Erziehungsfragen

Auf Vater und Mutter kommt es an

Die „Stiftung Familienwerte“ ging der Frage nach, wie es um die Kinderbetreuung in zehn Jahren bestellt sein soll.
Karl-Heinz B. van Lier
Foto: privat | Karl-Heinz B. van Lier ist der Geschäftsführer der Stiftung Familienwerte.

Wie betreuen wir unsere Kinder im Jahre 2030?“ Um diese Frage ging es am vergangen Freitag beim Expertenforum der „Stiftung für Familienwerte“. „Wir wollen das Wohl der Kinder in den Fokus rücken“, betont die Moderatorin der Veranstaltung, Kerstin Goldschmidt.

„Stress setzt in kindlichen Gehirnen Cortisol frei“, erklärt Serge Sulz. Er ist Honorarprofessor für Grundlagen der Verhaltensmedizin und Kinder- und Jugendpsychotherapie. Ein zu langer Aufenthalt im Kindergarten bedinge einen solchen, schädlichen Stress. „Bereits nur zwei Jahre länger in der Familie bleiben zu dürfen und nicht den Stress der Kinderkrippenabfertigung ertragen zu müssen, verhindere in vielen Fällen derartige Cortisol-Schäden. „Bei unter Dreijährigen ist der Stresslevel besonders erheblich“, berichtet der Entwicklungspsychologe. Ein Kind von unter drei Jahren solle maximal zwei Stunden am Tag bei einer guten Tagesmutter oder in einer qualitativ hochwertigen Kita sein. „Kinderkrippen bieten einem Kind allenfalls eine halbe Stunde individuelle Betreuung pro Tag. Mehr ist für die Erzieherinnen nicht leistbar“, weiß Sulz. Demgegenüber biete die Nähe der Mutter dem Kind die Möglichkeit, Stress abzubauen.

Sichere Bindung erforderlich

Christian Bachmann ist Professor am Universitätsklinikum Ulm. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Versorgungsforschung, Gesundheitsökonomie und Lehrforschung. Er hofft, „dass wir 2030 unsere Kinder ganz überwiegend in Settings betreuen, die einer sicheren Bindung förderlich sind“. Dazu bedürfe es feinfühliger erwachsener Personen. Eine gute Bindung im frühkindlichen Alter sei für das spätere Leben der Kinder und deren soziales Verhalten von zentraler Bedeutung. Entscheidend seien dabei vor allem Mutter und Vater als Bezugspersonen. Die notwendige Feinfühligkeit im Umgang mit Kindern lasse sich, so der Wissenschaftler, bereits in zehn Sitzungen eines Elterntrainings leicht erlernen. Auch für Erzieher könnte eine solche Fortbildung die Qualität der Betreuung verbessern.

Ungünstige Betreuungsrelation

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Wido Geis-Thöne ist als Volkswirt beim Institut der deutschen Wirtschaft tätig. Er beschäftigt sich mit Fragen der demografischen Entwicklung und den Folgen für die Betreuung der Kinder. „Obwohl die Personalausstattung der Betreuungseinrichtungen im letzten Jahrzehnt um mehr als das Anderthalbfache gestiegen ist, sind die Betreuungsrelationen noch immer häufig ungünstig und es bestehen Engpässe bei den Plätzen“, beklagt der Senior Economist für Familienpolitik und Migrationsfragen. Erfreulich sei, dass das Kita-Personal eine gute Altersstruktur aufweise. „Die Kita-Beschäftigten sind im Schnitt sehr jung“, berichtet Geis-Thöne. Nach einem starken Geburtenrückgang zu Beginn der 2000er Jahre sei die Geburtenziffer erfreulicherweise angestiegen. Das habe allerdings den Druck auf die Betreuungseinrichtungen erhöht.

Home-Office als Perpektive

Axel Plünnecke ist Professor in Saarbrücken und Leiter des Kompetenzfeldes „Bildung, Zuwanderung und Innovation“ beim Institut der deutschen Wirtschaft. Er ist Mitglied der Sachverständigenkommission des Neunten Familienberichts der Bundesregierung. „Der Ausbau und eine höhere Qualität der Betreuungsinfrastruktur an Kitas und Schulen sind von hoher Bedeutung, um Eltern bei der Realisierung ihrer Ziele zu unterstützen und zu begleiten.“ So verweist er auf die gestiegenen Erwerbswünsche vor allem der Mütter in den letzten Jahren. Die Corona-Pandemie zeige, dass das Home-Office für einen Teil der Arbeitnehmer durchaus eine Perspektive sei. Dort wo diese Beschäftigungsform möglich gewesen sei, seien das Angebot und die Nachfrage gestiegen. Viele Menschen wollten allerdings eine klare Trennung zwischen Beruf und Privat und sprächen sich daher gegen Home-Office aus.

„Stressgrenzwerte für Kinder festschreiben“

Das Fazit am Ende der Tagung zogen der Geschäftsführer der Stiftung, Karl-Heinz B. van Lier, und der Gesellschaftswissenschaftler Tilman Allert. Van Lier betont, dass bei der Krippenbetreuung ein Paradigmenwechsel erforderlich sei. „Nach dem Vorbild der Klimaschutzaktivisten, die Grenzwerte bei der Schadstoffemission einfordern, müssen wir in den Krippen verlangen, dass die Stressgrenzwerte für die Kinder nicht überschritten werden dürfen.“ Im Umgang mit einem Kleinkind müssten, wie für die Natur, die Prinzipien der Nachhaltigkeit und Achtsamkeit gelten. Geschäftsführer van Lier fordert, der Gesetzgeber müsse Qualitätsnormen für Kitas festlegen, die eine bundesweite Verbindlichkeit besitzen. Soweit bei der Krippenbetreuung in den kommenden Jahren eine Kostenexplosion durch eine Aufstockung der Kitaplätze von 850.000 auf 1,2 Millionen zu erwarten sei, bedeute dies eine Kostensteigerung um weitere 18 Milliarden Euro, auf 54 Milliarden. Das sei für den Staat schlechterdings nicht finanzierbar.

Deshalb wirbt Tilman Allert dafür, der Familie wieder mehr Bedeutung einzuräumen. Ihre Aufgabe, auch in der Betreuung von Kindern, sei in dieser Gesellschaft zu Gunsten staatlicher Fürsorge in den Hintergrund gerückt. Die Betreuung für unter dreijährige Kinder könne allenfalls für „ein bestimmtes ökonomisches Milieu oder in manchen Situationen sinnvoll sein“. Ansonsten müsse man der Familie die legitime Autonomie der Gestaltung von Betreuung einräumen.

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