Ehe

„Den Brautleuten noch besser dienen“

Wie die Ehevorbereitung in Österreich vertieft wird, und warum Zeugen gelungenen Ehelebens gesucht sind, erklärt der Direktor des Instituts für Ehe und Familie (IEF), Johannes Reinprecht.
Johannes Reinprecht mit seiner Frau Marietta bei der Erneuerung des Eheversprechens
Foto: Franz Schöffmann | Der Direktor des „Instituts für Ehe und Familie“ (IEF), einer Einrichtung der Österreichischen Bischofskonferenz, weiß, wovon der spricht.

Herr Reinprecht, über mehrere Jahre hat eine interdiözesane Gruppe einen neuen Leitfaden für die Ehevorbereitung in Österreich erarbeitet. Warum war das nötig? Was lief bisher suboptimal?

Die Ausgangslage ist herausfordernd: Wir haben seit Jahrzehnten hohe Scheidungsraten. Das Verhältnis zivilrechtlicher zu kirchlicher Trauungen ist etwa Vier zu Eins. Viele, die kirchlich heiraten, fangen wenig mit dem Sakrament an. Doch gerade der sakramentale Charakter ist das Spezifikum der kirchlichen Trauung, denn viele andere Inhalte der Ehevorbereitung – etwa Erziehungs- oder Kommunikationsthemen – sind kein kirchliches Sondergut.

Nun soll ein österreichweiter Standard eingeführt werden. In welcher Bandbreite läuft denn Ehevorbereitung bisher?

Verbindliche Standards der Bischofskonferenz haben wir schon seit dem Jahr 2008. Darin werden 14 Themenfelder als „Inhalte des Eheseminars“ angeführt und festgelegt, dass ein Eheseminar mindestens acht, besser zwölf Einheiten zu je 45 Minuten dauern soll. Faktisch wird das heute zumeist komprimiert an einem einzigen Tag abgehalten. Es ist aber unmöglich, die vorgegebenen Inhalte in einem Eintagesseminar unterzubringen, zumal viele Brautleute nur wenig oder keinen kirchlichen Bezug haben. Mir ist aber bewusst, dass diese kaum zu einem mehrtägigen Seminar zu gewinnen wären. Die Inhalte würden jedenfalls ein Fünftagesseminar oder eine Verteilung auf zehn bis 15 Abende vertragen. Insofern ist der neue Fokus auf die Prozesshaftigkeit ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Geht es um feste Mindeststandards? Es soll ja auch in Zukunft unterschiedliche Modelle in den Diözesen geben.

Unsere heterogene Arbeitsgruppe, die über mehrere Jahre getagt hat, hat vier Schwerpunkte gesetzt: Vom Paar ausgehen, Prozesshaftigkeit der Ehevorbereitung, Begleitung der Brautleute durch Begleitpersonen, Einbindung in die Pfarreien. Es gibt in der Kirche nicht wenige – und dazu zähle ich mich selbst –, die sich noch mutigere Schritte in der Erneuerung der Ehe- und Familienpastoral erhofften. Aber man muss den ersten Schritt vor dem zweiten machen. Ich halte es für einen Gewinn, dass durch dieses Projekt das Thema Ehevorbereitung neu ins Bewusstsein aller Verantwortungsträger in der Pastoral gerückt ist, Bischöfe, Seelsorgeamtsleiter, Familienstellenverantwortliche, kirchliche Bewegungen und Initiativen. Wir alle sind eine Seilschaft hinsichtlich der Bereitschaft, den Brautleuten und der Kirche noch besser zu dienen, das Sakrament noch besser zu vermitteln. Dabei werden unterschiedliche Anbieter von Ehevorbereitung zukünftig weiterhin je unterschiedliche Schwerpunkte setzenund teilweise kreativ experimentieren – aber auf dem Fundament der neuen Leitlinien. Neu entwickelte Modelle gab es schon bisher immer wieder, etwa im Programm „Fit für Ehe“ der „Initiative Christliche Familie“ (ICF), die seit Jahren eine vertiefte Vorbereitung anbietet, oder in neuen Online-Formaten der Erzdiözese Salzburg, die mitten in der Corona-Krise entwickelt wurden und großen Anklang bei den Paaren fanden.

Inwiefern war das Schreiben „Amoris Laetitia“ dafür Inspirationsquelle?

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Dem Papst ist Familienpastoral sehr wichtig. Er berief zunächst zwei Synoden zum Thema Familie ein, die ersten in seinem Pontifikat. Dann kam jene zur Jugend. Das sind die beiden „Topthemen der Zukunftspastoral“, wie der Salzburger Erzbischof Franz Lackner es formulierte. Familie ist, wie Familienbischof Hermann Glettler sagt, der „Zentralbahnhof“, durch den alle Züge des Lebens fahren. „Amoris Laetitia“ brachte die Ehevorbereitung neu ins Bewusstsein. Anlässlich des fünften Jahrestags der Herausgabe von Amoris Laetitia hat der Papst ein „Jahr der Familie“ ausgerufen. In Amoris Laetitia betont er die Wichtigkeit der Ehevorbereitung immer wieder.

