Ordensspiritualität

Aus den Quellen des Heils

Geistliche Formkraft neu entdecken: Die Hochschule der Deutschen Kapuzinerprovinz in Münster bietet im Internet eine Ringvorlesung zur Ordensspiritualität.

Als Bernhard von Clairvaux mit 30 Freunden und Verwandten ins Kloster Citeaux eintrat war klar: der junge Mann musste etwas entdeckt haben. Niemand setzt sein Leben derart entschieden auf eine Karte und überzeugt auf dem Hinweg zu seinem Ziel so viele andere, wenn er nicht etwas unendlich Wertvolles gefunden hat. Dass Ordenschristen genau dies tun, aus der Quelle des Heils schöpfen, hat Menschen über die Jahrhunderte immer wieder neu fasziniert. Die Quellen ihrer Inspiration zu finden und die Ordensspiritualitäten für heute auszulegen ist der Sinn der Ringvorlesung, die die Philosophisch Theologische Hochschule Münster gestartet hat. Zu sehen ist sie auf dem You Tube-Kanal der kirchlich und staatlich anerkannten Hochschule der Deutschen Kapuzinerprovinz, deren besonderer Lehrschwerpunkt auf der Spiritualität liegt.

Im ersten Vortrag der Reihe sprach Sr. Michaela Puziche OSB von der Abtei Varensell und zugleich Leiterin des Instituts für Benediktinische Studien in Salzburg über die Spiritualität der Benediktusregel. Die Regel, die, wie Sr. Michaela einmal in einem Interview so farbenreich erzählte, zur Zeit ihres Eintritts in den Orden allenfalls als ein mittelalterliches Relikt galt, über das man nachsichtig lächelte, wird heute in ihrer geistlichen Formkraft wieder neu entdeckt und ernst genommen. Tatsächlich orientieren sich sogar nicht wenige Manager an den Charakteristika eines guten Cellerars oder Abtes und auch viele Laien haben die Regula Benedicti, die über Jahrhunderte hinweg das monastische Leben prägte wieder neu entdeckt.

Bei den Zisterziensern ist Re-Formation gelungen

In einem weiteren Beitrag sprach Pater Karl Wallner OCist, Professor für Dogmatik und Sakramententheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz und Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich über „Mittelalterliche Charismatiker in schwarz-weißer Arbeitsuniform“. Die Zisterzienser sind ein Paradebeispiel dafür, wie Re-Formation wirklich gelingen kann, in dem man nämlich zu den Quellen, zum Axiom, zur Grundidee zurückgeht, die im Laufe der Zeit aus jeweils guten Gründen hinzugekommenen Überformungen und Consuetudines, die aufgrund ihres einst vorhandenen nun aber verdunkelten Sinns nicht mehr wirkmächtig sind, abstreift und wieder mit neu entflammter Liebe in die Arme des Herrn zurückkehrt.

Jede Ordensgemeinschaft – und das ist das Faszinierende an dieser entschiedenen Form lebendig gelebten Christseins, hat ihre ganz eigene, ausgeprägte Spiritualität. Darum ist der Blick auf deren unterschiedliche Facetten so bereichernd. Eines schickt sich nicht für alle, aber doch ist, wie der Blick auf die Geschichte der Orden und geistlichen Gemeinschaften zeigt, für jeden etwas dabei.

In Geschwisterlichkeit gelebte Armut

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Sr. M. Elisabeth Bäbler OFS, Franziskanerin von Sießen und Leiterin der dortigen Akademie Kloster Sießen und des Zentrums für franziskanisch motivierte Pädagogik sprach am 3. Mai über die in Geschwisterlichkeit gelebte Armut, jenes Kernmerkmal der Spiritualität der Franziskaner und der franziskanischen Familie. Geschwisterlichkeit ist für die franziskanische Spiritualität deshalb essenziell, weil die Beziehung zur Frau Armut eine in die Gemeinschaft hineinführende und in die Schöpfung hineinwirkende Lebensform ist, die nicht nur den je Einzelnen betrifft oder ihm dient, sondern unmittelbare und mittelbare Wirkungen auf das Gesamt von Kirche und Welt hat.

