„Wir wollen lebendige Steine“

Schwester Maria Grech leitet seit 2004 das Franziskanische Familienzentrum in Bethlehem. Von Johannes Zang
Foto: dpa | Statt Steine werfen, Steine aufeinander schichten – das ist das Ziel von Schwester Maria Grech für die Jugend von Bethlehem.
Foto: dpa | Statt Steine werfen, Steine aufeinander schichten – das ist das Ziel von Schwester Maria Grech für die Jugend von Bethlehem.

Die israelische Besatzungspolitik hat Folgen bis in die eigenen vier Wände palästinensischer Familien: Davon erzählt Schwester Maria Grech im Franziskanischen Familienzentrum in Bethlehems Milchgrottengasse mit ruhiger, klarer Stimme. Die aus Malta stammende Ordensfrau lebt seit etwa 25 Jahren in der Geburtsstadt Jesu. Die dortige Not skizziert die Mittsechzigerin so: Aufgrund der israelischen Sperrmauer und Kontrollpunkten samt dem System der Passierscheine können viele Männer ihre früheren, vergleichsweise gut bezahlten Arbeitsstätten in Israel nicht mehr erreichen. In Bethlehem finden sie entweder gar keine Arbeit, nur schlecht bezahlte oder eine als Tagelöhner.

Die Folgen können weit reichen: Jungvermählte palästinensische Christen zum Beispiel können sich oft keine eigene Wohnung leisten und sehen sich gezwungen, ins Elternhaus des Mannes zu ziehen. Dort haben sie lediglich ein eigenes Schlafzimmer; Bad und Küche müssen geteilt werden. Über kurz oder lang komme es so zu Konflikten, erzählt Schwester Maria, vor allem zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, worauf nicht selten letztere Hilfe bei ihr suche. Sie, die ausländische Nonne und ausgebildete Mediatorin gilt als neutral und vertrauenswürdig.

Neben Eheberatung und Mediation bietet sie dank vieler Spenden aus dem Ausland auch ganz praktische Hilfe an: Das Arbeitsbeschaffungsprogramm, das sie mithilfe einer Sekretärin und einem Ingenieur umsetzt. Jährlich erhalten so 15 bis 20 ausgebildete oder angelernte Handwerker aus armen Familien Arbeit. Sie renovieren beispielsweise unter Feuchtigkeit leidende Altbauten oder erstellen einen Anbau, etwa ein eigenes Bad oder eine eigene Küche für junge Ehepaare im Haus der Eltern oder Schwiegereltern. „Viele Familien versichern, sie führten jetzt ein neues Leben“, erzählt Schwester Maria. Und den Handwerkern gäbe die Arbeit ihre „Würde zurück“ und ermutige sie, „im Land zu bleiben und nicht auszuwandern“. Das gilt auch für die, die in den Genuss einer Renovierungsmaßnahme oder eines Anbaus kommen. „Wir wollen lebendige Steine in Bethlehem und nicht nur Steine“, erklärt Schwester Maria und meint damit die kleine Christenschar, die in den letzten 25 Jahren spürbar geschrumpft ist.

Doch die emsige, stets zivil gekleidete Ordensfrau hat noch weitere Aufgaben. Ihr Ordenshaus hat sie zu einem Jungeninternat umbauen lassen, in dem werktags etwa 30 Jungen aus armen oder zerrütteten Familien betreut werden. Zweimal im Jahr bietet Schwester Maria zudem Ehevorbereitungskurse an, die aus elf Sitzungen bestehen. Kürzlich kamen jung verheiratete Frauen zu ihr und meinten: „Schwester, was sie uns beim Eheseminar erzählt haben, war richtig, aber das wirkliche Leben geht erst nach der Hochzeit los und ist anders, als wir uns das vorgestellt haben.“

Die Lage bleibt extrem unberechenbar

Seitdem trifft sie sich wöchentlich mit jungen Frauen zum Bibelstudium und Gespräch. Gelegentlich besuchen sie zusammen auch die heiligen Stätten in Jerusalem oder Galiläa – israelischer Passierschein vorausgesetzt –, was für viele der Frauen Neuland ist.

In der Rückschau auf das vergangene Jahr bekennt Schwester Maria „schweren Herzens“, dass die Lage im Besetzten Palästinensischen Gebiet, vor allem seit der jüngsten Gewaltwelle im West-Jordanland, dem Gaza-Streifen und Ost-Jerusalem „extrem unberechenbar bleibt“. Als Folgen von Besatzung, Blockadepolitik und politischer Instabilität nennt die Nonne Stromausfall, eine sich verschlechternde Wasserversorgung und die steigende Arbeitslosenrate, „die zu den höchsten weltweit zählt“. Für Bethlehem selbst beträgt sie 24 Prozent, im Gaza-Streifen ist sie deutlich höher. Dass dort den Menschen eine Perspektive fehlt, sieht Schwester Maria mit großer Sorge und als „echtes Risiko für Radikalisierung“.

Die blutigen Ereignisse der letzten Monate haben sich katastrophal auf die „noch verbliebenen Einkommensquellen im Heiligen Land ausgewirkt“: auf die Tourismusbranche. Von dieser leben, gerade in Bethlehem, viele christliche Familien: Als Hoteliers, Gastwirte, Kunsthandwerker oder Souvenirhändler. „Trotzdem kämpfen wir im Franziskanischen Familienzentrum dafür, einen Geist der Hoffnung und Solidarität aufrechtzuerhalten.“ Hoffnung hat Schwester Maria auch dreizehn sehr armen Familien gegeben, die nun dank der Job Creation – House Renovation-Initiative in einem menschenwürdigen Zuhause den mitunter bitterkalten Winter leichter ertragen können. Den jungen Männern, die solide Arbeit geleistet hätten, habe das Projekt „persönliche Würde“ verliehen.

Dank großzügiger Spenden konnten zudem 110 Schülerinnen und Schüler kirchliche Grund- und weiterführende Schulen besuchen – ihnen blieb der Besuch der unbeliebten, überfüllten und leider nicht anspruchsvollen palästinensischen Regierungsschulen erspart. Außerdem konnte Schwester Maria sieben Universitätsstudenten eine finanzielle Unterstützung zukommen lassen. Ohne die großzügige Unterstützung aus dem Ausland wäre all dies, bekennt Schwester Maria, nicht möglich; sie hofft, dass der Spendenfluss nicht versiegt, damit neue Ziele in Angriff genommen werden können, denn Ideen habe sie noch viele. „Es liegt in Ihrer Hand, ob dies wahr werden kann. Es ist äußerst wichtig, dass Sie sich entscheiden zu handeln.“

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