Pandemiefolgen

Corona-Schock: Globale Baby-Krise

Der Corona-Schock aus demographischer Sicht: Zahlen, Fakten, Folgen. Die Pandemie beschleunigt die Entwicklungen.
Mutter mit Neugeborenem
Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild) | In der Coronakrise ist das Babyglück seltener geworden: Leere Wiegen und volle Intensivstationen prägen in der Regel das Bild unserer Krankenhäuser.

Pandemien haben Opfer und Folgen. Was bei Krisen dieser Art kaum bedacht wird sind die demographischen Folgen. Zwar wird die Demographie sozusagen traditionell von der Politik vernachlässigt, weil ihre Entwicklung in Zeitlupe verläuft und meist nur die künftigen Generationen (Wähler) und ihre Sozialsysteme betrifft. Aber Pandemien können diese Entwicklung zum Zeitraffer werden lassen.

So geschieht es derzeit in Japan. Das Land mit der schon heute ältesten Bevölkerung der Welt erlebt durch Corona einen Sprung von etwa 15 Jahren – und zwar weniger durch die Sterberate sondern durch den Absturz der Zahlen bei Geburten und Hochzeiten. Offizielle Schätzungen sprechen für 2021 von 750.000 Menschen weniger. Das war pro Jahr erst ab 2039 vorgesehen. Viele Frauen haben Angst, sich in den Krankenhäusern anzustecken oder in der Nähe der Eltern niederzukommen und dann einige Monate dort zu bleiben, wie es in Japan Tradition ist. Man verschiebt Hochzeit und Geburt. Die Zahl der außerehelichen Kinder ist in Japan, anders als in Europa und den USA, sehr gering.

Die Legende von der Ubasute

So wird es in diesem Jahr zu gerade mal 590.000 Geburten kommen, was man erst für 2045 prognostiziert hatte und 2040 wird die Bevölkerung um 14 Millionen auf 110 Millionen gesunken sein. Gleichzeitig werden im selben Zeitraum etwa 30 Millionen Erwerbstätige in Rente gehen, so dass schon heute die alte, finstere Legende von der Ubasute wieder ins Bewußtsein rückt. Uba heißt alte Frau und sute wegwerfen. Die Legende spricht davon, dass ein Träger namens Narayama alte Frauen oder auch Männer auf dem Rücken ins Gebirge trägt und dort einfach sitzen lässt. Das Gebirge der Moderne hat einen Namen: Otaku. Es bezeichnet das Phänomen, dass alte Menschen nicht mehr ihre Wohnung verlassen und nur noch mit Puppen und Robotern reden. Dieses Phänomen der Vereinsamung und Verlassenheit hat sich in der Pandemie mit seinen Kontakt-und Ausgangssperren deutlich verstärkt.

Geburtentrückgang auch in China

Ähnlich sieht es beim Nachbarn China aus. Auch dort sind die Zahlen rückläufig und die Pandemie dürfte das ihre zu einem beschleunigten Rückgang beitragen. In einem Land, das wie jede Diktatur von Lüge und Propaganda lebt, sind die offiziellen Statistiken mit Skepsis zu sehen. Sicher ist, dass die Bevölkerungszahl schon heute deutlich unter den 1,4 Milliarden liegt. Der Bevölkerungsexperte Yi Fuxian von der amerikanischen Universität in Madison (Wisconsin) hat Ende 2019 rund 1,28 Milliarden Chinesen auf dem Festland berechnet. Sicher ist auch, dass bis 2050 die Zahl der erwerbsfähigen Personen um mindestens 200 Millionen sinken und das Wirtschaftssystem stark belasten wird. Die Kampagne von 1973, als die Menschen in China aufgefordert wurden, möglichst spät zu heiraten und die Einführung der Ein-Kind-Politik 1979 prägten das generative Bewusstsein der Chinesen nachhaltig. Die Zahl unverheirateter Chinesinnnen, die älter als 30 Jahre sind, stieg enorm an, vor allem unter den gut ausgebildeten. Noch stärker stieg sie bei den Männern.

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Die auch wegen der hohen Kosten ohnehin schon große Zögerlichkeit zu heiraten wurde durch Covid noch verstärkt, die Zahl der Hochzeiten sank zwischen 2013 und 2020 um 38 Prozent, insbesondere während der Pandemie. Und damit sank auch die Zahl der Geburten, weil aussereheliche Geburten in China die Ausnahme sind. Und bei den Brautleuten stieg zudem noch das Alter. Insgesamt lässt sich sagen, dass trotz der Aufhebung der Ein-Kind-Politik es kaum mehr Babys gibt und auch im Reich der Mitte ist die Versorgung und Vereinsamung alter Menschen ein Zukunftsproblem, das zu sozialen Verwerfungen führen wird.

Einbruch der Wirtschaft als Ursache

Die Falten der Corona-Krise im demografischen Antlitz der Asiaten sind in den westlichen Nationen als Narben erkennbar. Sie zeigten sich in der erhöhten Mortalität schon im ersten Halbjahr 2020 vor allem in Großbritannien, Spanien und Italien. Dort brach die Wirtschaft um rund ein Fünftel ein und drückte auch den Wunsch nach Kindern nieder. Rezession, Arbeitslosigkeit und verbreitete Zukunftsangst führten dazu, dass in Italien die Geburtenzahlen sanken und 2021 unter die Schwelle von 400.000 sinken werden. Noch nie seit der Gründung des italienischen Nationalstaats im Jahre 1861 wurden in einem Jahr so wenige Kinder geboren – nicht einmal zu Kriegszeiten. Ein Grund dafür sind die niedrigen Geburtenraten seit den 1980er Jahren.

