit abtun, doch der Regierung gelang es, die Aufstände vor den neugierigen Augen der Medien zu schützen. Schließlich wollte man sich nicht vor aller Welt blamieren, verbargen sich doch hinter dem Schleier der Finanzrevolution massive weltpolitische Interessen.

Kein Geringerer als Friedensnobelpreisträger Barack Obama, damals noch US-Präsident, hatte die „strategische Partnerschaft“ mit Indien zur außenpolitischen Priorität erklärt. Das führte dazu, dass die Entwicklungshilfeorganisation der US-Regierung, USAid, ein Kooperationsabkommen mit dem indischen Finanzministerium schloss. Dabei ging es nicht ganz absichtslos darum, in Indien die Bargeldnutzung zugunsten digitaler Bezahlverfahren zurückzudrängen. Für die internationalen Zahlungsverkehrs-Dienstleister ein guter Deal. Im Land der heiligen Kühe wurde der Tanz ums Goldene Kalb zum Maß aller Dinge, und nach Chaos und Geschäftseinbußen blieb selbst dem Straßenhändler nichts anderes, als sich ein Kartenlesegerät zu besorgen, um digitales Geld annehmen zu können, ansonsten blieb nur negatives Karma. Selbst Youtube profitierte. Tausende Videos über „india cashless society“ kursieren seither im virtuellen Neocortex der Postmoderne.

Die Abschaffung des Bargeldes ist kein Kinderspiel. Die Gefahr von Cyberangriffen wächst immens. Sowohl Einzelpersonen als auch Staaten werden anfälliger für Störungen, seien es Stromausfälle oder Hacks bis hin zur Cyberkriegsführung. Dadurch steigt auch das Panikpotenzial. Bedenken dieser Art werden jedoch auf Mega-Events wie dem Davoser Wirtschaftsgipfel weggewischt.

Wie resümierte John Cryan knochentrocken, Bargeld sei einfach „fürchterlich teuer und ineffizient“ und nur noch Geldwäschern und anderen Kriminellen zunutze. Das Bewegungsmantra aller Finanzjongleure lautet auch in Zeiten wachsenden Terrors „Money makes the world go around“. Hauptsache, die Kasse klingelt. Solche Aussagen lassen bei manchem Endverbraucher die Alarmglocken schrillen, schließlich ist das Vertrauen in die Märkte nicht grenzenlos, und es ist ein offenes Geheimnis, wenn die Geldflüsse nur noch über Smartphones oder Kreditkarten laufen, können sie besser kontrolliert werden – und damit ihre Besitzer. Kein Gerede über Sicherheitsvorkehrungen kann verdrängen, dass in der digitalen Welt Überwachungssysteme möglich werden, welche die Dystopien Orwells oder Huxleys wie naive Gute-Nacht-Geschichten erscheinen lassen.

Jemand, dessen Kopf ebenfalls tief in der „Schönen neuen Welt“ der Finanzzukunft steckt, ist Alexei Kireyev. Der Analyst des Internationalen Währungsfonds geht davon aus, dass die meisten Staaten in den nächsten Jahren kein Bargeld mehr in Umlauf bringen. In seiner 26 Seiten umfassenden Analyse beschreibt er ungeschönt die künftige Geldpolitik: „Der Prozess der Abschaffung von Bargeld könnte auf anfängliche und weitgehend unkritisch betrachtete Schritte aufbauen, wie zum Beispiel das Ausdünnen großer Geldscheine, die Platzierung von Grenzen bei Bargeldtransaktionen und die Kontrolle von Bargeldbewegungen über Grenzen hinweg. Weitere Schritte könnten die Schaffung von wirtschaftlichen Anreizen zur Verringerung der Verwendung von Bargeld bei Transaktionen, die Vereinfachung der Eröffnung und Nutzung von übertragbaren Einlagen und eine weitere Computerisierung des Finanzsystems sein.“ Für Kireyev steigt die Goldene Dämmerung unaufhaltbar am Horizont des Finanzhimmels auf: Warum eine Bargeldabschaffung von Vorteil wäre, wird gegen Ende seiner IWF-Analyse deutlich: Eine einfachere Geldpolitik, „was die Konsumausgaben fördern könnte“.