Ehevorbereitung soll nun von der Anmeldung bis zur Hochzeit laufen, also als Prozess. Wie sieht das konkret aus?

Prozesshafte Elemente finden sich schon jetzt. Bereits die Anmeldung in der Pfarrei ist eine Chance: Da muss Kirche einen guten Eindruck machen und ein freundliches Willkommen bieten. Dann denke ich an Momente der Segnung, die man etwa mit einem sehr bewussten Besuch in der Kirche verbinden kann, um den liturgischen Raum zu erschließen. Die Zeit vor der Trauung kann und soll ein Lernweg sein. Ein Jahr der Vorbereitung wäre eine optimale Zeitspanne, sechs Monate wohl das Minimum.

Den heiratswilligen Paaren sollen Begleiter zur Seite gestellt werden. Wie werden sie gefunden, ausgebildet und ausgewählt? Schon bisher herrscht ja ein Mangel an kompetenten Erstkommunion- und Firmvorbereitungshelfern.

Die Bedeutung der Begleitpersonen oder idealerweise der Begleitpaare sollte nicht unterschätzt, aber auch nicht überfrachtet werden. Das sind Personen, die vom Erstkontakt bis zur Trauung mit Rat und Tat an der Seite der Brautleute stehen sollen. Nicht als Paten, sondern gewissermaßen als Coaches. Wie die konkrete Ausbildung ausgestaltet sein wird, ist erst in Ausarbeitung seitens der Diözesanstellen. Ich halte jedenfalls das Prinzip „Familien für Familien“ und darum „Ehepaare für Brautpaare“ mittel- und langfristig für ein Zukunftsmodell! In der Ehepastoral der Zukunft werden Familien die wichtigsten Träger der Familienpastoral sein. Der seelsorgliche Einsatz für die Ehevorbereitung und die Ehebegleitung wird im Wesentlichen von erfahrenen Ehepaaren getragen werden. Dafür wird eine fundierte Ausbildung nötig sein. Wir haben hier großartige Modelle, etwa die Schönstatt-Akademie, die seit 1992 Programme anbietet, oder seit 2000 die Salzburger Akademie für Ehe und Familie. Hier werden über zwei Jahre laufende Ausbildungsprogramme angeboten, die Ehepaaren alle wesentlichen Inhalte zeitgemäßer katholischer Familienpastoral vermitteln. Auch werden hier die Paare gerüstet, ihr Wissen profund weiterzugeben. Aus der Erzdiözese Salzburg weiß ich, dass aus diesem Pool der Absolventen der Akademie die Referenten für die Ehevorbereitungsseminare rekrutiert werden und hier keinerlei Personalmangel besteht.

Familienbischof Glettler sieht die Ehevorbereitung als Gelegenheit, „die Basics des Glaubens kennenzulernen“. Wer kann das in einer Pfarrei leisten?

Der Weg zu einer durch und durch erneuerten Ehevorbereitung wird eine Zeit dauern. Ansätze von unten gibt es aber international gesehen durchaus in großer Breite: Da möchte ich das Programm „Witness to Love“ nennen, das in fast allen US-Staaten sowie weltweit in 24 Ländern umgesetzt wird. Hier werden in einer Vorbereitungsphase Pfarreien auf Familienfreundlichkeit und Paar-Orientierung getrimmt. Es geht ja darum, die Paare in Pfarreien und Gemeinschaften einzubinden. Die Kirche der Zukunft wird auf dem Boden des Engagements der Familien stehen. Familien müssen sich angenommen fühlen, damit sie ihrerseits etwas annehmen können. Es wird neue Ausbildungsprogramme für Paare und Familien geben müssen, damit sie zu menschlicher und religiöser Begleitung befähigt werden.

Zu den „Basics“ gehören die Wesenseigenschaften der Ehe: Einheit und Unauflöslichkeit plus die Offenheit für Kinder. Wie ist das zu vermitteln?

Die Kirche tut gut daran, die Ehe auf neue Weise zu den Menschen zu bringen und ihr Alleinstellungsmerkmal zu erklären. Durch die Verwässerung des gesellschaftlichen Ehe-Begriffs ist auch eine Chance für die Kirche entstanden, ihre Sicht der Ehe – von der Schöpfungsordnung her und als Sakrament – zur Sprache zu bringen und missionarisch zu vermitteln. Jedoch – um es mit Papst Paul VI. zu sagen – hört die Welt mehr auf Zeugen als auf Gelehrte. Nichts macht mehr Geschmack auf Ehe als das Erleben von glücklichen, authentisch lebenden Ehepaaren. An bewährten Ehen lernen junge Paare den Mut zu mehr Kindern, zu ständigem Bemühen, ein besserer Ehepartner zu werden. Zeugen sind gesucht! Darum sollen die Begleitpaare idealerweise auch Zeugen gelungenen Ehelebens sein.

