C.S. Lewis

Ein Schulausflug nach Narnia

Der spielerische Kampf gegen das Böse vermittelt Jugendlichen christliche Grundelemente. Er hilft aber auch, die psychischen Folgen der Pandemie aufzuarbeiten.
Filmszene aus „Chroniken von Narnia“
Foto: Imago images

Narnia nannte C.S. Lewis (1898–1963) eine Parallelwelt, die er in den sieben, von 1950 bis 1956 veröffentlichen „Chroniken von Narnia“ ausbreitete. In diese Welt gelangen zu Beginn des ersten Bandes „Der König von Narnia“ („The Lion, the Witch and the Wardrobe“) vier Geschwister – die „Adamssöhne“ Peter und Edmund sowie die „Evastöchter“ Susan und Lucy Pevensie – durch einen Schrank. Ihre Aufgabe: Dem König, dem Löwen Aslan, im Befreiungskampf gegen die böse Weiße Hexe zu helfen, unter deren Regiment immerwährender Winter ohne Weihnachten herrscht.

Allegorie auf den Glauben

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Im Gegensatz zu „Der Herr der Ringe“, den sein Freund John R.R. Tolkien zur gleichen Zeit veröffentlichte (1954), findet sich bei Lewis eine deutliche Allegorie auf den christlichen Glauben – obwohl Lewis selbst den Begriff nicht mochte. So ist der Löwe Aslan unschwer als Symbol für den Löwen von Juda, für Jesus zu deuten.

Weil durch „Die Chroniken von Narnia“ Kinder und Jugendliche spielerisch mit christlichen Elementen und Tugenden in Berührung kommen können, veranstaltet die Schulabteilung des Bistums Getafe im Süden Madrids seit 2012 alljährlich eine „Reise nach Narnia“.

Im Gespräch mit der „Tagespost“ erläutert Abteilungsleiter Javier Segura, wie dies in der „Zeit vor dem Coronavirus“ abgelaufen ist: „Am Anfang des Schuljahres melden wir die ,Reise nach Narnia‘ als außerunterrichtliche Veranstaltung des Faches Religion an, das im Land Madrid freiwillig ist. Im Laufe des Schuljahres beschäftigen sich die Schüler unter Anleitung der Lehrer – denen wir über die Homepage www.viajeanarnia.es Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellen – mit einem Buch oder einem der drei Verfilmungen. Der Höhepunkt ist die eigentliche Reise, die an einem Freitag stattfindet.“

Kampf gegen die Hexe

Auf der Homepage zeigen Videos aus den vergangenen Jahrgängen, wie das vor sich geht: Die Schüler – im Jahr 2019 waren es knapp 6 000 Mädchen und Jungen aus 120 verschiedenen Schulen, dazu etwa 500 Lehrer, 180 von ihnen aus dem Fach Religion – „kämpfen“ gegen die Weiße Hexe. Als Austragungsort für die „Schlacht um Narnia“ wird eine historische Stätte, etwa ein Schloss mit dem dazugehörigen Schlosspark ausgesucht, die „irgendwie die magische Narnia-Welt heraufbeschwört“, so Segura. Die Großveranstaltung entwickelt die Handlung aus einem der Narnia-Bücher oder -Filme weiter, wobei „wir unser eigenes Universum erschaffen“, sagt dazu Javier Segura.


„Aber wir möchten den Teilnehmern ebenfalls die Lehren aus der Narnia-Welt vermitteln. Zunächst einmal legen wir ihnen das Bücherlesen nahe. Aber nicht zuletzt möchten wir ihnen auch einige christliche Tugenden beibringen.“ Dass dies auch konkrete Konsequenzen hat, stellt die Aussage des Priesters M. Ángel Ínigo unter Beweis, der in einem Video erklärt: „Ich komme hierher, um Beichte zu hören. Denn die Narnia-Welt führt ja gerade zur Transzendenz und zur Begegnung mit dem Herrn, mit Jesus.“

