Eltern

Es braucht väterliche Männer

Die Fähigkeit, sich zu entscheiden und zu binden, ist eine Grunddimension wahrer Männlichkeit.
Zuwanderer nach Bayern
Foto: dpa | Es ist eine Aufgabe der Väter, schrittweise vernünftige, erreichbare Ziele zu setzen, Erfolge zu feiern, Misserfolge nicht zu dramatisieren.

Macht es überhaupt Sinn, sich über das Thema „Vater“ Gedanken zu machen, in einer Zeit, in der die Gender-Ideologie Triumphe feiert, Behörden von „Elter 1“ und „Elter 2“ statt von Vater und Mutter reden? Ja, noch schlimmer: Da veranstaltet das Bibelhaus in Frankfurt eine Ausstellung mit dem Thema: „G*tt w/m/d“, um „die Geschlechtervielfalt seit biblischen Zeiten“ sichtbar zu machen: Gott also in einer neuen Form der Trinität als männlich, weiblich, divers. Wenn also schon eine Einrichtung der evangelischen Kirche das Leitbild aller Väterlichkeit ad acta legt, soll man sich dann zu diesem Thema überhaupt noch zu Wort melden?

Ja, denn unsere Zeit hat es bitter nötig, dass man Selbstverständliches und Bewährtes klar und deutlich artikuliert: Der Mann ist nicht primär dazu berufen, in lebenslanger Jugendlichkeit Spaß zu haben, Karriere zu machen, Geld zu scheffeln, sexuelle Abenteuer zu bestehen oder sportliche Höchstleistungen zu vollbringen, sondern väterlich, also erwachsen zu werden, imstande, sich an eine Frau zu binden und Verantwortung für die Entfaltung seiner Kinder zu übernehmen. Unsere „vaterlose Gesellschaft“ hat Sehnsucht nach und Bedarf an väterlichen Männern. Denn die Grundberufung des Mannes bleibt es, durch sein Leben und sein Zeugnis den Mitmenschen ein Ahnung zu vermitteln, wie Gott ist, den Jesus Christus „Vater“ nennt.

Väter sind erfolgsentscheidend

Wie wichtig Väter sind, zeigt eine kürzlich in den USA veröffentlichte Studie. Sie hält fest, es sei zwar politisch nicht korrekt das festzustellen, „aber die Väter sind entscheidend für den Erfolg ihrer Söhne“. Schon vor 20 Jahren seien die fatalen Folgen des Vatermangels erkennbar gewesen: Selbstmord, Obdachlosigkeit, Verhaltensstörung, Schulabbruch und Drogenmissbrauch waren in 63 bis 90 Prozent aller Fälle mit Vaterlosigkeit verbunden. Ähnliche Untersuchungen gibt es zuhauf. Nur eine von diesen sei noch zitiert, nämlich jene der Linzer Kepler-Universität über Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Sie kam zu diesem Ergebnis: „Die familiäre Verweigerung des Vaters, sei sie physisch oder psychisch, kann heute als einer der bedeutsamsten Faktoren, der die gesunde Entwicklung des Kindes gefährdet, angesehen werden.“

Aufgabe der Väter ist nicht ersetzbar

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Väter haben nämlich eine Aufgabe, die nicht einfach austausch- oder ersetzbar ist. Das hat damit zu tun, dass Männer besondere Begabungen mitbringen. Das widerspricht zwar dem gängigen Narrativ der Gender-Ideologie, ist aber wissenschaftlich hieb- und stichfest bewiesen: Sie können effizienter als Frauen Anstrengungen in Leistung umsetzen, sind risikofreudiger, weniger ängstlich, zuversichtlicher, was das eigene Können anbelangt, können sich besser auf Details konzentrieren und räumlich orientieren, sind aggressiver, wollen sich in der Konkurrenz durchsetzen, interessieren sich mehr für das Funktionale, das Technische.

Das festzuhalten, bedeutet in keiner Weise, Frauen abzuwerten oder gering zu schätzen. Denn das weibliche Geschlecht hat eine ebenso lange Liste von Eigenschaften, in der es dem männlichen überlegen ist. Insofern bildet ja die Verbindung von Mann und Frau ein wertvolles Gespann, in dem sich beide ergänzen und zu gegenseitiger Entfaltung herausfordern – insbesondere in einer lebenslangen Verbindung, in der Ehe.

Was haben nun aber die Väter einzubringen? Vor allem sind sie in besonderer Weise herausgefordert, den Bestand der Familie zu garantieren. „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch“ (Genesis 2,24), heißt es am Anfang der Heiligen Schrift. Der Mann hat zu verlassen, was bisher in seinem Leben an erster Stelle stand: Eltern, Hobbys, Freunde, Job. Er ist der Garant dafür, dass das Neue, was da entsteht, von Dauer sein wird. Er muss erwachsen, entscheidungsfähig werden – so sehr, dass er sich lebenslang zu binden vermag, im Vertrauen auf das Wirken Gottes. Natürlich wird er weiterhin mit Freunden und Eltern verkehren, einen Job ausüben und Hobbys betreiben, aber unter dem Aspekt, dass von nun an seine Ehe Vorrang hat, damit eine neue Familie entstehen kann. Die Fähigkeit, sich zu entscheiden, sich zu binden, ist eine Grunddimension der Männlichkeit, der männlichen Liebe.

