Wo Weihnachten nicht stattfindet

Am Fuß des Mount Meru in Tansania liegt das Waisenhaus von Nkoaranga. Zwei freiwillige Helferinnen aus Bayern unterstützen die Schwestern bei der Betreuung der achtundzwanzig Kinder – und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Von Peter Beyer
Foto: Beyer | Sarah füttert die Kleinen mit Kartoffelbrei. Später verteilt sie Pfeffernüsse, die sie von zu Hause zugeschickt bekommen hat.
Foto: Beyer | Sarah füttert die Kleinen mit Kartoffelbrei. Später verteilt sie Pfeffernüsse, die sie von zu Hause zugeschickt bekommen hat.

Nur ein kleiner, einsamer Papierstern an der Decke des großen Raums zeugt von dem großen Fest, das in wenigen Tagen überall in der christlichen Welt gefeiert wird. Unter dem Stern spielen, essen, lachen und weinen die Kinder des Waisenhauses Nkoaranga. Aber von Weihnachten wissen sie noch nichts. Am wenigsten das jüngste von ihnen, der kleine Ebeneza, der im Alter von nur vier Stunden hierher gebracht wurde, nachdem seine Mutter im Krankenhaus nebenan während seiner Geburt gestorben war.

In einem Häuschen nur wenige Meter entfernt weihnachtet es dagegen sehr. Drei der vier Kerzen sind an dem Adventskranz bereits heruntergebrannt, den Nora und Sarah sich in ihrer Wohnung auf den Couchtisch gestellt haben. Daneben steht eine kleine Schüssel mit selbstgemachten Keksen. Statt in ihren Heimatstädten München und Hof verbringen die jungen Deutschen die Weihnachtszeit in Tansania, einem der ärmsten Länder der Welt. Nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern ein ganzes Jahr lang helfen sie als „Weltwärts“-Freiwillige im Waisenhaus Nkoaranga bei der Betreuung der Kinder. An diesen Ort geführt hat sie die Neugier auf eine andere, fremde Kultur. Und deren Wirklichkeit ist zuweilen hart. „Die Familienverhältnisse der Kinder sind manchmal schon katastrophal“, erzählt Sarah. Tatsächlich landen einige Kinder hier, weil sie überhaupt keine Familie mehr haben. Bei anderen kann oder mag ihre Restfamilie sich den ständigen Kauf von Milch nicht leisten. „In den ganz harten Fällen setzen sich die Mamas dafür ein, dass die Kinder ins Internat kommen und nicht zurück nach Hause, wo sie als kostenlose Arbeitskraft oder gar sexuell missbraucht werden“, fährt sie mit leiser Stimme fort. Die Mamas, das sind die hauptberuflichen Schwestern, die sich in drei Schichten rund um die Uhr um ihre vierzig Schützlinge kümmern.

Noras und Sarahs Tag beginnt um acht mit einem gemeinsamen Gebet und anschließender Besprechung im Kreis ihrer Kollegen und Vorgesetzten. Um zwölf ist Mittagspause, dann geht es noch einmal von halb drei bis fünf Uhr an die Arbeit. Die ist anstrengend, körperlich, aber auch mental, da ihre kleinen Schützlinge die beiden ständig fordern und beanspruchen. „Am Anfang war ich immer schon um acht Uhr abends im Bett“, erinnert sich Nora, „und das, obwohl ich ausgiebig Mittagsschlaf gehalten hatte. Manche Tage sind schon krass.“ Doch wenn sie morgens die Tür zum Waisenhaus aufmachen und ihnen ein vielstimmiges: „Oh Nora! Oh Sarah!“ entgegenschallt, ist dies für die jungen Bayerinnen täglicher Beweis dafür, dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben. Auch wenn sie am Anfang erst einmal Wickeln mit Stoffwindeln lernen mussten. Und natürlich die fremde Sprache, denn wer sich bei kleinen Rabauken Gehör und Respekt verschaffen möchte, muss von ihnen verstanden werden. Also drückten die beiden frischgebackenen Abiturientinnen nach ihrer Ankunft in Tansania gleich noch einmal die Schulbank und büffelten Suaheli. Damit der Wortschatz erhalten bleibt, haben sie sich in ihrer Wohnung Vokabeln auf kleinen Zetteln an die Wände geheftet. Überhaupt, die Wohnung. Sie ist der einzige Luxus im Leben von Nora und Sarah. Vier kleine Zimmer nennen sie ihr eigen, an deren Wänden ringsum Fotos von den Lieben daheim prangen. Und am Wohnzimmerfenster hängt ein Adventskalender der besonderen Art: Das hierzulande allgegenwärtige Improvisieren muss auf die beiden Neu-Afrikanerinnen abgefärbt haben, anders lassen sich die Toilettenpapier-Kartonrollen nicht erklären, die zu Kalendertürchen umfunktioniert wurden. Vor kurzem erblickte eine der Mamas ihr weihnachtlich inspiriertes Kunstwerk und sprach ihre weißen Helferinnen darauf an. Als sie von dem Adventsbrauch erfuhr, beschloss sie spontan, allen Waisenkindern bis zum Heiligabend jeden Tag einen Keks zu überreichen, „so wie bei eurem Adventskalender!“

