Zukunft aus Holz und Perlmutt

Das christlich-palästinensische Kunsthandwerk steht vor wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Produkte sind hochwertig, aber teuer. Zu Besuch in einem Souvenirladen in Betlehem. Von TIll Magnus Steiner
"Jede Arbeit hat ihren Preis": Ein Holzschnitzer in der Werkstatt
Foto: Foto: | „Jede Arbeit hat ihren Preis“: Ein Holzschnitzer in der Werkstatt.Steiner

Rony Tabash spricht gerade am Telefon mit einem Kunden in den USA, als ich seinen Souvenirladen in Betlehem betrete, und ein palästinensischer Diplomat erledigt seine Weihnachtseinkäufe. 1927 hatte Ronys Großvater dieses Geschäft auf dem großen Platz vor der Geburtskirche eröffnet. Die Vitrinen stammen noch aus jener Zeit, als die Briten nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches die herrschende Macht waren. Ronys Vater, Epifanio, der seit 52 Jahren in dem Laden arbeitet, betont den Charme der nostalgischen Einrichtung, während er seine Hand über das verkratzte Holz fahren lässt.

Franziskaner spezialisierten die Ausbildung

Eigentlich bin ich mit seinem Sohn zu einem Interview verabredet, aber er beginnt direkt über die Geschichte seiner Familie zu erzählen und kommt dann zu dem Schluss: „Vielleicht haben meine Enkel woanders in der Welt Chancen auf ein besseres, friedlicheres Leben.“ In diesem Moment schaltet Rony ein Video an, das ich mir anschauen soll. In voller Lautstärke erklingt die palästinensische Nationalhymne, die er 2014 für Papst Franziskus gesungen hat. Als die letzten Töne verklungen sind, sagt er, wie stolz er sei, als christlicher Palästinenser direkt neben der Geburtskirche leben und arbeiten zu dürfen. Als Antwort auf die Worte seines Vaters fügt er hinzu: „Unser Auftrag ist es, hier zu bleiben, Liebe zu verbreiten und jeden hierher einzuladen – nicht nur um Geschäfte zu machen –, sondern um die Steine des Landes und auch die lebendigen Steine zu sehen. Wir sind eine Botschaft für die gesamte Welt.“ Mit diesen Worten beschreibt er seine Selbstbezeichnung als „Soldat des Heiligen Landes“.

Vierzig Familien, von denen manche bereits seit vierzig Jahren für die Familie Tabash arbeiten, sind wirtschaftlich abhängig von dem kleinen Souvenirladen. Rony ist stolz darauf, dass er nicht nur billige, in China gefertigte Souvenirs aus Olivenholz und Perlmutt verkauft, sondern das christlich-palästinensische Kunsthandwerk unterstützt. Betlehem ist bekannt für seine Olivenholzschnitzereien und Perlmuttverarbeitung, die sich seit dem 15. und 16 Jahrhundert zu einem wichtigen lokalen Wirtschaftszweig entwickelten. Italienische Franziskaner professionalisierten und spezialisierten die Ausbildung lokaler Kunsthandwerker, sowohl für die Arbeiten in den Kirchen und Klöstern als auch um Souvenirs für den ständig ansteigenden Strom von Pilgern herstellen zu lassen. Während anfangs Perlmutt noch aus dem Roten Meer nach Betlehem zu Verarbeitung gebracht wurde, wird es heute vor allem aus Australien importiert.

Rony verkauft in seinem Laden zum Beispiel sowohl in China maschinell in großen Fabriken gefertigte kleine Jerusalem-Kreuze aus Perlmutt als auch in privaten Häusern ganz in der Nähe seines Ladens in Handarbeit geschliffene. „Für das Geschäft sind große Fabriken besser“, erklärt er, indem er auf die Preisschilder zeigt. Die chinesische Ware kann er zum halben Preis des Produkts aus Betlehem verkaufen. „Aber so zerstören wir unsere Kultur.“ Er verstehe, dass viele Pilger die billigere Variante kaufen, aber es sei ihm persönlich wichtig, jedem seiner Kunden zu erklären, woher welches Souvenir stammt. Um dies zu belegen, greift er nach zwei auf den ersten Blick fast identischen Rosenkränzen. Den deutlich teureren lässt er zwischen seinen Fingern wandern: „Das ist eine sehr gute Arbeit einer Familie, die die Perlen seit Generationen wenige Meter von hier in ihrem eigenen Haus schnitzen. Es geht eben nicht nur darum, dass mein Geschäft gut läuft“, und mit dramatischem Ton fügt er hinzu, „sondern es geht um die Zukunft der Christen hier.“

