Würzburg

Abenteuer Woodstock

Vor 50 Jahren fand das "Krieg und Frieden" der westlichen Counterculture statt, das Konzert, das Peace, Love, Happiness and Music in die Welt sandte. Ein Augen- und Ohrenzeuge erinnert sich und bietet den Kids von heute den Joint der Vernunft an.

50 Jahre Woodstock
50 Jahre Woodstock - Hippies unter sich. (Symbolbild) Foto: arte (ARTE)

Vor zehn Jahren wollte ich meiner Frau zeigen, was sich 1969 außer ihrer Geburt sonst noch an welterschütternden Ereignissen getan hatte. Zum Beispiel Woodstock. Drei Tage Peace, Love, Happiness and Music. Und da wir zufällig bei Freunden in upstate New York zu Besuch waren, also nur einen Katzensprung "ins Dickicht der Vergangenheit" (Walter Benjamin, der allerdings von einem "Tigersprung" schrieb) entfernt, fuhren wir drauflos. Mein 15-jähriger Sohn hatte keine Lust, mitzukommen und die Kriegsgeschichten des Alten zu hören. Er stand auf Rap.

Das war Woodstock

Woodstock: eine Naturarena, eine riesige Grasmulde, an deren Nordseite eine Gedächtnisplakette auf dem Boden liegt, zwar mit dem berühmten Logo des Gitarrenstegs, auf dem eine Taube mit Blume im Schnabel hockt, ansonsten ein bunter Grabstein. Ohrenbetäubende Stille.

Statt Blumen legte ich meine Goethe-Puppe nieder, mit der ich damals für meine Videoblogs herumspielte   wenn es einen gab, der seinen Sturm und Drang erfolgreich in ein gelingendes Leben integriert hatte, dann dieser "Ausnahmedeutsche" (Nietzsche). Unsere Andacht teilte John aus Chicago, der damals rechts vorne saß an den Lautsprechertürmen, neben weiteren 300000 Besuchern.

Auf der Plakette die Namen der Bands, die meiner Frau nichts sagten: Sly and the Family Stone, Richie Havens, Ravi Shankar, Who, Santana, Shananana und   the one and only   Jefferson Airplane. Wie soll man einem Mädchen aus wohlbehütetem Ostberliner Elternhaus das "Krieg und Frieden" der westlichen Counterculture erklären?

Ich war 15, als Woodstock zum global ausstrahlenden Schlachtfeld der Gegenkultur wurde, mit Gewitterstürmen, Schlammwälzen, LSD und dionysischen Entgrenzungen jugendlicher Dropouts, die Amerikaner waren kurz vorher auf dem Mond gelandet, lauter alte weiße Männer mittlerweile, im Jahr vorher wurden Bobby Kennedy und Martin Luther King erschossen, US-Boys kehrten traumatisiert oder in Leichensäcken aus dem Vietnamkrieg zurück.

Woodstock in der Wohngemeinschaft

Als der Film ein paar Monate später in deutschen Kinos anlief, lebte ich mit Freunden mein eigenes Woodstock in einer Wohngemeinschaft in einem Abbruchhaus, und als wir die dort residierenden sehr disziplinierten maoistischen Lehrer vertrieben hatten und das schöne Fachwerk-Haus unter unserer jugendlichen Zerstörungswut schließlich zerbröselt aufgab, zogen wir weiter in ein nächstes "Projekt", eine von Anthroposophen mietfrei gestellte Villa am Hang, und wir zogen eine Menge von Ausreißerkids an, daneben auch einen desertierten heroinsüchtigen GI, ja, wir lebten "Refugee welcome"!

An der Kinokasse gab es damals mit der Eintrittskarte zum Woodstock-Film ein geflochtenes Gummi-Haarband made in Taiwan.

Wettermacher, Klimamacher

Wir kifften viel und waren dadurch mittendrin in dieser Wolke der erdumspannenden, benebelten, weltverbessernden Jugendinternationale, die so überzeugt von ihren magischen Fähigkeiten war, dass sie in Woodstock glaubte, dem Regen durch die Sprechchöre "no rain!" Einhalt gebieten zu können. Wir waren Wettermacher!

Heute sind die kids sogar Klimamacher, Weltenretter, ja: Weltenschöpfer, allerdings nicht weniger verwöhnte als wir damals, wir in unserer Oase in Stuttgart, die wir mit radical chic und Sprüchen von Mao und Lenin hantierten, aber vor allem aufdrehten mit "The end" von Jim Morrison, diesem griechischen Götterjüngling mit Locken und Nietengürtel.

Als wir im Woodstock-Museum die bekannten Filmfetzen sahen, mit all den Nackten, den Liebenden, den Drogenirren, schüttelte meine Frau nur noch den Kopf: die Hermann-van-Veen-Liederabende im Palast der Republik liefen nun mal gesitteter ab. Die richteten sich übrigens selbstverständlich auch gegen den Vietnam-Krieg, allerdings den der USA, nicht den der Russen.

