Berlin

„Wohnen ist ein Grundrecht“

Die Wohnungsnot in der Hauptstadt bringt „sozialen Sprengstoff“: Wie sich der Berliner Caritas-Mitarbeiter Kai-Gerrit Venske für sozial schwache Menschen einsetzt.
Kai-Gerrit Venske
Foto: Wetzler/Caritas | Engagement für die Schwachen: Kai-Gerrit Venske.

Ein Anblick, der für Berlin typisch war, ist seit März fast völlig aus dem Stadtbild verschwunden: Wohnungssuchende, die vor einem Mietshaus Schlange standen, um ihre vielleicht zukünftige Bleibe zu besichtigen. Bei Terminen für Wohnungsbesichtigungen drängelten sich vor der Pandemie oft Dutzende Menschen auf dem Bürgersteig. Vom türkischstämmigen Paar mit Kind über die schwedische Künstlerin bis hin zu deutschen Studierenden mit dem Wunsch, eine Wohngemeinschaft zu gründen, war alles dabei.

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Der Berliner Wohnungsmarkt wird diesem Ansturm seit Jahren kaum mehr gerecht. Seit 2012 sind laut Landesamt für Statistik jedes Jahr rund 180 000 Menschen in die Hauptstadt gezogen. Die Mieten steigen und haben ein Niveau erreicht, das man aus Frankfurt am Main und München kennt. Doch das Durchschnittseinkommen der Berliner kann mit dem in diesen Städten nicht mithalten. So kommt es, dass wohlhabende Käufer von Eigentumswohnungen, oft aus dem Ausland, sozial schwache Menschen aus der Stadt verdrängen.

Diese Entwicklung bereitet Kai-Gerrit Venske schon seit längerem Sorgen. Der 55-jährige evangelische Theologe ist Fachreferent der Berliner Caritas für Wohnungslosenhilfe, Existenzhilfe und Straffälligenhilfe. Der katholische Wohlfahrtsverband bietet diesen Personengruppen überall in der Stadt Beratungen an, die Venske koordiniert. Er befürchtet, dass die Wohnungsnot „sozialen Sprengstoff“ mit sich bringt.

Wohnungsmarkt in Corona-Zeiten

Zwei Faktoren, die den Wohnungsmarkt 2020 verändert haben, treffen sozial schwache Menschen besonders: Das ist zum einen die Pandemie. „Wohnungsbesichtigungen vor Ort finden kaum noch statt“, nennt Venske eine Folge. Oft müssen Menschen einen Mietvertrag unterzeichnen, ohne die Räume vorher gesehen zu haben. Erst nach der Unterschrift bekommen sie den Schlüssel ausgehändigt, haben dann aber 14 Tage Zeit, von dem Vertrag zurückzutreten. Wer zum Beispiel wegen Schulden einen SCHUFA-Eintrag hat, hatte vor Corona meistens noch die Chance, dem potenziellen Vermieter persönlich zu erklären, wie es dazu kam. Mit Charme und etwas Glück erhielt er vielleicht trotzdem noch einen Mietvertrag. Inzwischen, erzählt Venske, haben sozial schwache Menschen fast keine Gelegenheit mehr, Vermieter zu treffen.

Der andere Faktor ist das Gesetz zur Neuregelung gesetzlicher Vorschriften zur Mietenbegrenzung, wie der Berliner Mietendeckel offiziell heißt. Das Gesetz teilt Wohnraum in zwölf Kategorien ein und legt für die nächsten fünf Jahre eine Mietobergrenze zwischen 3, 92 und 9, 80 Euro pro Quadratmeter fest. Das ist umstritten. Manche Vermieter behaupten, dass sie nun nicht mehr genug Geld für anstehende Reparaturen hätten. Kai-Gerrit Venske hält den Mietendeckel hingegen für einen „ernsthaften Versuch, einer aus dem Lot geratenen Entwicklung Einhalt zu gebieten und Zeit für wirksame Schritte zur Beruhigung des hochangespannten Berliner Wohnungsmarktes und zum Erhalt von Wohnraum für Menschen mit niedrigem und mittleren Einkommen zu gewinnen.“

Ein Drittel der Einwohner mit ausländischen Wurzeln

Der verheiratete Familienvater hat sein Büro in einem Caritas-Gebäude im Ortsteil Wedding, wo ein Drittel der Einwohner ausländische Wurzeln hat, Tendenz steigend. Die vielen türkischstämmigen Familien verfügen oft über wenig Geld. Sie sind das klassische Klientel in den Caritas-Beratungsstellen. Deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprechen neben Deutsch und Englisch oft noch Türkisch, Russisch, Polnisch und andere Sprachen. Sie unterstützen Menschen, denen der Rauswurf aus ihrer Wohnung droht oder die kaum eine Chance haben, bei der Wohnungsvergabe berücksichtigt zu werden. Viele dieser Klienten haben Schwierigkeiten mit der deutschen Schriftsprache – übrigens nicht nur Migranten, sondern auch Deutsche ohne Schulabschluss. Wegen der Pandemie gibt es allerdings noch mehr Schriftverkehr als vorher. Vermieter erwarten, dass Wohnungssuchende im Internet Formulare ausfüllen und auf Mails und SMS reagieren.

