Erziehungsfragen

Mutter ist ein Traumberuf

Nestlosigkeit hat für Kinder fatale Folgen. Eine Mutter muss vor allem da sein. Ein Erfahrungsbericht.
Alexa Gaspari im Kreis ihrer Enkel
Foto: Gaspari | Alexa Gaspari im Kreis ihrer Enkel.

Melden uns nach der Verhandlung wegen Essengehen“, schreibt mir vor ein paar Tagen per SMS der Enkel, der gerade sein Gerichtsjahr nach vollendetem Studium macht, und den ich mit seinem Bruder (dem Medizinstudent) danach treffen werde. „Sehen wir uns um 12 Uhr im Lokal X?“, fragt heute der älteste Enkel (29) an, der als Konzipient bei einem Rechtsanwalt arbeitet.

Ich habe das große Glück, nicht nur meine Kinder – etwa die Töchter auf einen Tee zwischendurch oder meinen Sohn zu einem gemeinsamen Frühstück –, sondern auch meine erwachsenen Enkel regelmäßig zu treffen. Ich genieße das. Wenn mehrere zusammenkommen, so freut und entspannt mich das gemeinsame Lachen, Schmähführen oder Diskutieren sehr. Wie schön ist es, miteinander Zeit zu verbringen!

Als ich vor einigen Jahren einen Vortrag zum Thema „Mutter“ halten sollte, fragte ich meine drei großen Enkel – damals zwischen 13 und 19 –, was die wichtigste Eigenschaft einer Mutter sei. Sie waren sich einig: Eine Mutter sollte vor allem da sein – eine Gegebenheit, die heute, anders als früher, keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Erinnert das nicht an die Worte, die Gott zu Mose sprach: „Ich bin der ICH BIN DA“? Für den anderen da zu sein, ist ein entscheidendes, höchstes Gut.

Muttersein ist kein Hobby

Als ich 1969 Mutter eines süßen Mäderls wurde, ergriff ich im Grunde meinen Traumberuf. Obwohl ich vorher gut verdiente, musste ich mich nicht erst für das Kind entscheiden, hatte ich mich doch riesig darauf gefreut, ein Baby zu bekommen. Dieses Baby wollte ich selbstverständlich bei mir haben, wollte mich selbst um das Kind kümmern, für die Kleine da sein. Auch war ich ganz sicher, dass niemand meine Kinder – die jüngere Schwester kam zwei Jahre später dazu, viel später der Sohn – so lieb haben könnte wie ich. Niemand könnte sie so gut betreuen wie ich, sie in ihrer Entwicklung begleiten, ohne sie zu überfordern – geschieht das nicht allzu oft aus Zeitmangel in den Krippen? – und ihnen schrittweise das Leben erklären.

Heute heißt es, das Wichtige geschehe im Beruf. Muttersein sei ein Freizeit-Hobby. Aber haben sich die Bedürfnisse der Babys geändert? Wohl kaum! Christa Meves, die bekannteste Kinder- und Jugendpsychotherapeutin im deutschen Sprachraum, spricht davon, dass Babys und Kleinkinder natürlich auch heute ein unbedingtes Bedürfnis nach mütterlicher Nähe – wenigstens in den ersten drei Lebensjahren – haben. Da brauchen sie Sicherheit, Geborgenheit durch die Mutter, Ansprache und Zärtlichkeit! Meves weist auf die Folgen des Mutterentzugs, des Ab- und Herumgeschobenwerdens der Kinder hin. Sie spricht von „Nestlosigkeit“, die sich unter anderem in verstärkter Suchtanfälligkeit bei Jugendlichen auswirkt: Drogen-, Spiel-, Fress- oder Magersucht. „Die Gesellschaft wird zur Suchtgesellschaft.“ Sucht ist wohl der Ersatz für die fehlende Mutter. Kinder würden so „eine psychische und physische Beeinträchtigung“ erleiden, oft sogar mit „schwer therapierbaren Störungen im Erwachsenenalter“.

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Gibt es nicht auch heute das Verlangen der Mütter, die spontane Freude und Zuwendung ihrer Babys zu erleben und deren Bedürfnis nach Zärtlichkeit zu stillen? Leider redet man den Frauen ein, dass sie dem Männlichen, dem Konkurrenzkampf, dem außerhäuslichen Tun möglichst rasch nach der Geburt den Vorrang geben sollen. Nur im Beruf würden sie ihre Selbstverwirklichung, ihr Glück erreichen. Ist das so? Sind die Frauen dort glücklicher, ohne Probleme, ohne Streit oder Stress? Sind sie wirklich erleichtert, ihr Kind vorzeitig in Krabbelstube und Krippe deponieren zu können? Hat die – anfangs berechtigte – Emanzipationsbewegung da nicht weit übers Ziel geschossen?

Gleichwertig, nicht gleichartig

Sie will offenbar die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht wahrhaben. Und doch gibt es sie. Gott in Seiner Weisheit hat Männer und Frauen nämlich so geschaffen, dass sie einander ergänzen und bereichern: gleichwertig, aber nicht gleichartig. Wir brauchen einander, und das ist gut so. Wir Frauen, das beweisen unzählige Studien, haben im allgemeinen mehr Sensibilität für Zwischenmenschliches, für das Personale, können die Befindlichkeit unserer Mitmenschen besser erkennen, ihr Besonders-Sein. Wir besitzen mehr Intuition, mehr Spontaneität im Zugehen auf den Anderen, sind anpassungsfähiger als Männer. Sind all das nicht tolle mütterliche Begabungen, die es – nicht vorrangig im Berufsleben – vor allem in der eigenen Familie, bei den eigenen Kindern einzusetzen gilt? Machen sie uns, dann nicht auch selbst zufrieden und glücklich?