Für uns gehörte die Anarchie zum Lebensgefühl, und für mich, immer schon literarisch aufgepimpt, das Motto aus Karl Kraus  "Fackel": "Und das Chaos sei willkommen; denn die Ordnung hat versagt". Kraus legte Wert auf das Semikolon.

Allerdings hatte er, kurz vor Beginn des 1.Weltkriegs, jeden Grund für seine Formel, und wir nicht den geringsten.

Wir waren mehr oder weniger verwöhnte Bürgerkinder, die sich eine Art Krieg herbeihalluziniert hatten, den gegen die Gesellschaft, gegen die Eltern, gegen die Autoritäten, gegen Regeln überhaupt.

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich nicht den Spaß meines Lebens gehabt hätte, und all die Mädchen der Umgebung, die es in unser Luftschloss zog, ebenso. Aber wer hätte gedacht, dass unser Programm der freien Liebe mal auf einen Werbespruch der FDP herunterrieseln würde, die zum Europawahlkampf Kondome verteilte mit der Aufschrift: "Freie Liebe ist ein Menschenrecht. Dafür setzen wir uns ein. Europaweit".

Wir praktizierten also ein Menschenrecht, na bitte   und heute haben wir uns zu Tode gesiegt, wie fürchterlich! Es war doch nur ein Spaß! Da ist heute nichts mehr, was die Kids GEGEN die Gesellschaft durchsetzen müssten. Wo ist der Witz einer Jugendrevolte, wenn sie in bürgerlichen Parteienprogrammen erstarrt ist?

Damals waren WIR im Recht und jeder Typ in Batikhemdchen Bruder oder Schwester, und die Gesellschaft war von vornherein im Unrecht, das wussten wir von Herbert Marcuse, dem Guru der kritischen Theorie, den es nach Kalifornien verschlagen hatte.

Sagen wir es so: Damals herrschte der Wahnsinn unangefochten über den Realitätssinn   aber, Leute, das war meine Pubertät und nie eine Angelegenheit der Erwachsenen. Wir waren jung und schön, und die anderen nicht, basta. Unser Luftschloss habe ich in der Kurzgeschichte "Bucharins Ende" verewigt, Bucharin hieß ein schwarzer Kater, der uns wie alle anderen Streuner zugelaufen war (Diogenes, "Fifth Avenue", Stories)   es geht am Ende in Flammen auf.

Woodstock: Nicht alle glänzen

Nicht alle auf dem Woodstock-Konzert glänzten. Richie Havens mit seiner "Freedom"-Nummer, in endloser Länge improvisiert, langweilig. Zu den Höhepunkten gehörten The Who, die der Politaktivist Abi Hoffmann für eine politische Botschaft unterbrechen wollte und sich dafür einen Hieb von Pete Townshends Gitarrenhals einhandelte!

Ganz sicher auch die kurz zuvor formierten "Crosby, Stills & Nash" mit ihrer "Suite: Judy Blue Eyes", mehrstimmige Engels-Harmonien, natürlich Joe Cocker, der wie ein schwitzender und zuckender LKW-Fahrer auf der Bühne stand und den Beatles-Song "With a little help from my friends" in erdigen Blues verwandelte. Jimi Hendrix ohne Zweifel, der die amerikanische Nationalhymne mit Gewehrsalven aus seiner Gitarre erledigt.

Und natürlich Grace Slick, Frontfrau der "Jefferson Airplane", schönste Sirene des Pop, die ihren Auftritt am zweiten Morgen nach den Who mit den Worten ankündigte: "You have seen the heavy groups. Now you will see morning maniac music. Believe me, yeah, it s a new dawn." Also manisch in den neuen Morgen, der wie ein Versprechen auf ein neues Zeitalter war, und zwar unter unserer Führung! Die Zukunft lag vor uns wie ein goldenes Buch. Die Woodstock-Generation war geboren.

Nicht, dass man die Dollars ganz aus den Augen verloren hätte. Ideologie und Menschheitsretterei ließen sich schon immer bestens vermarkten. Zwar war das Konzert freigegeben worden, aber mit dem Film, das wusste jeder, würde sich in aller Unschuld doch noch ein ganz großes Geschäft machen lassen.