Nach der ebenso freudigen wie lautstarken Begrüßung durch die Kinder von Nkoaranga geht es für die beiden „Weltwärts“-Freiwilligen damit weiter, dass sie ihre Schützlinge waschen, wickeln und ankleiden. Eigene Kleider besitzt keines der derzeit achtundzwanzig Waisen, sodass sich Nora und Sarah aus dem riesigen Stapel Hosen, Hemden, Schuhen und Strümpfen bedienen, der sich auf den Regalen im Flur türmt. Wenig später herrscht im Spiel- und Esssaal der ganz normale Wahnsinn. Ein Kind kurvt auf einem roten Bobbycar herum, andere krabbeln, kriechen, robben durch die Gegend, wieder andere liegen einfach nur da und warten, stumm oder lautstark auf sich aufmerksam machend, auf Zuwendung. Mitten im Getümmel hebt Nora einen Zwerg nach dem anderen an den ausgestreckten Händen empor, schwenkt ihn hin und her oder drückt ihn einfach nur an sich. Es ist eine Herausforderung, in diesem Tohuwabohu den Überblick zu bewahren und keines der Kinder aus den Augen zu verlieren oder gar zu vergessen. Zum Beispiel Simoni. „Den haben wir wirklich mal versehentlich eine Stunde länger in seinem Bett liegen lassen, statt ihn zu füttern, aber der ist ganz geduldig, wirklich ein Lieber!“ Geduld hat der Junge in seinem kurzen Leben schon viel aufbringen müssen, denn er leidet seit seiner Geburt an einer Hüftgelenkserkrankung, hat viel später laufen gelernt als alle anderen in seinem Alter. Zu sehen, wie Simoni sich endlich aufrappelte und nicht mehr länger kroch und krabbelte, sondern auf eigenen Füßen watschelnd, aber stolz seine kleine Welt erforschte, zählt für Sarah zu den bisher schönsten Momenten in Nkoaranga.

Loveness, das Mädchen, das hier als einzige ihr Haar lang tragen darf, ist auch so ein Fall. Um der kleinen Schönheit immer wieder eine kunstvolle Frisur zu flechten, opfern die Schwestern sogar gerne ihre Zeit. Denn sie alle verbindet mit Loveness ein besonderes Erlebnis: Die Kleine entging vor einiger Zeit nur knapp dem Tod. Ein Kurzschluss hatte im Schlafsaal einen Brand ausgelöst, eine Schwester und zwei Kinder konnten sich retten, bevor der Qualm immer dichter wurde. Nur auf Verdacht schaute eines der älteren Kinder noch einmal in das verräucherte Zimmer hinein, stieß auf Loveness' Bett – und in diesem auf das kleine Mädchen mit dem großen Schutzengel.

Mittlerweile ist Essenszeit in Nkoaranga. Heute steht Kartoffelbrei auf dem Speiseplan, den mögen sie hier alle. Vier von den ganz Kleinen werden in die dafür vorgesehenen Ausbuchtungen des großen Esstisches verpflanzt, und im Wechsel löffeln Nora und Sarah ihnen den Brei in die Schnute, Lätzchen gibt es keine, das geht hier auch ohne.

Weihnachten findet hier im Waisenhaus nicht statt. Stattdessen wird die leitende Schwester, Mama Pendo, zum Fest drei Kinder mit zu sich nach Hause nehmen. Und die anderen? Immerhin haben Nora und Sarah „ihren“ Kindern bereits ein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk gemacht. Auf eigene Kosten haben sie Simoni, Loveness und die ganze Rasselbande zu einem Ausflug in den Tierpark eingeladen.

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