Eine virtuelle Reise

Wegen der aufgrund der Corona-Pandemie auferlegten Beschränkungen konnte dieses Jahr die „Reise nach Narnia“ nicht in der gewohnten Form stattfinden. „Zu Beginn des Schuljahres“, so der Leiter der Schulabteilung im Bistum Getafe, „hofften wir, dass wir nach dem coronabedingten Ausfall des letzten Jahres wieder eine normale Reise nach Narnia würden anbieten können. Spätestens Weihnachten wurde uns jedoch klar, dass dies nicht möglich sein würde.“

Die Antwort: Eine virtuelle Reise, die den Kindern und Jugendlichen helfen soll, die psychischen Folgen der Coronakrise aufzuarbeiten. „Es wird kaum darüber gesprochen, aber die Pandemie hat für Kinder und Jugendliche verheerende psychische Folgen. Die psychiatrischen Abteilungen in den Krankenhäusern sind überfüllt“, sagt Javier Segura. „Zur Aufarbeitung der Pandemie-Folgen können wir zwar nur einen kleinen Beitrag leisten. Aber wir haben festgestellt, dass die Narnia-Welt dazu helfen kann, sich mit den Auswirkungen des Coronavirus auseinanderzusetzen, vor allem mit der Angst, aber auch mit einem gewissen Individualismus, weil der andere als mögliche Ansteckungsquelle angesehen wird, sowie mit dem affektiv-sozialen Abstand, mit einer Grundtraurigkeit und Apathie.“

Rüstung mit Maske

Dazu haben Javier Segura und seine Mitarbeiter eine doppelte Strategie entwickelt: „Auf der einen Seite arbeiten die Religionslehrer darüber im Unterricht mit den Materialien, die wir ihnen zur Verfügung stellen, etwa mit einer PowerPoint-Präsentation. In den Schulen wird eine Tür aufgebaut, durch die dann die Schüler in Narnia gelangen. Als ,Rüstung‘ für den Kampf gegen die Weiße Hexe, die das Unwort COVID-19 in unsere Welt hineingetragen hat, um sie zu zerstören, tragen sie die T-Shirts und die Nase- und Mundmasken, die wir eigens haben anfertigen lassen. Dabei rufen sie: ,für Aslan‘; sie sprechen jedoch auch den Namen der Person aus, die es ihrer Meinung nach am nötigsten hat.“

„Auf der anderen Seite“, fährt Segura fort, „haben wir Videos aufgenommen, in denen diese Themen angesprochen werden. So widmen sich die Geschwister Pevensie der Einheit. In einem weiteren Video spricht Mr. Tumnus von der Traurigkeit ... Diese Videos sollen den Jugendlichen helfen, mit den psychischen Auswirkungen des Coronavirus umzugehen. Darüber hinaus gibt es auch eine geistliche Komponente, etwa mit dem Video, in dem der Bischof selbst die jungen Leute ermutigt, in ihrem täglichen Leben weiter zu kämpfen.“

Hoffnung auf 25.000 Likes

Durch die Verlegung der „Schlacht um Narnia“ in die virtuelle Welt besteht nun der Kampf darin, 25 000 Likes für ein Video zu bekommen, in dem sich die Weiße Hexe der Herausforderung stellt. „Ich bin mir sicher“, so Segura, „dass die mehr als 6 000 Teilnehmer viele Freunde und Familienmitglieder gewinnen werden, um dieses Ziel zu erreichen, und so für Aslan, den Löwen von Juda, die Weiße Hexe zu besiegen.“

Die „Reise nach Narnia“ begeistert Jahr für Jahr viele Jugendliche aus Getafe. „Sie sind davon fasziniert“, resümiert Javier Segura. „Die meisten kommen jedes Jahr wieder. Und ich weiß sogar von einigen, die sich für das Fach Religion nur anmelden, um nach Narnia kommen zu dürfen.“

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