Corona und Schule

Kein geschenktes Abitur

Schüler wollen gefördert, aber auch gefordert werden, sie wollen auch wissen, wo sie persönlich stehen. Ein Abitur ohne Prüfung ist keine Lösung.

Ein Jegliches hat seine Zeit‘, dies ist die prägende Botschaft des Buches Kohelet im Alten Testament. Weiter heißt es dort: ,Es gibt eine Zeit des Säens und eine des Erntens.‘ Seit Jahrhunderten feiern Menschen eine Ernte in Dankbarkeit. So beinhaltet ein zufrieden machendes ,Ich hab's geschafft‘ den Rückblick auf eine Zeit intensiver Arbeit im Stadium des Erfolges.“ – Diese Worte des katholischen Diplom-Sozialpädagogen und Psychologen Albert Wunsch aus seinem Buch „Wo bitte geht's nach Stanford“ (2017) zeigen den tiefen, ja religiösen Sinn von Anstrengung, Mühe, Ernte und Dankbarkeit. Wunsch fährt fort: „Ergänzend unterstreicht ein in Freude zum Ausdruck gebrachtes ,Ich hab's geschafft‘ einerseits die Verinnerlichung einer wichtigen Zielerreichung und ist gleichzeitig eine prägende Voraussetzung dafür, um in einer Mischung aus Gelassenheit und neuem Eifer die nächsten Schritte im beruflichen oder privaten Bereich anzugehen.“

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Keine Nachteile für Schüler wegen der Pandemie

Welche Tragweite das pädagogisch und psychologisch hat, das erlebe ich als Gymnasiallehrerin jeden Tag. Schüler wollen gefördert, aber auch gefordert werden, sie wollen auch wissen, wo sie persönlich stehen. Daher ist der in den letzten Tagen laut gewordene Wunsch nach einem „Abitur ohne Prüfung bei bundesweiter Anerkennung“, wie ihn etwa die Lehrergewerkschaft GEW oder auch der Schulleitungsverband Niedersachsen (SLVN) vorschlug, keine akzeptable Lösung für junge Menschen, die auch in Krisenzeiten ein Recht auf Qualität in der Bildung haben.

Zum Glück hat sich die Kultusministerkonferenz am 21. Januar in einer Videoschaltkonferenz auf einen klaren Beschluss geeinigt: Den Schülern sollen keine Nachteile aus der pandemiebedingten Ausnahmesituation erwachsen. Die Abiturprüfungen finden statt und die Abschlüsse sind gleichwertig mit denen früherer und späterer Jahre – sie werden gegenseitig anerkannt. Das ist das richtige Signal.

Fahrlässiges Handeln

Natürlich sind Schulen und Lehrkräfte, Eltern und auch Schüler verunsichert und ausgelaugt – vor allem, weil der Lockdown bereits über viele Monate andauert und der Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht an den Kräften zehrt. Aber darf uns deshalb die Zukunft der jungen Menschen egal sein? Sollen Noten und Abschlüsse irrelevant und Schulprüfungen nichts mehr wert sein? Wollen wir einem ganzen Jahrgang einfach den „Corona-Stempel“ aufdrücken? Wer als Erwachsener so mit den Ressourcen junger Menschen umgeht, die ihr Potenzial noch entfalten wollen und zu Recht faire Chancen bei der Bewerbung um Studienplatz oder Ausbildungsstelle einfordern, handelt fahrlässig und „fährt auf kurze Sicht“.

Und: Er unterschätzt eine nachwachsende Generation, auf die wir stolz sein können: Es sollte hervorgehoben werden, dass die Schüler in dieser besonderen Unterrichtszeit unter Pandemiebedingungen auch gelernt haben, anders zu lernen, als es unter den „normalen“ Bedingungen üblich war: Sie haben Selbstständigkeit trainiert, sie mussten sich stärker selbst organisieren, sie haben die Teilnahme an Videokonferenzen, die Arbeit mit digitalen Plattformen bewältigt – sie haben vielleicht noch mehr eigenverantwortlich gearbeitet.

Die Krise als Chance

All das bereitet die Abschlussklassen und -jahrgänge optimal auf ein Studium oder eine Ausbildung vor, denn nach der Schulzeit werden genau diese Kompetenzen von ihnen erwartet. Und diese Anstrengung, das Bewältigen, die kreativen Leistungen, sollten auch belohnt werden. Krise ist somit auch immer eine Chance: Anstatt die Schüler durch ein „Abitur light“ mit einem dauerhaften „Corona-Makel“ zu stigmatisieren, Mühen ins Leere laufen zu lassen, ihnen den Abschluss als „Billigprodukt“ zu „schenken“, das Sitzenbleiben als wertvolle Maßnahme aus dem pädagogischen Kanon zu streichen, sollten wir ihre Anstrengungen wertschätzen und ihnen die faire Möglichkeit geben, an Herausforderungen zu wachsen.

