Kirche

Kirchenbindung und Liturgiefeier

Ein Erfurter Forschungsprojekt untersucht, was die Liturgiken im 19. Jahrhundert für die Gegenwart bedeuten.

Was wäre, wenn die Feier der Liturgie so populär wäre, dass sie als maßgeblich für die Bindung an die Kirche gelten würde. Das scheint unglaublich zu sein? Mag sein, aber das war nicht immer so. Tatsächlich galt die Liturgie mit ihren Texten und Riten im 19. Jahrhundert als „Gesicht“ des Glaubens der katholischen Kirche. Deshalb bemühte man sich gerade im Umfeld gesellschaftlicher und kirchlicher Umbrüche darum, sie so vielen Menschen wie möglich zu erschließen. Die Wege zu diesem immer tieferen Verständnis waren die Verkündigung in der Katechese und an den spirituellen Brennpunkten des Lebens wie Taufe, Beichte, Erstkommunion, Firmung, Eheschließung, Jungfrauen- oder Priesterweihe und der Übergang ins ewige Leben. Aber damit war es nicht genug.

Darüber hinaus gab es auch eine Reihe kleiner und populärer Liturgiken, Einführungen in die Feier der Liturgie, die aufschließend wirkten, in das Geheimnis des Glaubens hineinführten und auf unprätentiöse Weise Glaubenswissen und spirituelle Praxis miteinander verbanden.

Der glühende Kern

Wenn man für die heute notwendige Umkehrbewegung weg von der sich in nutzlosen, sich in Äußerlichkeiten verbeißenden Strukturdebatten verlierenden Peripherie des Glaubens hin zu dessen glühendem Kern Wegweisung gewinnen möchte, ist ein Studium dieser für die Kirchenbindung essentiellen Veröffentlichungen ein ebenso notwendiges wie sinnvolles Projekt. Durchgeführt wird es seit Januar 2019 an der Katholisch Theologischen Fakultät der Universität Erfurt unter der Leitung von Professor Benedikt Kranemann. Ziel des Forschungsvorhabens, das noch bis Ende dieses Jahres läuft, ist die bibliographische Erfassung der Liturgiken, die von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erschienen sind. Zugleich soll deren Inhalt und Anlage beschrieben und der Frage nachgegangen werden, was sich über deren Verfasser und ihre möglichen Interessen sagen lässt. Einige Ergebnisse des Projektes lassen sich bereits formulieren.

Kostbares Geschenk

Die Liturgiken nehmen eine Brückenfunktion zwischen der Aufklärung und der Liturgischen Bewegung ein. Sie sind also eine Reaktion auf forschendes Fragen. Aber ihre Verfasser und, so deren Hoffnung, auch deren Leser nehmen eine Grundhaltung ein, die der Aufklärung nicht mit blindem Glauben, sondern vielmehr mit wachem Verstand begegnet. Das Eigene des Glaubens wird nicht als überflüssiger Ballast empfunden, es gilt ganz im Gegenteil als kostbares Geschenk, das sich selbst und anderen zu vermitteln und zu erschließen sich lohnt. Dass dies gelingt hat eine Menge mit dem Verständnis des Gottesdienstes als Liminal Zone, als Zwischen-Raum der Begegnung von Gott und Mensch zu tun. Wenn der Gottesdienst aber ein solcher Ort zwischen Alltagsrealität und göttlicher Ewigkeit ist, erscheint er in einem anderen Licht. Wir bringen dann zwar uns und unseren Alltag dort hinein, aber weder dessen Sprache noch dessen Klänge bestimmen den Ort. Er erhält sein Licht vielmehr aus jenem Ewigkeitsraum, der der Anziehungs- und Zielpunkt des irdischen Lebens ist. Eindrücke, die der Normalität des Alltäglichen enthoben sind, haben ein natürliches Wohnrecht in der Liminal Zone. Das muss so sein, weil der Gottesdienst sonst zur perspektivlosen Selbstbespiegelung und direkt in die Falle der Selbstreferenzialität führen würde.

