Würzburg

Abenteurer des Geistes

Zum Tode des böhmischen Philosophen und bayerischen Hochschulleiters Nikolaus Lobkowicz.

Nikolaus Lobkowicz
Ambitioniert: Nikolaus Lobkowicz (1931-2019). Foto: dpa

In seiner autobiografischen Schrift, den noch in diesem seinem Todesjahr erschienenen „Philosophischen Memoiren“ (EOS-Verlag), schildert Nikolaus Lobkowicz seine Gefühle als junger Mann, als er, der Spross eines Geschlechts des böhmischen Uradels, 1948 in den Westen flüchten musste: „Aus der Heimat fliehen zu müssen, sagt man, ist für ein Kind, einen Jugendlichen ein traumatisches Erlebnis. Ich habe es anders erlebt. Es war aufregend, ein spannendes Abenteuer.“ Das sollte ein Charakterzug werden, der sein ganzes Leben prägte.

Auch an den mühsamen Seiten seiner beruflichen und wissenschaftlichen Aufgaben hat sich Lobkowicz nicht „abgequält“. Seine ersten Lehrjahre in der Schweiz, die Assistentenzeit an der Seite des Dominikaners und Marxismus-Kenners Joseph Maria Bochenski, die Professorenjahre an der Notre-Dame-University in Indiana, der Wechsel an die Universität München und der Sprung in das Rektorenamt in der Zeit der Studentenunruhen: Alles war für Lobkowicz ein Abenteuer. Er erzählte oft und lachend die unterschiedlichsten Anekdoten aus den Stationen seines Lebens. Etwa im Auto oder Sportflugzeug seines Lehrers Bochenski, der, wie Lobkowicz schreibt, „als Autofahrer wie als Pilot höchst zappelig und nervös“ war.

Lobkowicz war Philosoph. Er kannte seinen Thomas von Aquin wie auch Kant, Hegel und Marx. Aber er lehrte politische Wissenschaft und scheute sich nicht, etwa in den vielen Artikeln für diese Zeitung kirchliche oder theologische Fragen anzupacken. Der gebürtige Böhme, der sich nie als Fürst zu erkennen gab, was er aber war, war amerikanischer Staatsbürger und wurde 1971 bayerischer Beamter, mit seiner ersten, von dem jungen Kultusminister Hans Maier eingefädelten Amtszeit als Rektor der Ludwigs-Maximilians-Universität. Als er dann 1984 Präsident der Katholischen Universität Eichstätt wurde – wieder so eine Volte, von denen es in seinem Leben so manche gegeben hat –, tauschte er sein Münchener Domizil mit einem renovierten Pfarrhaus in einem Altmühl-Dörfchen.

Wenn Eichstätts Bischof Karl Braun zum Pläneschmieden vorbeikam, traf er den Universitätspräsidenten manchmal beim Rasenmähen mit freiem Oberkörper. Aus der etwas beschaulichen Lehrerausbildungsstätte ein „katholisches Oxford“ zu machen – das war das Ziel von Lobkowicz. Was aber nicht gelang, da den bayerischen Bischöfen der Mut fehlte, in die einzige katholische Universität des deutschen Sprachraums Geld zu investieren, um katholische Gelehrte aus aller Welt anzulocken. Von der Deutschen Bischofskonferenz ganz zu schweigen, für die der Hochschulstandort Eichstätt eine Extrawurst der bayerischen Bischöfe blieb.

Aber Lobkowicz gründete die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Hochschule und später – als es für ihn wieder zu einer „Wende“ gekommen war – das Zentralinstitut für Mittel- und Osteuropastudien in Eichstätt. Die „Wende“ waren der Zusammenbruch des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa und der Fall der Mauer. Und mit Wucht ging Lobkowicz daran, persönliche und akademische Kontakte aufzubauen, die für ihn, den aus Böhmen Geflohenen, wenige Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wären.

Alle diese Stationen hat Lobkowicz als gläubiger Katholik durchlebt. Er, der lange Jahre im Beirat des Päpstlichen Kulturrats saß, stieß so auch zur „Deutschen Tagespost“, deren Autor er wurde. Am vergangenen Donnerstag ist Lobkowicz in Starnberg verstorben. Die Beerdigung findet im böhmischen Drahenice statt.