Damit fehlen seit einer Generation schon die Mädchen, die heute überhaupt Mütter werden könnten. Ähnlich ist die Lage in Spanien: Auch hier fiel die Geburtenrate weiter von 1,45 auf 1,26 Kinder pro Frau. In Frankreich wiederum ist die Zahl der Geburten im vergangenen Jahr auf den tiefsten Stand seit 1945 gesunken. Zudem hat die Corona-Pandemie die durchschnittliche Lebenserwartung um mehr als fünf Monate reduziert, wie das Statistik-Institut Insee mitteilte (85,2 Jahren bei Frauen und 79,2 Jahren bei Männern). Im ersten Jahr der Corona-Pandemie starben in Frankreich 7,3 Prozent mehr Personen als 2019. Die Zahl der Geburten lag 2020 bei rund 740.000. Die Geburtenrate pro Frau sank damit auf 1,84 Kinder, vor einigen Jahren lag sie noch bei 2.

„Geburtenboom“ verebbt

Im Gegensatz zum Süden Europas schien die soziale Lage im Nordwesten lange Zeit günstiger zu sein. Aber auch hier gab es einen negativen Corona-Sprung. So gingen in Großbritannien die Geburtenzahlen deutlich zurück und noch negativer entwickelt sich Irland, das lange Zeit die höchsten Geburtenraten in der Europäischen Union hatte. Säkularisierung und Individualisierung des einst tiefkatholischen Landes haben soziale Folgen, die sich in stark gesunkenen Geburtenraten zeigen.

Selbst in den skandinavischen Ländern, die über viele Jahre in Deutschland als Vorbilder für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von gesellschaftlicher Modernisierung und demografischer „Nachhaltigkeit“ galten, fallen die Geburtenziffern. Dagegen sind die niedrigen Geburtenraten in Deutschland zwischen 2013 und 2016 etwas angestiegen und seitdem nur leicht zurückgegangen.

Dafür war die seinerzeitige Massenzuwanderung ein wesentlicher Faktor. In der Folge der Immigration sind die Geburtenraten von Ausländerinnen auf über 2 Kinder pro Frau gestiegen. Im letzten Jahr waren die Geburtenzahlen der Ausländerinnen schon wieder rückläufig, der vermeintliche „Geburtenboom“ verebbte.

Weniger Hochzeiten in der Pandemie

Insgesamt kamen 2020 in Deutschland rund 773 000 Kinder zur Welt. Das waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes etwa 5 000 Kinder weniger als im Vorjahr (-0,6 %). Damit setzte sich der Rückgang fort, der nach dem letzten starken Anstieg der Geburtenzahlen im Jahr 2016 eingesetzt hatte. Im Gegensatz zu den Geburten stieg die Zahl der Sterbefälle im ersten Corona-Jahr 2020 deutlich an. Mit rund 986 000 wurden etwa 46 000 Sterbefälle mehr registriert als im Jahr zuvor, das entspricht einem Anstieg um 5 Prozent. Gesunken sind auch die Eheschließungen. Mit etwa 373 000 standesamtlichen Trauungen gab es 43 000 oder 10 Prozent weniger als 2019. Besonders stark war der Rückgang im April (37 % weniger), nachdem im Zuge der Pandemie seit Mitte März 2020 Standesämter geschlossen oder nur reduziert geöffnet waren. Vor Inkrafttreten dieser Einschränkungen hatten im Februar 2020 knapp die Hälfte mehr Paare geheiratet als im Februar 2019.

Auch in den USA hat Corona demografisch zugeschlagen. Allerdings lassen sich die Effekte nicht genau beziffern, weil unter Trump die Immigration auch 2020 stark rückläufig war und die USA sich wirtschaftlich von der der Finanzkrise nie wirklich erholt hatte. Die Verarmung breiter Schichten manifestiert sich in der Opioidkrise, in erschreckend hohen Selbstmordraten, der sinkenden Lebenserwartung und gewalttätigen Bewegungen. Nie war das Bevölkerungswachstum so schwach seit den Jahren der großen Depression um 1930. Dabei hatten die USA lange Zeit die höchsten Geburtenraten in der westlichen Welt. Auch schlagen in der Corona-Krise die Defizite der Gesundheitsversorgung brutal durch.

Nicht nur Coronas Schuld

Aber es wäre verfehlt, Corona allein die Schuld an der demographischen Krise in Asien, Europa und Amerika zu geben. Der Corona-Schock wirkt wie ein Turbo für bereits vorhandene Trends.

Er beschleunigt zu sozialen Sprüngen, die die Gesellschaften fragmentieren. Die Verarmung von kinderreichen Familien und Alleinerziehenden, die de facto den Bestand der Sozialsysteme sichern, ist ein bekanntes und von der Politik vielfach verdrängtes Problem.

Es rächt sich, dass diese Gesellschaften so schnell säkularisieren und der Glaube an den Schöpfer des Lebens in manchen Regionen und Strukturen geradezu verdunstet.

Diese spirituelle und emotionale Verarmung wird in Corona-Zeiten besonders sichtbar.

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