Kirchlicher Alltag

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Der Rückgriff des Erfurter Forschungsprojektes auf die Zeit vor der Liturgischen Bewegung ist daher ein maßgeblicher Beitrag nicht nur zur liturgiewissenschaftlichen Forschung. Er ist vielmehr ein Lehrstück der in die Fragen und Sorgen des gegenwärtigen kirchlichen Alltags eingebundenen, aber zugleich weitblickend über sie hinausweisenden Forschung. Dass das 19. Jahrhundert sich als Forschungszeitraum so sehr anbietet, hat mit einer Reihe von Parallelen zu tun, die es zu unserer Zeit aufweist. Durch die Französische Revolution und die Säkularisation war es vom 18. Jahrhundert her in vielen Regionen zu einer weitreichenden Entkirchlichung gekommen. Der Kulturkampf schwächte die kirchliche Praxis, auch wenn deren Druck in einigen Gegenden, wie es etwa der spätere Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg aus seiner Kindheit und Jugend im schlesischen Ohlau beschreibt, zu einem stärkeren Zusammenhalt der Gläubigen führte. Tatsächlich zeichnete sich im 19. Jahrhundert nach und nach eine Gegenbewegung zur vormaligen Entkirchlichung ab, sodass es beispielsweise 1844 zu einer Teilnahme von über 500 000 Pilgern an der Trierer Wallfahrt kam.

Wissen um die Feier der Sakramente

Der Schluss, den die Verantwortlichen damals aus der Anziehungskraft dieser Events zogen war, dass die Vermittlung liturgischer Bildung die Verbindung mit dem performativen Brennpunkt des Glaubens stärken und zu mehr Eigenverantwortlichkeit im Gehen des je eigenen Glaubensweges führen würde. Interessanterweise lassen sich in den vergangenen Jahrzehnten ganz ähnliche Phänomene beobachten. Events wie Kirchentage haben immer wieder neu große Mengen vor allem junger Menschen angezogen. Zugleich wurde dort dem vertieften Wissen um die Feier der Sakramente kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Stattdessen wurde eine eher politische Debattenkultur gefördert. Das Ergebnis dieser Strategie lässt sich derzeit leicht ablesen. Glauben und Glaubensinhalte werden als Beiträge in einer Debatte erlebt. Zugleich wurde die Überzeugung genährt, dass man über diese ähnlich wie über politische Standpunkt diskutieren und am Ende darüber abstimmen könne, um in Erfahrung zu bringen, welche von ihnen mehrheitsfähig sind und welche nicht.

Das innere Wesen der Kirche

Auf der Verliererseite stand bei diesem Verfahren die Feier der Liturgie. Sie geriet mehr und mehr ins Hintertreffen, wurde zu einem hinsichtlich seiner den Alltag verwandelnden rituellen Qualität nicht mehr verstandenen Randort. Die Lösung für das durchaus als dringlich empfundene Problem des zunehmenden Desinteresses an der Mitfeier schien denen, die schon weit auf dem Debattenweg vorangeschritten waren nun, ein noch schnelleres Tempo vorzulegen. Das Ergebnis ist: mehr Alltag und weniger Gotteserfahrung. Das Studium der Liturgiken des 19. Jahrhunderts kann genau dies ändern und deutlich machen, warum wir die Liminal Zones in unserem Leben so dringend brauchen. Denn die Liturgiken nehmen die Eigenverantwortung der Laien durchaus ernst. Sie sind Bücher, die Glaubenserfahrung erschließen. Damit weisen sie über sich selbst hinaus. Zu Recht. Denn das Christentum ist keine Buchreligion. In ihm geht es vielmehr um die wandelnde Begegnung mit Jesus Christus. Die geschieht durchaus im Alltag. Aber sie hat ihre Quelle und ihren immer neuen Höhepunkt in der Feier der Liturgie. Sie ist, wie der Autor einer dieser Liturgiken, Leopold Kopp, betont, „die sichtbare Darstellung des inneren Wesens der katholischen Kirche“, der „Leib, das körperliche Organ, wodurch die Seele der Religion auf den Menschen wirkt“. Sie bietet, wie der Briloner Gymnasialpfarrer Mette betont, in ihrer „wunderbaren Harmonie, Tiefe und Erhabenheit gleichsam einen unmittelbaren Gefühlsbeweis für die Göttlichkeit ihrer Trägerin, der katholischen Religion.“

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