„Wir stehen vor extremen Herausforderungen“

Nicht weit vom Krippenplatz in Bethlehem gibt es eine moderne Geburtsklinik

Bethlehem (DT) Die Malteser-Geburtsklinik in Bethlehem kann sich über eine hohe Geburtenzahl freuen. Rund 3 300 Geburten meldete das Hospital „Heilige Familie“ im vergangenen Jahr – mehr als in jedem deutschen Krankenhaus. Grund ist zum einen die insgesamt hohe Geburtenrate in der palästinensischen Gesellschaft, zum anderen aber auch die wachsende Armut in der weitgehend abgeriegelten Geburtsstadt Jesu. Ohne jegliches Krankenversicherungssystem und bei einer Arbeitslosigkeit von mittlerweile mehr als sechzig Prozent können sich immer weniger Familien Entbindungen in einer Privatklinik leisten, während der Ruf des staatlichen Krankenhauses sehr viel schlechter ist als der der „Heiligen Familie“. Hier werden arme Patienten auch gegen einen symbolischen Beitrag oder gar kostenlos betreut.

„Ich sehe nicht ein,

warum arme Leute nicht den gleichen

Zugang zu guter

Medizin haben

sollen wie die

Bessergestellten“

Kürzlich hat das Krankenhaus nun eine neue „Perinatologie“ bekommen; die bisherigen Räumlichkeiten waren zuletzt chronisch überbelegt gewesen. Der neue großzügige Kreißsaal umfasst sieben Entbindungsräume und einen OP für Notkaiserschnitte. Die Neugeborenen-Intensivstation nebenan – die einzige in der ganzen Westbank – ist mit 18 Wärmebettchen und medizinischem Gerät auf westlichem Niveau ausgestattet. Finanziert wurde dies von der belgischen Regierung und der Hilfsorganisation US-Aid. Das Finanzloch von etwa 1, 5 Millionen Euro, das die laufenden Kosten der Klinik jedes Jahr reißt, stopft der Malteser-Ritterorden selbst.

Krankenhausdirektor Jacques Keutgen führt bereitwillig durch die neue Etage: Die 18 modernen Krippen stehen nur einen Kilometer von der Stelle entfernt, wo Maria einst ihren Sohn in Stroh gebettet haben soll. An einigen der Wärmebettchen sitzen Mütter, zumeist verschleierte Musliminnen. Eine von ihnen ist Amal, eine Mittzwanzigerin aus der Nähe von Bethlehem. In ihren Armen liegt Mahmud, ihr viertes Kind. Der Winzling ist mittlerweile fünf Wochen alt und wiegt endlich mehr als zwei Kilo – als die Ärzte ihn wegen frühzeitiger Blutungen per Kaiserschnitt holen mussten, waren es nicht einmal 1 300 Gramm. Gerade versucht Mahmud sich an den ersten Schlucken von der Mutterbrust, dezent verdeckt von dem Kittel, den Amal in der Intensivstation immer trägt.

Mahmud ist längst nicht der kleinste Patient in der Malteser-Klinik: Frühchen mit 800 Gramm Geburtsgewicht konnten mit Hilfe der Ärzte überleben. Keutgen ist stolz darauf, dass bei 40 000 Geburten seit 1990, als die Malteser die Leitung des Krankenhauses vom Orden der Vinzentinerinnen übernahmen, nicht eine Mutter starb. Auch die Sterblichkeitsrate unter den Neugeborenen sei mit 2, 9 Prozent ähnlich niedrig wie in Europa – in Gaza hingegen seien es bis zu 35 Prozent. „Ich sehe nicht ein, warum arme Leute nicht den gleichen Zugang zu guter Medizin haben sollen wie die Bessergestellten“, sagt der Malteser.

„Das einzige

Kinderkrankenhaus

der Westbank

kämpft gegen die

wachsende Zahl

von typischen Armuts-

erkrankungen an“

„Wir stehen hier vor extrem vielen Herausforderungen“, so Keutgen. Um auch Schwangere und Neugeborene im wüstenartigen Hinterland zu erreichen, fährt eine mobile Ambulanz mit Frauenarzt, Hebamme und Ultraschallgerät jeden Tag vom Hospital zu den ärmlichen Beduinendörfern in der Umgebung. Neben der modernen Technologie legt der Direktor großen Wert auf die Ausbildung des Personals: Fünf Nachwuchsärzte lernen derzeit an diversen Kliniken Europas – mit der Auflage, anschließend zurückzukehren. Prominente Gastprofessoren aus aller Welt werden zu Fortbildungskursen nach Bethlehem eingeladen. Gleichzeitig ist das Malteser-Hospital Ausbildungskrankenhaus für die Medizinstudenten der Al Quds- und der Bethlehem-Universität.