Die Ideen sind nicht neu. Kenneth S. Rogoff, Harvard-Professor und ehemaliger Chefdenker des Internationalen Währungsfonds, war 2014 der erste Ökonom, der ein Bargeldverbot ins Gespräch brachte. Seine Überlegungen legte er detailliert in seinem Bestseller „Der Fluch des Geldes“ dar. Den zu erwartenden weltweiten Rückgang des Barzahlungsverkehrs durch Kreditkarten und Smartphone-Apps will Rogoff gar nicht erst abwarten. Die Zeit drängt. Der Grund ist einfach: Die Finanzkrise ist längst nicht ausgestanden. Die Notenbanken müssen immer mehr Geld in die Märkte pumpen. Doch kann die lockere Geldpolitik den Kollaps der Finanzsysteme verhindern? Derzeit weisen 25 Prozent der Weltwirtschaft negative Leitzinsen der Notenbanken oder Strafzinsen für die Banken auf, die ihr Geld bei der Zentralbank parken. Das Vergleichsportal Verivox hat ermittelt, dass bundesweit inzwischen 13 Banken Negativzinsen von vermögenden Sparern verlangen. Für Wirtschaftswissenschaftler kein Problem: Bei einem Negativzins von minus fünf Prozent, wären die Guthaben nach ein paar Jahren genügend entwertet, um die Banken wieder solvent zu machen.

Bereits 2012 bezeichnete Finanzminister Wolfgang Schäuble Bargeld als „intransparentes Zahlungsmittel“. In den letzten Jahren schaffte die manchmal äußerst kreative EU eine Reihe von Gesetzen, die den Bargeldgebrauch einschränken. Während in Deutschland noch über Bargeld-Obergrenzen diskutiert wird, sind sie in mehreren europäischen Ländern schon länger üblich. Italien und Frankreich hat sie ebenso wie Portugal, Griechenland, Spanien und Belgien. Offizieller Tenor, damit würde Geldwäsche und Schattenwirtschaft, sowie die Eindämmung und Bekämpfung von Steuerflucht und der Terrorismus bekämpft. Nur ein Schlag ins Wasser? SPIEGEL-Online (Ausgabe Sonntag, 07.02.2016) berichtete, dass in fast allen EU-Ländern mit einer Bargeldobergrenze die Schattenwirtschaft „deutlich ausgeprägter als etwa in Deutschland“ war, wo es keine Obergrenze gibt.

Aber sind überhaupt die Mafia, international agierende Terrorgruppen und Waffen- oder Drogendealer auf Bares angewiesen? Deren Transfers dürften wohl weiterhin über anonyme Kanäle laufen, über Briefkastenfirmen, in der Karibik und im Nahen Osten oder man wird, nicht minder gesetzeskonform, durch Notare und Anwälte die Geschäfte über geheime Konten, „seriös“ abwickeln lassen. Um den Geldfluss zu beschleunigen, entwickelt die EZB zurzeit ein System, das den fantasievollen Namen TIPS trägt. Dadurch soll eine Schnittstelle entstehen, über die real in kürzester Zeit das Geld vom Kundenkonto auf das Konto des Händlers überwiesen wird. Auf jeden Fall ist der bargeldlose Geldverkehr ein gigantischer Markt der Zukunft. In Deutschland wird noch immer fast jeder zweite Bezahlvorgang im Einzelhandel durch Bargeld abgewickelt. Hochgerechnet ergibt das etwa 200 Milliarden Euro Transaktionsvolumen. Diese Quelle möchte die Finanzbranche natürlich über alle Grenzen hinweg für sich sprudeln lassen. Schließlich geht es um eine schöne, neue Welt. Immerhin, „Verpflichtet, den Zustand der Welt zu verbessern“, lautet das gebetsmühlenartig wiederkehrende Mantra des Davoser Weltwirtschaftsforums. Dennoch scheint immer noch unklar zu sein, wie sehr die Digitalisierung unsere Wirtschaft und Gesellschaft verändern wird. Wenigstens sorgte Schäuble in diesem Jahr mit seinem schwäbelnden Englisch für internationale Heiterkeit: „You never eat as hot as it is cooked“.