Nach Beginn der Coronakrise trat in Berlin eine Verordnung in Kraft, nach der es bis Juni eigentlich keine Zwangsräumungen hätte geben dürfen. „Doch es gab sehr wohl Räumungen – oft aus den klassischen Gründen: Alkohol und Lärm“, sagt Kai-Gerrit Venske. „In einigen Bezirken nehmen sie jetzt sogar wieder zu.“ Er kritisiert das. Wohnen sei ein Grundrecht, obwohl es so nicht explizit im Grundgesetz steht. Venske fordert, dass in der Hauptstadt mehr Wohnungen gebaut werden, „und zwar bezahlbare und nicht nur in irgendwelchen Luxussegmenten“. Zudem müssten ausreichend Notunterkünfte bereitstehen, auch für Menschen ohne deutschen Pass.

Nur neun Prozent Katholiken

Der Mann mit den ostdeutschen Wurzeln wirkte nach der Wende am Aufbau demokratischer Strukturen im Land Brandenburg mit. 1992 baute er als Caritas-Mitarbeiter eine Suchtberatungsstelle in Berlin-Mitte auf. Er ergänzte das Theologie-Examen mit einem Master in Gesundheits- und Sozialmanagement. Es folgten Leitungstätigkeiten „an der Schnittstelle von Sucht- und Wohnungslosenhilfe“, wie er es nennt. In seiner Freizeit spielt er Klarinette in einem Laienorchester und Schach in einem Amateurklub.

Als evangelischer Christ fühlt sich Kai-Gerrit Venske beim katholischen Arbeitgeber wohl. Eine Ausnahme ist er keineswegs: Die Caritas beschäftigt in Berlin, wo die Katholiken mit neun Prozent der Bevölkerung eine Minderheit sind, viele Menschen anderen Glaubens. Das Kreuz, das in den Caritas-Beratungsstellen hängt, wirkt wie ein trotziges Aufbegehren in einer Stadt, deren Bewohner immer weniger mit dem christlichen Gott zu tun haben wollen.

„Ich fühle mich der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet." Kai-Gerrit Venske

Venske ist ein Mann, der nachdenkt, bevor er redet, und dann deutliche Worte findet. Fragt man ihn nach den Beweggründen für seinen beruflichen Tatendrang, wird er grundsätzlich und formuliert Sätze wie ein Politiker. Er spricht von seinem Ärger darüber, dass „in einem so reichen Land eine solche Zunahme von Wohnungsnot zu verzeichnen ist. Ich fühle mich der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet und bin mir dessen bewusst, dass die Bewältigung dieser Menschheitsaufgabe und ein Leben in Liebe und Freiheit nur möglich sind, wenn gleichzeitig die sozialen Fragen einer weltweiten Lösung zugeführt werden.“

Die Kommunikation ist schwieriger geworden

Er erzählt von Geringverdienern, die in vielfacher Hinsicht unter der Krise leiden: Weil Behörden wegen Corona schwer erreichbar sind, haben sie Schwierigkeiten, eine Zusage zu erhalten, dass das Amt die Mietkosten übernimmt. Oder sie können kein neues Personaldokument beantragen, das sie aber benötigen, um einen Mietvertrag abzuschließen. Aus den Caritas-Beratungsstellen ist außerdem zu hören, dass die Pandemie Menschen, die seit Jahren mit Suchtproblemen zu kämpfen haben, in ihre schlechten alten Routinen zurückwirft. Stress und Angst mit Alkohol und Drogen zu bekämpfen, das sind sie ja leider gewohnt.

Früher konnten Menschen während der Öffnungszeiten in den Caritas-Beratungsstellen einfach so vorbeischauen. Wegen der Hygieneregeln müssen sie jetzt einen Termin buchen oder können sich telefonisch beraten lassen. So steigt ihre Chance auf eine Wohnung wenigstens ein bisschen. Denn, so Kai-Gerrit Venske, wer nicht ins Raster passt, wird von Vermietern rasch aussortiert: „Vieles wird nach Aktenlage und Gutdünken entschieden, also letztlich auch intransparent.“

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