Grace Slick blinzelte mit blutunterlaufenen Augen in die aufgehende Sonne, sie hatte bereits die ganze erste Nacht backstage gewartet mit Joints und Koks und ohne Zweifel war sie auf LSD, und sie sang darüber in ihrem "White Rabbit", diesem entschlossenen Marsch in den Irrsinn: "One pill makes you larger, and one pill makes you small/ and the one, that mother gives you, don t do anything at all,/ go ask Alice, when she s ten feet tall "

Sie sang die Hymne der damaligen Zeit. Wer hätte gedacht, dass sie mal, 50 Jahre später, zur Hymne eines entgrenzten "deutschen Hippiestaates" (Economist) werden würde, der die Proportionen verschiebt, der die großen Probleme klein- und die kleinen groß reden würde, und der alle Erdenbürger einladen möchte zu einem "Free Concert" des Wohlstands und der Nächstenliebe.Ich habe ein Buch darüber geschrieben, "White Rabbit" (Finanzbuch-Verlag), und ich habe mir dabei helfen lassen von Gilbert K. Chesterton, den man den "Apostel des gesunden Menschenverstandes" nannte. Selbstverständlich konvertierter Katholik. Meine These: Eine Gesellschaft, die dem Christentum abgeschworen hat, muss sich gewaltige Ersatzreligionen schaffen, die ebenfalls Sünde, Ablass, Opfer kennen, also die Flüchtlingsreligion, die Klimareligion, alles erheblich unvernünftiger als das Christentum, von dem Chesterton schrieb: "Es übertrifft an Paradoxa sicher manche orientalische Religion, aber es baut bessere Straßen."

Ein menschheitsumspannender Blütentraum

Zurück! Natürlich fiel der menschheitsumspannende Blütentraum von 1969 in den 70ern schnell in sich zusammen, Punk und blanke Wut lösten Flower Power ab, Nixon wurde aus dem Amt gejagt, in Deutschland mordete die RAF um Baader und Meinhoff, ich warf meinen letzten, ziemlich üblen Trip ein und wurde Journalist mit Vorliebe für Außenseiter-Figuren wie Ginsberg, Burroughs, Bukowski.
Nun versucht erneut eine Jugendkohorte den Aufstand, diesmal nicht gegen den Krieg, sondern tatsächlich gegen das Klima, und das Verrückte ist: diesmal hat es das Establishment auf seiner Seite. Woodstock wird von grünen Apparatschiks und Verbotsspezialisten als geliehener Gründungsmythos gefeiert, und die deutschen Wähler scheinen ihnen recht zu geben.

Ich kann den Kids nur zurufen: Seid ihr verrückt geworden? Woodstock ist vorbei! Vorbei der Auftritt von Wavy Gravy, der mit Trompetenfanfare ankündigt: "Heute gibt es für euch Frühstück im Bett! Frühstück für 400000", und tatsächlich wurde Verpflegung abgeworfen.

Wir in unserem Luftschloss hatten bald genauso wie unser Hippiestaat von heute den Überblick verloren, wer da alles plötzlich bei uns Unterschlupf und Verpflegung haben wollte. Wir gingen revolutionär auf Mundraub in die Delikatessläden in der Gegend oder zur Mensa.

Die Zeiten sind ernster geworden

Nun: Die Zeiten sind ernster geworden, Leute, heutzutage kämpfen Rentner in der "Tafel" um Nahrung. Statt Joan Baez, die, im sechsten Monat schwanger, vom Hunger-Streik ihres kriegsdienstverweigernden Mannes David Harris im Knast berichtete, bevor sie das Lied über den hingerichteten Arbeiterführer "Joe Hill" anstimmte, steht den "Friday for future"-Kids heute ein Nischenkomiker namens Joko Winterscheidt vor und quasselt im Sommercamp in Dortmund leichthin von Generalstreik. Des Klimas wegen. "Warum legt man   jetzt steile These   nicht mal das Ganze lahm."
   
Na, vielleicht weil 1.) das Kohlendioxid (CO2) mit gerade mal 0,038 Prozent in unserer Atmosphäre enthalten ist, von diesem Kohlendioxid die Natur selbst 96 Prozent produziert und der deutsche Mensch daran wiederum mit 3,1 Prozent beteiligt ist, das sind 0,0004712 Prozent, also nichts, du Knalltüte! Und weil 2.) wir eher auf die Sonnentätigkeit und ihre Eruptionen achten und anders Vorsorge treffen sollten wie tausende Generationen vor uns, und weil 3.), um den deutschen Ausstoß bis 2030 auf Null zu bringen, 7500 Milliarden erforderlich wären, welches das Land in eine tiefe Rezession fahren würde, während 4.) China und Indien bis dahin Kohlekraftwerke ohne Ende bauen, und weil 5.) eine zusammenbrechende deutsche Wirtschaft irgendwann auch Vielflieger Joko Winterscheidt und seine Camarilla um die zynische Ulknudel Böhmermann treffen würde?

Nicht zu schweigen von all den deutschen Wohlstandskids, die ihr eigenes Woodstock ausleben wollen (ihr seid zu spät!), allerdings dabei von den sie pampernden Eltern, lauter offenbar immer noch halluzinierenden Woodstock-Baby-Boomern, im SUV zum Aufstand transportiert werden und zwischendurch zum Urlaub nach Malle.

Ich kann den Kids in Deutschland nur zurufen: Lernt was Ordentliches, macht Party, aber verkauft das nicht als höheren Sinn, und wenn ihr Glück habt, werdet ihr nicht von Moslems überrannt, sondern von chinesischen Unternehmern eingestellt.

Peace! Love! Happiness!