Schule

Wie Eltern die Schulsituation ihrer Kinder meistern

Erste Corona-Studie über Lernstress in der Familie zeigt: Eltern und Kinder sind stark belastet.

In der Covid-19-Pandemie geraten Familien derzeit verstärkt in den Fokus. So untersucht eine aktuelle Studie des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie und Exzellenzforschung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen neben dem elterlichen Stress-Erleben während der zweiten monatelangen Schulschließungen von Dezember 2020 bis März 2021 auch, wie es den Kindern und Jugendlichen mit dem Distanzlernen geht.

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Wenig überraschend: Geschlossene Schulen und Lernen auf Distanz führen in den meisten Familien zu elterlichem Stress. Zeit ist ein knappes Gut in Familien, und so stellt der zusätzliche Zeitaufwand für die Lernunterstützung das größte Problem für die Eltern dar. Der Mehraufwand trifft ja nicht auf ein Vakuum, sondern addiert sich zu den vielfältigen, schon bestehenden beruflichen und familiären Aufgaben. Nicht zu erwarten war allerdings, dass sich das Stressempfinden gleichmäßig über Geschlechter, Berufsgruppen, Bildungsgrade und Familiensituationen verteilt und ein Mangel an technischer Ausstattung lediglich einen geringen Einfluss zu haben scheint. „Ein großer Teil der Studienteilnehmer gab an, überfordert zu sein. Bei einer Mehrheit der Eltern wurde dieser Stress mit dem Distanzlernen begründet“, so Studienleiterin Isabelle May. Sie freut sich, dass dennoch fast alle Eltern angaben, das Beste aus dem Distanzunterricht zu machen, „gerade wenn es schwierig ist“.

Alleine-lernen stresst

An manchen Grundparametern können aber auch die hingebungsvollsten Eltern nichts ändern. Kinder und Jugendliche sind durch die Schulschließungen aus dem sozialen Lernfeld Schule herausgenommen, und das stellt eine arge Belastung dar. In Telefoninterviews äußerten die befragten Kinder im Alter zwischen acht und siebzehn Jahren einhellig, das Alleine-lernen und überhaupt das Alleine-sein stressten sie. Ihnen fehlen die Kontakte zu Lehrern und Mitschülern. Körperliche Beschwerden und Verhaltensänderungen sind die Folge. Oft äußert sich der kindliche Stress durch vermehrte Kopf- und Bauchschmerzen sowie Schlafstörungen. Dazu kommt internalisiertes auffälliges Verhalten, indem sich die Kinder zurückziehen oder externalisiertes auffälliges Verhalten durch vermehrte Wutausbrüche. Ältere Schüler zeigen sich verunsichert durch Zukunftsängste. Sie fragen sich, wie das Abitur abläuft, ob es gerechte Prüfungen gibt und ob die Vorbereitung überhaupt ausreichend sein kann. Andere grübeln, ob sie in diesen Zeiten eine Arbeitsstelle oder einen Studienplatz finden.

Motivation ist ein Problem

Das größte Problem für Eltern und Kinder gleichermaßen aber ist die Motivation. Den Kindern fällt es schwer, sich täglich neu für die anstehenden Schularbeiten zu motivieren, und die Eltern müssen hier viel Energie aufwenden. Betrachtet man näher, was eigentlich die Grundlage von Motivation ist, wird klar, wieso dieser Bereich die Familien am meisten anstrengt. Im Gespräch mit der „Tagespost“ erläutert Studienleiterin Isabelle May, dass die Motivation für ein bestimmtes Verhalten (nach der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan) davon abhängt, ob drei psychologische Grundbedürfnisse befriedigt werden, nämlich Kompetenz, soziale Eingebundenheit und Autonomie. Nachdem das Schulleben als Raum, in dem sich Kinder autonom erleben konnten, für alle geschlossen ist und viele Kinder verstärkt auf technische oder inhaltliche Hilfe der Eltern bei der Erledigung der Schularbeiten angewiesen sind, werden derzeit alle drei Grundbedürfnisse beeinträchtigt.

May rät Eltern, die Familie als erste soziale Lerngruppe zu nutzen und gemeinsame Ziele zu definieren. Das könnten sportliche Ziele sein, die Verantwortung für die Zubereitung einer Mahlzeit oder das Familienprojekt, gemeinsam die sieben höchsten Berge der bayerischen Regierungsbezirke zu erklimmen. Eltern sollten gerade in der jetzigen Situation weniger kontrollierend als unterstützend erziehen, den eigenen Kindern etwas zutrauen und ihnen die Möglichkeit geben, Selbstwirksamkeit zu erfahren, denn gerade an nicht schulischen Themen könne man motivationale Fähigkeiten einüben.

Guter Distanzunterricht

Insgesamt wird der von den Lehrkräften gestaltete Distanzunterricht, digital wie analog, von den meisten Eltern als gut umgesetzt empfunden. Regelmäßiges und individuelles Feedback sowie Erreichbarkeit der Lehrkräfte erleichtern den Familien das Distanzlernen, auch Videokonferenzen und Wochenpläne sind hilfreich. Grundschüler werden durch die wöchentliche Abgabe der Schularbeiten und die Materialausgabe in der Schule motiviert.

Die Schulwetterlage

Das Schulbarometer, eine großangelegte Studie aus dem letzten Jahr über die ersten Schulschließungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz, sieht Schüler mit einer hohen selbstregulativen Kompetenz im Umgang mit dem Distanzlernen klar im Vorteil. Isabelle May ergänzt, dass auch eine positive Lebenseinstellung, eine kompetente Regulation der Emotionen und eine intrensische Lernmotivation hilfreich seien.

Wenn als erfreuliches Zwischenergebnis der Studie ein Großteil der Eltern trotz enormer Belastung, Stress und Zeitproblemen zuversichtlich über die eigene Bewältigung der Distanzunterrichtssituation berichtet, trauen sich die Eltern offensichtlich zu, ihre Kinder gut unterstützen zu können. Damit leben sie ihren Kindern Resilienz vor und stärken sie nachhaltig – denn Verhalten wird nach der sozial-kognitiven Theorie von Bandura am Modell oder Vorbild gelernt.

Motivationsfördernd, stark und vorbildhaft – insgesamt verdeutlicht die Studie die hohe Bedeutung der Eltern für eine gesunde Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Es stellt sich aber auch die Frage, wie lange die Eltern noch durchhalten können und ob ihre Bedürfnisse ausreichend berücksichtigt werden. Bei der Antwort auf diese Frage kann die Politik offensichtlich noch eine Menge lernen.

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