Ein Wermutstropfen bei der Freude über die neue Perinatologie ist, dass ausgerechnet am Tag der Einweihung ein wenige Tage alter Säugling starb: Es hatte sich keine Klinik für die Operation gefunden, die ihn vielleicht hätte retten können. Die Malteser-Klinik selbst ist für die Operation von Kindern nicht ausgerüstet, und auch das Caritas Baby Hospital Bethlehem hat bislang weder einen eigenen Operationssaal noch entsprechend ausgebildetes Personal. Die staatliche Klinik hingegen zögerte, weil der Eingriff den Ärzten zu kompliziert erschien. Für eine Privatklinik fehlte den Eltern das Geld. Die renommierten, teuren Krankenhäuser Jerusalems wiederum liegen hinter der israelischen Sperrmauer. Bis alle Möglichkeiten durchgespielt waren, war es bereits zu spät.

Auch im Caritas Baby Hospital spürt man zunehmend die Last der ungelösten politischen Situation. Das einzige Kinderkrankenhaus der Westbank kämpft gegen die wachsende Zahl von typischen Armutserkrankungen an. Die Chefärztin des Hospitals, Hiyam Marzuka, nennt vor allem Mangelernährung und Unterkühlung. Chamsi zum Beispiel wurde von seiner Mutter mit schwerer Bronchitis ins Krankenhaus gebracht. Nur mit Inhalationen konnten ihn die Ärzte am Leben erhalten – zehn Wochen alt, wog er gerade ein paar Gramm mehr als bei der Geburt. „Die Wohnungen bieten im Winter kaum Schutz vor der Winterkälte“, so die Ärztin. Zentralheizungen sind in der Westbank unbekannt, Elektroöfen hingegen schlucken teuren Strom. Zumeist verbreiten stinkende Gasöfen in den schlecht isolierten Wohnzimmern etwas Wärme, wenn draußen der kalte Wind von Bethlehem pfeift.

„Gegen ihre gesamte Familie setzte sie

durch, das Kind

auszutragen, obwohl

es keinerlei

Überlebenschancen hatte“

Oftmals kämen die Eltern mit ihrem kranken Nachwuchs auch erst in letzter Sekunde ins Hospital, klagt Marzuka. Mütter von zehn oder mehr Kindern seien mit Krankheitsfällen überfordert, zumal der Alltag ohnehin genug Sorgen mit sich bringe. Verstärkt wird diese Haltung noch durch die orientalische Mentalität: Der Direktor der Malteser-Geburtsklinik stellt fest, dass nur zwanzig Prozent der Schwangeren das Angebot einer Vorsorgeuntersuchung in Anspruch nehmen – die meisten kämen erst zur Entbindung. „Und dann kommen sie mit ihrer Schwiegermutter, nicht mit dem Ehemann“, erzählt Keutgen. Auch die Entbindungen selbst unterschieden sich von denen in Europa: Geburtshilfliche Maßnahmen seien in den palästinensischen Gebieten fast genauso unbekannt wie Gebärhocker oder Wassergeburt.

Der Umgang mit Schmerzen sei für eine Palästinenserin viel selbstverständlicher als für die Durchschnittseuropäerin, sagt der Malteser. Ebenso würden Schicksalschläge in der Regel als Wille Gottes hingenommen. Keutgen ist vor allem eine 19-jährige Muslimin in Erinnerung, die beim Ultraschall erfuhr, dass sie ein Kind ohne Gehirn erwartete. Gegen ihre gesamte Familie setzte sie durch, das Kind auszutragen, obwohl es keinerlei Überlebenschancen hatte. Das Personal der Klinik, die prinzipiell keine Abtreibungen vornimmt, habe sie in ihrer ungewöhnlich mutigen Entscheidung bestärkt, so der Direktor. Die junge Frau habe nach der Geburt ihr Kind zwei Tage lang in den Tod begleitet. Für Keutgen zeigt diese Geschichte mindestens genauso wie die medizinischen Erfolge, was christliche Krankenhäuser in Bethlehem ausmacht.

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