Die Zukunft des christlich-palästinensischen Kunsthandwerkers ist sowohl ein Generationenproblem als auch eine wirtschaftliche Frage. Die Zahl der Olivenholzschnitzer in Betlehem nimmt seit Jahren stetig ab. Wenige Meter von Ronys Souvenirladen haben die Franziskaner des Heiligen Landes ein Ausbildungszentrum eingerichtet. Anfangs wurde hier die kunsthandwerkliche Verarbeitung von Olivenholz und Perlmutt nur gelehrt. „Aber es zeigte sich, dass die Auszubildenden keine Arbeit fanden“, erklärt der Leiter der Einrichtung, Samer Baboun. „Heute bilden wir aus, aber wir produzieren auch. Jeder, der gewillt ist zu lernen und zu arbeiten, kann zu uns kommen – und wenn er oder sie sich zu stetiger Arbeit verpflichtet, bilden wir ihn oder sie direkt aus.“ Die Ausgebildeten können die Werkstätten täglich zwischen 8 Uhr morgens und 20 Uhr abends nutzen und werden pro hergestelltes Produkt fair bezahlt. Das ist Samer besonders wichtig: „Jede Arbeit hat ihren Preis. Es kann nicht sein, dass zum Beispiel Holzschnitzer ihre Produkte an die Souvenirläden mit Verlust verkaufen müssen, weil dies die Regeln des Marktes sein sollen.“

Dementsprechend werden die hier hergestellten Figuren, Kreuze, Schalen und vieles mehr zu deutlich teureren Preisen den Läden angeboten. Dies habe den Markt verändert, meint Samer und erzählt, dass die selbstständig arbeitenden Holzschnitzer in Beit Sahour, einer Kleinstadt östlich von Betlehem, als Reaktion ebenso ihre Preise erhöht haben. Samer führt mich durch die drei Abteilungen der Einrichtungen. Ich sehe, wie aus einem Stück Holz eine Figur Jesu als Hirte entsteht und eine Darstellung der Begegnung des Heiligen Franziskus mit Sultan Al-Kamil. Musikhörend schleift jemand ein Stück Perlmutt. Aus Ton modelliert eine taube Frau das alte Stadttor Betlehems. Momentan arbeiten täglich 25 Personen in der Einrichtung und es gibt Kapazitäten für insgesamt 50 Kunsthandwerker. Sie reproduzieren nicht nur die klassischen Motive, sondern kreieren auch neue Darstellungsweisen mit neuen Materialien. Zugleich restaurieren sie alte Kunstschätze wie zum Beispiel momentan ein detailgetreues Modell der Grabeskirche aus Perlmutt, das vermutlich in den 1930ern entstanden ist.

Es geht um die Zukunft der Christen und ihrer Kultur

Ob das christlich-palästinensische Kunsthandwerk in den kommenden Generationen gepflegt werden wird und überlebt, liegt weder allein in den Händen von Rony noch von Samer. Rony lacht und sagt, als er Samer sieht: „Er ist noch teurer als ich es schon bin.“ Beide verstehen sich aber nicht als Konkurrenten, sondern suchen gemeinsam als Katholiken in Betlehem eine Antwort auf die Frage, wie die Christen, ihre Kultur und ihr Kunsthandwerk eine Zukunft haben können.

Weitere Artikel
Novalis: Friedrich von Hardenberg
Abendland

Novalis: Aufruf zur kulturellen Erneuerung Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

Spott und Hohn, selbst und gerade von Freunden, waren die Folge: Novalis wollte die christlichen Ursprünge wiederbeleben und so die kulturelle Erneuerung zur Einung Europas vorantreiben.
29.03.2021, 19  Uhr
Herman Mchedeli
Themen & Autoren
Bethlehem Einrichtungen Franziskaner Jesus Christus Kunsthandwerker Nostalgie Papst Franziskus

Kirche

Kardinal Rainer Maria Woelki
Köln

+++EILMELDUNG+++ Woelki bleibt im Amt Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

Nach Information der Wochenzeitung "Die Zeit" belässt Papst Franziskus den Kölner Kardinal im Amt. Er soll jedoch eine Bedenkzeit von mehreren Monaten nehmen.
24.09.2021, 10 Uhr
Meldung