Die Mutter ist der erste Lebensraum des Kindes

Wo Buben das lernen können? An ihren Vätern! Indem die Kinder mitbekommen, dass da einer ist, der sich ihnen aus freien Stücken zuwendet, anders als die Mutter, zu der die Intimität einfach selbstverständlich gegeben ist: Sie hat das Kind unter dem Herzen getragen und an ihrer Brust gestillt. Sie ist der erste Lebensraum des Kindes.

Im Vergleich dazu ist der Vater ein Außenstehender. Diese Tatsache färbt auf die Art seiner Zuwendung zum Kind ab. Sie wird gewissermaßen aus freien Stücken, aus einer frei getroffenen Entscheidung heraus zugesprochen. Diese väterliche Zuwendung wird zur Brücke, über die das Kind dann schreiten wird, um aus der Symbiose mit der Mutter herauszuwachsen, um den Wert der eigenen Persönlichkeit zu entdecken.

Das gelingt, wenn Kinder die Erfahrung machen: Ich bin dem Vater wichtig. Er sagt aus freien Stücken Ja zu mir, anders als die Mutter. Er hat sich an sie gebunden, er bindet sich auch an mich. Er steht zu mir, was immer geschehen mag. Diese Erfahrung, unbedingt, aus freien Stücken gewollt zu sein, ist lebensnotwendig. Sie baut auf gemeinsamen Erlebnissen mit dem Vater auf. In diesem Zusammenhang sei besonders betont: Der Vater muss jemand sein, der im Alltagsleben gegenwärtig ist, den man also fragen, um etwas bitten kann, der sich für das interessiert, was das Kind tut, was das Kind bewegt. Das Vertrauen zwischen dem Vater und den Kindern muss von klein an gewachsen sein, damit sich überhaupt Gespräche ergeben.

Wege in die Gesellschaft weisen

Eine weitere wichtige Aufgabe ist: Je mehr sich das Kind nach außen, ins fremde Umfeld wagt, desto mehr ist der Vater berufen, den Kindern Wege in die Gesellschaft zu weisen, sie zu Schritten heraus aus der Geborgenheit zu animieren und sie dabei zu begleiten. Je älter die Kinder werden, desto wichtiger wird diese Brückenbaufunktion des Vaters nach außen. Das erfordert Zeit für Gespräche, die Bereitschaft, sich herausfordern zu lassen, väterliche Ratschläge, Gebote und Verbote auch zu begründen – keine leichte Aufgabe. Wenn es gilt, die Einhaltung von Spielregeln einzumahnen, ist Autorität gefragt. Jetzt trägt das in der Kindheit aufgebaute Vertrauen Früchte.

Mit Grenzen umgehen zu lernen, ist ein weiterer wichtiger Dienst, den Väter ihren Kindern leisten dürfen. In zweifacher Hinsicht ist das für ihre Persönlichkeitsentwicklung wichtig: Einerseits muss der junge Mensch lernen, Grenzen zu überwinden, Anstrengungen um eines höheren Anliegens willen auf sich zu nehmen, mit Mühsal zurechtzukommen. Dazu müssen Väter schrittweise vernünftige, erreichbare Ziele setzen. Wichtig ist: Erfolge sind zu feiern, Misserfolge nicht zu dramatisieren.

Andererseits muss jeder lernen, mit Grenzen zu leben, auch wenn der jugendliche Optimismus dagegen rebelliert. Gerade in einer Zeit, in der uns die Medien eine Traumwelt, in der alles möglich scheint, ins Haus liefern, muss der Heranwachsende begreifen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Vielfach wird heute diese Aufgabe zum Nachteil der jungen Leute vernachlässigt. Ich erinnere mich an meine Erfahrungen als Bewährungshelfer: Fast alle unserer damaligen Klienten, kriminell gewordene Männer, waren vaterlos aufgewachsen, hatten nie gelernt, sich mit Grenzen abzufinden.

Rückhalt und Zuflucht

Der väterliche Mann ist somit einer, der sich um die eigene, innere Stabilität bemüht, damit seine Umgebung bei ihm Sorgen und Ängste, Kummer und Verzagtheit, Missmut und Niedergeschlagenheit abladen kann, damit er jemand wird, der Mut zuspricht, in Notsituationen Rückhalt gibt und bei Versagen wieder aufbaut. Zuflucht in allen Lebenslagen zu sein, Heimat zu geben – das ist die große, schöne Aufgabe der Väter. Wir leben allerdings in einer Zeit, in der sie durch enorme außerhäusliche berufliche Inanspruchnahme, mediale Irreführung sowie durch wirtschaftlichte und politische Benachteiligung der Familie vielfach überfordert sind.

Wer auch nur halbwegs seiner Aufgabe als Vater gerecht werden will, wird sich für das Wirken des Heiligen Geistes offen halten müssen. Die Zukunft gehört den betenden Vätern, Männern also, die wissen, dass sie aus eigener Kraft nicht imstande sind, ihrer großen Herausforderung, sich unbedingt und liebevoll anderen Menschen zuzuwenden, gerecht zu werden. Denn die Quelle aller Väterlichkeit ist der liebende Vater im Himmel selbst.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird reich beschenkt. Zugegeben: Es gibt Durststrecken, Phasen, in denen Rückschläge zu verkraften sind und Hoffnungslosigkeit aufkeimen kann. Letztlich entdeckt man aber, dass das eigene Tun erst dann Sinn bekommt, wenn es im Dienst für andere geschieht, für die nächste Generation, für die eigenen Kinder und Enkel. Wer in Pension geht, erkennt rasch: In der Berufswelt ist die Lücke, die der Abgang gerissen hat, rasch wieder geschlossen. Aber als Vater und Ehemann bleibe ich unersetzbar.

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