„Wir weigern uns, Feinde zu sein“

Der palästinensische Christ und Friedensaktivist Daoud Nassar kämpft um ein Stück Land im Westjordanland

Daoud Nassar ist palästinensischer Christ. Seit Jahren kämpft er gegen radikale israelische Siedler und die israelische Militärbehörde um sein 42 Hektar großes Grundstück bei Bethlehem, das zu Ehren des Großvaters nur Dahers Weinberg heißt. Was Daoud Nassar zum Verhängnis wurde, ist zweierlei: Israel hat das Land nicht nur zu Staatsland erklärt, sondern seit dem Oslo-II-Abkommen von 1995 liegt es im sogenannten C-Gebiet des palästinensischen West-Jordanlandes, in dem Israel bis heute das alleinige Sagen hat. Johannes Zang hat den Michael-Sattler-Friedenspreisträger, der zurzeit auf Vortragsreise in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist, getroffen.

Können Sie uns kurz die Hintergründe dieses Landstreites erklären?

Mein Großvater hat 1916 das Land gekauft. Viele Grundstücke wurden während der osmanischen Zeit von 1517 bis 1917 nicht registriert. Wir haben Glück, dass mein Großvater 42 Hektar Land registriert hat. Viele Familien wollten das Land nicht registrieren lassen, damit sie keine Grundsteuer an die Osmanen bezahlen. Aus dieser Zeit stammt das Gesetz: Wenn ein Grundstück zwischen fünf und zehn Jahren unbebaut bleibt, gehört es dem Sultan.

Die Folgen dieses Gesetzes spüren Sie noch heute...

Seit 1967 macht Israel Luftaufnahmen. Es wurde gesagt, wenn ein Grundstück mehr als fünf Jahre nicht kultiviert ist, gehört es dem Staat. Das war auch unser Fall hier. Im Jahr 1991 hat Israel das ganze Gebiet als Staatsland erklärt. Das heißt, dass das Land keinen Besitzer hat. Wir sind die einzige Familie hier, die Dokumente hat. Die Israelis waren schockiert, Papiere zu sehen. Seitdem läuft der Prozess vor dem Militärgericht, und seit 2001 vor dem Obersten Gericht.

Warum ist bis heute keine Entscheidung gefallen?

Das Problem ist: Die Israelis wollen, dass wir mit der Zeit aufgeben. Immer wieder verlangen sie von uns neue Landkarten. Ein israelischer Landexperte musste nach Istanbul und nach England reisen, um neue Landkarten mit alten zu vergleichen. Das hat uns übrigens 70 000 US-Dollar gekostet. Nun haben sie von uns verlangt, dass wir das Land nochmal registrieren lassen, damit es von Israel anerkannt wird. Das bedeutet: Wir müssen zum sechsten Mal das Land neu vermessen. Wir werden immer schikaniert, damit wir aufgeben. Der Landprozess hat uns bis heute über 140 000 US-Dollar gekostet.

Der Kampf vor Gerichten ist das eine. Wie sieht die Auseinandersetzung mit radikalen israelischen Siedlern der nahegelegenen Siedlung Neve Daniel aus?

Das letzte Mal haben sie 250 Olivenbäume zerstört. Und wir waren bei der israelischen Polizei und die Polizei hat nichts gemacht. Wir haben vieles erlebt von den Siedlern. Sie haben dreimal versucht, durch das Land eine Straße zu bauen, sie haben die Wasserbehälter zerstört, sie haben meine Mutter im Haus mit Maschinengewehren bedroht. Wir leben jeden Tag ungewiss. Immer wieder kommt das Militär und blockiert die Straße. Und immer wieder, wenn wir die Bulldozer sehen, dann denken wir: Oh, sie kommen zu uns. Man lebt in dieser Angst.

Welche praktischen Folgen hat die Tatsache, dass das Grundstück im C-Gebiet liegt?

Wir dürfen hier keine Baubewilligung haben, wir dürfen kein Leitungswasser haben und auch keinen Strom. Damit wir mit der Zeit aufgeben. Wie gehen wir damit um? Wir dürfen nicht auf der Erde bauen, dann bauen wir unterirdisch. Wir haben mit dieser Höhle begonnen, haben sie renoviert und sie ist ein Begegnungsraum geworden. Bis jetzt haben wir sieben Höhlen auf dem Gelände renoviert, als Aufenthaltsräume, aber auch für unsere Pferde und Ziegen.

Wie ein Sisyphus haben Sie den Kampf fortgeführt und sogar ein Begegnungsprojekt begonnen. Wie kam es dazu?

Wir haben Druck von vielen Seiten, keine Bewegungsfreiheit, keine Rechte, es gibt keine Gerechtigkeit. Und diese Situation zwingt die Palästinenser, vielleicht mit Gewalt zu reagieren. Und das ist es eigentlich, was die Israelis wollen, damit das Bild immer bestätigt wird: Mit den Palästinensern kann man nicht sprechen. Für uns war es wichtig, dass wir nicht aufgeben wollen. Aber auf der anderen Seite wollen wir nicht mit Gewalt reagieren. Wir wollen nicht resignieren und wir wollen nicht weggehen. Unsere vierte Option war: Wir weigern uns, Feinde zu sein. Das ist unsere Botschaft. Mit dem Projekt „Zelt der Völker“ wollen wir das Land öffnen für Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Religionen. Dass sie hierher kommen können und Brücken bauen. Um Frieden zu erreichen, braucht man keine Mauern. Wir brauchen Brücken.

Nun wird die israelische Trennmauer unweit von Dahers Weinberg gebaut. Was bedeutet das für Sie?

Wir werden auf jeden Fall bald durch die Mauer von Bethlehem total abgeschnitten. Das wird hier wie eine Insel werden. Die Israelis bauen die Mauer nicht aus Sicherheitsgründen. Die Idee ist, mehr Land zu kontrollieren. Damit die Palästinenser mit der Zeit auswandern. Mit einer Mauer kann man keinen Frieden erreichen. Und ohne Gerechtigkeit wird es hier nie eine Lösung geben. Man denkt, die Mauer ist ein Fakt. Wir glauben ganz fest, dass die Mauer fallen wird. Wir haben nichts gegen Siedler, gegen Israelis, nein. Wir wollen mit unseren Nachbarn in Frieden leben, aber auf unserem eigenen Land. Jedes Volk hat das Recht, in Freiheit und in Frieden zu leben.

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