Ehe ist ein Bund zu Dritt: Wie kommt Christus hier zur Sprache?

Ehen werden zu zweit geschlossen, aber zu dritt geführt, denn Christus ist der Dritte im Bunde. Das muss wesentlicher Teil jedes Eheseminars sein. Im Epheserbrief lesen wir, dass die Ehe ein tiefes Geheimnis ist, das die Hingabe Jesu an die Kirche abbildet. Wenn wir von christlicher Ehe sprechen, geht es also darum, die Dimension der Kirche aufzuzeigen und auch Geschmack auf Kirche zu machen. Nur so kann Erneuerung gelingen, wenn man letztlich dem Heiligen Geist Raum gibt.

Warum ist die Pfarrei Erstanlaufstelle? Läge bei manchen geistlichen Gemeinschaften dafür nicht viel Kompetenz?

Die Pfarrei ist die Nahversorgerstruktur, wo es viele gute Ansätze gibt. Die Kirche war aber immer gut beraten, den Geist wahr- und aufzunehmen, der von geistlichen Neuaufbrüchen ausging. Die Bewegungen sind meist innovativ, missionarisch, leichtfüßig und bringen neuen Wind auch in den Bereich der Ehevorbereitung und -begleitung. Das soll in die bestehenden Strukturen hineinwirken, um dem Heiligen Geist Landeplätze zu schaffen.

Viele Menschen sind – etwa durch Vorbeziehungen oder ein dysfunktionale Umfeld – bereits in ihrer Bindungs- und Beziehungsfähigkeit gestört. Bräuchte es da in der Ehevorbereitung nicht auch psychologische Assistenz?

Ja, absolut! Oft auch die Heilung von Verletzungen, therapeutische Hilfe und Begleitung. Viele Schwierigkeiten und Scheidungen beruhen auf einer psychischen Ebene, nicht auf der Ebene des Glaubens. Es gibt Wunden, aber auch Heilszeichen, also Erfahrungen der Gnade Gottes. Hier können Werkzeuge wie etwa „FOCCUS Inventory“ eine Hilfe sein, um in strukturierten Gesprächen Fundamente zu festigen.

Bräuchten viele Paare nicht erst einmal Sanierung, Heilung? Wie wichtig ist eine Umkehr und eine gute Beichte im Rahmen der Ehevorbereitung?

Stimmt. Gleichwohl sind stets auch Spuren Gottes auffindbar. Auch ein voreheliches Kind ist ein Geschenk Gottes. Das Paar soll die Spuren Gottes in seiner bisherigen Lebensgeschichte entdecken. Heilung und Umkehr sind eine lebenslange Herausforderung. Umkehr geschieht durch die Erfahrung der Liebe Gottes, und nicht, indem ich Menschen darlege, wie sie bisher nicht entsprechend der Lehre der Kirche gelebt haben. Am Anfang steht das Annehmen der Menschen so wie sie sind. Der Rest kommt danach. Fernstehende in die Mitte zu führen, ist ein Prozess mit mehreren Phasen.

Braucht es eine Neuentdeckung der kirchlichen Verlobungsfeier?

Ja. Die Kirche verfügt über einen Schatz, der viel zu wenig in Anspruch genommen wird. Die Feier der Verlobung ist ein bewusster Startpunkt der Prüfungs- und Vorbereitungszeit. Hier kann das Paar einen fokussierten Weg gehen. Papst Franziskus spricht sogar von der Notwendigkeit eines „neuen Katechumenats zur Vorbereitung auf die Ehe“.

Was kommt nach der Hochzeit? Braucht es nicht auch eine Ehebegleitung?

Richtig! Insbesondere die ersten Jahre der Ehe sind entscheidend für ihr Gelingen. Hier werden wir die gut ausgebildeten Begleiter sehr brauchen. Ehebegleitung kann verschiedene Formate haben. Hier gibt es bereits erfolgreiche Modelle. Österreich verfügt im internationalen Vergleich über ein engmaschiges Netz an staatlichen und kirchlichen Familienberatungsstellen, in denen Paare nicht erst in Krisenzeiten, sondern auch in Herausforderungen und Schwierigkeiten des Alltags geholfen wird. Die Kirche tut jetzt schon viel für Familien, nicht nur im Jahr der Familie, in dem wir viele Angebote davon auf der neuen Homepage „www.jahrderfamilie.at“ sichtbar machen. Aber es bleibt viel Arbeit zu tun im Weinberg des Herrn!

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Julia Wagner
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