Sr. M Ancilla Röttger OSC, Äbtissin des Klarissenklosters Münster, Mitarbeiterin in der Katholischen Rundfunkarbeit und Autorin zahlreicher Veröffentlichungen zu Klara von Assisi, fokussierte in ihrem Vortrag von Montag, dem 10. Mai den Aspekt der Freiheit in gelebter Armut. Denn tatsächlich machen, wie der Hype um Entrümpelungsbücher wie das von Marie Kondo zeigt, die vielen überflüssigen Dinge, die man im Laufe eines Lebens anhäuft ja nicht reich, sondern vielmehr unsensibel für die Schönheit des Einen, Notwendigen.

Gesamte Reihe auf YouTube

Die bislang gehaltenen Vorträge sind weiterhin auf Youtube nachhörbar und auch die von nun an bis zum Ende der Reihe im Juli gehaltenen werden im Internet zugänglich bleiben und so einen reichen Schatz bilden, aus dem der interessierte Hörer Altes und Neues hervorholen kann.

Am 17. Mai wird Thomas Gabriel OP, Provinzial der süddeutsch-österreichischen Dominikanerprovinz vom heiligen Albert und Leiter des Projekt „Schola Cordis. Schule christlicher Spiritualität in Wien über die Spiritualität des Dominikanerordens sprechen. Sein Thema „Gott an den Bruchlinien“ verweist auf das schon im 13. Jahrhundert notwendige „an die Ränder der Gesellschaft gehen“ und die Kernaufgabe der Verkündigung, der sich Dominikus und seine Mitbrüder verschrieben.

Der Vortrag der Ringvorlesung am 31. Mai widmet sich der für unsere Zeit so notwendigen geistlichen Grundhaltung des Schweigens. Pater Reinhard Körner, Leiter des Exerzitienwerkes des Teresianischen Karmels in Deutschland spricht zum Thema: „In der Gegenwart Gottes leben“.

„Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit“ ist der Vortrag von Pater Willy Lambert SJ vom Exerzitienhaus Dresden-Hoheneichen überschrieben, der die Spiritualität der Gesellschaft Jesu für heute erschließt.

Keine Strukturdebatte konnte Sinnsuche beseitigen

„Ich will euch zeitlich und ewig glücklich sehen“ ist ein Wort Don Boscos, des Gründers des Salesianerordens. Dessen geistliche Grundhaltung der stillen Fröhlichkeit zeigt Pater Reinhard Gesing SDB, Provinzial der Salesianer Don Boscos und Leiter des Instituts für Salesianische Spiritualität der Salesianer Don Boscos in München auf.

Am Montag, den 21. Juni erreicht die Ringvorlesung, in der nicht nur die Spiritualität der Orden vermittelt, sondern zugleich auch deren Entwicklungsgeschichte nachgezeichnet wird die neuen geistlichen Gemeinschaften. „Im Herzen Gottes – im Herzen der Städte ist der Titel des Vortrags von Bruder Christian Weyer, Prior-Administrator der Brüder der Monastischen Gemeinschaften von Jerusalem aus Köln und der Koreferentin Schwester Edith Kürpick, der Kölner Priorin dieser neuen geistlichen Gemeinschaft, die so viele junge Menschen wieder an die Tagzeitenliturgie herangeführt hat.

„Jesus im Nächsten erkennen“ ist das Kernthema der Spiritualität der Missionarinnen der Nächstenliebe. Ihre performative Kraft stellt Sr. Lumen MC von der Essener Niederlassung der Missionaries of Charity in ihrem Vortrag „Mich dürstet!“ – „Das habt ihr mir getan!“ vor.

Quellen der Inspiration

Die Summe dieser interessanten und wegweisenden Ringvorlesung zieht am Montag, den 5. Juli Pater Ludger Schulte, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte und Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster in seinem Vortrag „Quellen der Inspiration. Ordensspiritualitäten und ihre Bedeutung für heute.“

Die notwendige Neuentdeckung dieses reichen Reservoirs und das steigende Interesse am Thema Ordensspiritualitäten ist vor allem der durch keine Strukturdebatte zu stillenden Sehnsucht nach Sinn geschuldet, die unsere Gesellschaft so spürbar umtreibt und, angesichts fehlender Wegweisung durch weise Hirten, vielfach in die Irre führt. Umso wichtiger ist dieses allgemein zugängliche Ringvorlesungsangebot.

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