Es war in den letzten Monaten zu erleben, wie sich stille Schüler in der Phase des Homeschoolings weiterentwickelt haben, sich von zurückhaltenden Persönlichkeiten in aufgeschlossenere verwandelt haben, weil sie plötzlich Stärken an sich entdeckt haben, die vorher nie zum Zuge kamen. Somit setzen sowohl mein „Zutrauen“ als Lehrerin als auch die „Zumutung“ durch die Corona-Krise pädagogisch stets ein wohlwollendes Vertrauen in den Schüler voraus – darin steckt das Wort „Mut“ (für die Motivation) und der Imperativ „Trau dich“ für den Glauben, dass die Dinge sich gut entwickeln. Natürlich dürfen wir nicht leichtfertig übersehen, dass es auch viele Schüler aus Familien gibt, die diese Krise unter zum Teil sehr schwierigen Bedingungen (etwa enge Wohnung, Sprachprobleme, technisch schlechte Ausstattung) zu bewältigen haben.

Hier kann das Kollegium durch eine umsichtige Schulleitung auf die humane Schulphilosophie eingeschworen werden: So hat der Schulleiter meiner Schule in Hannover immer betont, dass sich das Homeschooling nicht an dem perfekt ausgestatteten Haushalt (WLAN, Laptop, oder beste Software) ausrichten darf, sondern auch die Schüler mitnehmen muss, die mit weniger Mitteln und härteren Bedingungen lernen, aber das gleiche Recht auf eine gute pädagogische Begleitung haben.

Eine Unterforderung lähmt das Selbstwertgefühl

Hier sind Kreativität und Empathie im besten christlichen Sinne von uns Lehrkräften gefragt und nicht das immer wieder in den Medien zu hörende Jammern über ein nicht erfülltes „Digitalisierungsversprechen“. In Niedersachsen konnten trotz coronabedingter Einschränkungen und trotz des Wechsels zwischen Szenario B und Szenario C die Klausuren und Klassenarbeiten im vergangenen Halbjahr stattfinden. Schüler haben sich vorbereitet, bei Homeschooling und Präsenzunterricht aktiv mitgearbeitet und Leistungen erbracht. Unter den besonderen Auflagen haben sie sich angestrengt und ihr Wissen kontinuierlich erweitern können.

Für das Jahr 2021 können Schulen in Niedersachsen zusätzlich die Option „dezentrale Abiturprüfungen“ nutzen, wenn ein Antrag gestellt wird und bestimmte Bedingungen vorliegen: etwa acht Wochen lang Unterricht als Wechselunterricht. Richtig und gut war sicherlich auch die Entscheidung in Niedersachsen, bereits im Jahr 2020 Spielräume für die Terminierung der Abiturprüfungen einzuräumen – das schafft Luft für das neue Schuljahr 2020/2021. Für eine deutliche Entschleunigung sorgte auch die Umstellung von G8 auf G9. Damit hat der jetzige 13. Jahrgang ein Schuljahr länger an den Schulen verbracht und mehr Zeit für die Kerncurricula gewonnen.

Diese Entzerrung schenkt sowohl den Lehrkräften als auch den Schüler/innen Raum und Muße, die die Schule so dringend braucht (schola = Muße), damit in einer unsicheren Pandemiezeit Lerninhalte durch Wiederholung, Übung und Leistungstests ihre Wirkung entfalten. Als Lehrerin freut mich auch die jüngste Petition für die Öffnung der Bibliotheken und Lesesäle, die zeigt, dass Abiturienten aktiv für gute Lernbedingungen streiten, weil sie einen guten Abschluss wollen.

Die Bedeutung von Wissen und Wissenschaft

Wer jungen Menschen eine gewisse Anpassungsfähigkeit nicht zutraut, der unterschätzt sie. Zeigt nicht gerade die Corona-Pandemie immer wieder aufs Neue, wie wichtig Wissen und Wissenschaft – im Gegensatz zu Fake News – sind? Um für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet zu sein, brauchen wir eine junge Generation, die gelernt hat, mit Krisen und neuen Aufgaben mutig, fokussiert und mit Sachverstand umzugehen. Wer Schülern den Weg zur bestmöglichen personalen Bildung versperrt und ihnen den Bildungsabschluss als Ernte der Mühe nicht gönnt, der verstärkt die Depression, die die Pandemie im sozialen und wirtschaftlichen Bereich vielfach verursacht hat.

Eine Unterforderung lähmt und mindert das Selbstwertgefühl – wie es Albert Wunsch immer wieder betont: „,Leben heißt, Probleme lösen!‘ Auch wenn diese aus Zentralafrika übernommene Redewendung manchem Zeitgenossen vielleicht etwas zu pessimistisch erscheinen mag, wer nicht von Kindesbeinen an lernt, sich im Leben möglichst gekonnt zurechtzufinden, wird später häufiger in selbst verursachte Krisen hineingeraten, als ihm oder ihr lieb ist.“

In diesem Sinne kann die Corona-Krise kreative Kräfte freisetzen und das Lernen neu beflügeln – als Lehrkräfte sollten wir nicht aus falsch verstandener Rücksicht die „Notbremse“ ziehen, nur weil wir die Mühen scheuen.

Die Autorin ist Oberstudienrätin für die Fächer Latein, Katholische Religion und Griechisch, Fachobfrau und Vorsitzende des Schulpersonalrats an der Ricarda-Huch-Schule in Hannover, im Bundesvorstand des VkdL und hat ab dem Sommersemester 2021 an der Leibniz Universität Hannover einen Lehrauftrag für Altgriechisch.

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