Es gibt viele wunderbare Frauen, die selbst nicht leibliche Mütter sind, aber ihre Mütterlichkeit für ihre Mitmenschen ein Leben lang eingesetzt haben oder nach wie vor einsetzen. Denken wir an Mutter Teresa von Kalkutta und die Schwestern ihres Ordens, an Mutter Elvira, die „Mama“ aller Suchtkranken, die in ihren Cenacolos Heilung finden, an all die Kinderdorfmütter, die ihre Liebe fremden Kindern schenken und selbst dadurch beschenkt wurden. Wie arm wäre unsere Welt ohne diese hingebungsvolle Mütterlichkeit! Inspirierende Zeugnisse solcher Mütterlichkeit, finden wir heute auch immer öfter in jüngeren christlichen Familien.

Bereichernde Erlebnisse mit den Nachkommen

Wie viele schöne, bereichernde Erlebnisse hatte und habe ich mit meinen Nachkommen. Von Anfang an durfte ich alles live erleben: das erste Lachen, die ersten Gehversuche, die ersten Liebesbekundungen, die ersten Worte oder den ersten Kummer mit Spielkameraden. Freuden, Kummer und Schmerz geschehen spontan, können nicht auf spät nachmittags oder gar abends verschoben werden. Auch die vielen Warum-Fragen wollen gleich beantwortet werden. Daher ist das Da-Sein so wichtig. Auch konnte ich, da ich ja mein eigener Chef war, meine Kinder ins Krankenhaus begleiten, bei Schulausflügen oder Sportveranstaltungen mit dabei sein. Sie waren bei mir, wenn ich gekocht habe und spielten neben mir. Wir haben miteinander geplaudert und einander Geschichten erzählt. Wie gerne denke ich an die späteren Tee-Sessions in der Küche mit den Heranwachsenden, bei denen alles Wichtige und nicht so Wichtige besprochen, geblödelt und gelacht wurde. Freunde – bei einigen waren die Mütter berufstätig – waren immer willkommen.

Auch für die Enkeln hatte ich Zeit, durfte ihre strahlenden Gesichter erleben, als sie mir entgegenliefen, wenn ich sie vom Kindergarten oder von der Volksschule abgeholt habe – oder wenn sie statt in den Kinder- lieber in den „Mamigarten“ wollten. Mit selbst erdachten Geschichten durfte ich ihr Weltbild mitprägen. Die Tage mit jedem Kind einzeln, etwa in einer Pension in Baden, wo wir uns noch besser kennenlernten, sind unvergessen.

Dankbar stelle ich immer wieder fest, wie viel ich von meinen Nachkommen gelernt habe: ansteckend schon von Klein an ihr ursprüngliches Lachen, die spontan überspringende Freude, eindrucksvoll die unbedingte Ehrlichkeit, das schnelle Verzeihen-Können, das blinde Vertrauen in die Muttergottes. Ich sehe noch den damals dreijährigen Enkel mit der Muttergottes-Statue im Arm schlafen gehen, überzeugt diese würde der Mama, die im Spital war, helfen. Und sie hat geholfen. Immer noch lerne ich von ihnen, oft verblüfft von ihren Handlungen oder Aussagen, die mich froh und stolz machen.

Die Freude nicht versäumen

Ja, werden manche sagen, damals konnte man sich leisten, bei den Kindern zu bleiben, aber die Zeiten hätten sich geändert. Heute muss auch die Mutter Geld verdienen, um sich Kinder leisten zu können. Es stimmt, der Lebensstandard und die Ansprüche sind heute hoch, der Druck auf die Mütter, nicht auf Geld und Sicherheit zu verzichten, sind sehr stark. Doch wenn man diese so wichtigen, nicht wiederzubringenden Jahre nicht versäumen will, geht es doch. Ich kenne eine junge Mutter, die als Kind keine Mutterliebe erfahren hatte, sondern abgeschoben wurde: Eine kluge Frau, allerdings ohne richtigen Schulabschluss. Als sie schwanger wurde, verließ sie der Vater des Kindes, weil sie nicht abtreiben wollte. Um dem Kind zu bieten, was sie selbst vermisst hatte, und weil sie um die lebenslangen Folgen des Mutterentzugs wusste, verzichtete sie auf fast alles, was vielen Müttern als unverzichtbar erschienen wäre, und betreute ihren Sohn die ersten drei Jahre selbst. Er ist mittlerweile ein aufgeweckter, froher, besonders redegewandter Achtjähriger geworden.

Als der Glaube in unserer Familie Einzug hielt, als wir bei verschiedenen Initiativen mithalfen, begleiteten die Kinder mich oft, wodurch wir gemeinsam andere Facetten des Lebens entdeckten, aus denen auch für unsere Kinder lebenslange Freundschaften entstanden sind. Hatte ich Probleme? Natürlich! Schwere Erkrankungen, finanzielle Probleme, Streit in der Familie, Versäumnisse und Fehler, die ich gemacht und Gott im Gebet hingelegt habe (so sie mir bewusst waren), damit er sie geradebiege. Und doch, ich bleibe dabei: Ich habe vor 52 Jahren meinen Traumberuf ergriffen, den ich allen Müttern zum Wohl ihrer Kinder, und nicht zuletzt zu ihrem eigenen nur wärmstens empfehlen kann. Ein Tipp auch für die Großmütter: Versäumen Sie nicht die Freude und Liebe ihrer Enkel.

In der kommenden Woche wird an dieser Stelle der Journalist Christof Gaspari (der Ehemann von Alexa Gaspari, Vater ihrer Kinder und Großvater ihrer Enkel) über Männlichkeit und Väterlichkeit nachdenken.

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