Wie der Adventskalender in Mode kam

Die Ursprünge dieser Tradition lassen sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen – Heute gibt es immer mehr Formen des Kalenders

Würzburg (DT) Eine ganz eigene Zeitrechnung hält derzeit die Menschen gefangen: Der Adventskalender gibt nun den Rhythmus vor. Im Tagestakt öffnet sich bis zum Heiligen Abend mit stetig wachsender Spannung Türchen für Türchen.

Die eigentlichen Ursprünge dieser Tradition lassen sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Zunächst war der Adventskalender vor allem Zählhilfe und Zeitmesser. Der erste selbstgebastelte Adventskalender stammt vermutlich aus dem Jahr 1851. In wohlanständigen, meist protestantischen Bürgerstuben des 19. Jahrhunderts legten die Kinder in den Wochen vor Weihnachten jeden Tag einen Strohhalm in eine kleine Krippe, um dem Christkind am 24. Dezember ein möglichst weiches Bettchen bieten zu können. Die Formen der ersten Adventskalender waren einfach: Kerben auf Holzstücken, Kreidestriche und Kerzenmarkierungen sowie das Abreißen von Blättern waren üblich, um den Kindern die Tage bis zur Bescherung zu verkürzen. Meist wurden sie mit bestimmten Formen der Hausliturgie, also Gebet, Gesang und Bibellesung verbunden.

Als Erfinder des gedruckten Adventskalenders gilt der Münchner Verleger Gerhard Lang, der 1904 den ersten seiner Art auf den Markt brachte und damit das vorweihnachtliche Brauchtum um eine bunte Variante erweiterte. Lang kam auf die Idee, da er als Kind eines Pastorenehepaars von der Mutter jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit 24 Gebäckstücke („Wibele“) auf einen Karton genäht bekam und ab dem 1. Dezember jeden Tag eines essen konnte. Sein Adventskalender bestand aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Jeden Tag in der Adventszeit durften die Kinder ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben. Als guter Geschäftsmann übernahm Lang damit das Erfolgsrezept der sehr beliebten Ausschneidebögen und Klebebilder und kommerzialisierte erstmals die pädagogischen Zeitansagen – ganz nach dem Motto: Man muss mit Geduld auf etwas Schönes warten. Lang stellte auch schon eine Art Schokoladen-Adventskalender her, das „Christkindleinshaus zum Füllen mit Schokolade“. Bis in die 1930er Jahre hinein genoss die lithografische Anstalt von Reichold und Lang in München den Ruf, die kunstreichsten und fantasievollsten Werke auf diesem Spezialgebiet herauszugeben.

Von den Nazis als „Sonnenwendkranz“ zu propagandistischen Zwecken eingesetzt (mit dem Christkind als „Lichtkind“ und der Krippe unter dem „Julbaum“), wurde dem Adventskalender ab den 1950er Jahren eine neue flächendeckende Popularität zuteil, als er zum Massenartikel und dementsprechend preisgünstig angeboten wurde. Als Motive dienten hauptsächlich Szenen aus romantisch verschneiten Städtchen. Hinter dem größer gestalteten Fenster des 24. Dezember verbarg sich meist eine Krippenszene. Ab 1958 gab es – abgesehen von dem allerersten von Lang – die ersten mit Schokolade gefüllten Kalender.

Bis heute hat der Adventskalender sich – allen Moden und fremden Einflüssen zum Trotz – kaum geändert. Das religiöse Geheimnis von Weihnachten und das Warten darauf erfährt dabei eine zumeist eher kitschig-naive Motiv-Umsetzung: Puppenhimmel und Engelsküche, die Reparaturwerkstatt des Christkindes oder Weihnachtsmanns, das Wunschzettel-Büro hoch über den Wolken oder auch emsig bastelnde Kinder beziehungsweise Engel und endlos erscheinende Himmelsleitern signalisieren erwartungsfrohe Feststimmung.

Dabei haben die Formen sich im Laufe der Zeit erheblich weiterentwicktelt und sind immer komplizierter und vielfältiger geworden: So gab und gibt es Weihnachtsuhren mit beweglichen Zeigern, Himmelsleitern aus Sperrholz, nachtdunkle Himmel mit funkelnden Sternen, aber auch Adventslaternen und Ketten mit 24 vergoldeten Nüssen samt Liedtexten und Merksprüchen. Zum Hängen oder Aufstellen können die Adventskalender sein, mit Schiebe- oder Klappvorrichtungen. Beliebt sind auch Adventshäuschen, die sich zumeist an das Lebkuchenhaus der Hexe aus „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck anlehnen. Auch als Puzzle oder Bastelbogen haben sich Adventskalender schon versucht, und in jüngster Zeit kommen sie als CD oder direkt in Internet-Version in die Kinderzimmer: Das Angebot der online-Adventskalender – teils auch mit skurrilen und abartigen Variationen – wird ständig größer.

Längst nämlich haben geschäftstüchtige Unternehmer den Adventskalender als Werbeträger entdeckt und schmücken das weihnachtliche Stillleben wenig feinfühlig mit ihrem Firmenlogo. Immer beliebter und immer zahlreicher werden seit einigen Jahren auch die sogenannten Stadtadventskalender: In etlichen Städten werden regelmäßig die Fassaden bestimmter Gebäude, meistens die Rathäuser, zu großen Adventskalendern umfunktioniert. Das badische Gengenbach beansprucht für sich, in den Fenstern seines Rathauses den größten Adventskalender der Welt zu präsentieren, und das Jahr für Jahr mit Motiven aus dem Kinderliederbuch des Elsässer Zeichners und Karikaturisten Tomi Ungerer. Längst hat das idyllische Schwarzwald-Städtchen aber Konkurrenz durch das fränkische Forchheim (bei Bamberg) bekommen, das ebenfalls behauptet, den größten Adventskalender der Welt zu besitzen, und fast jedes Jahr kommen neue Bewerber um diesen Titel dazu.

Eine besondere Form dazu hat sich in etlichen Städten und Dörfern entwickelt. An den (Werk-)Tagen im Advent geht man jeweils zu einem Schaufenster oder Scheunentor, wo ein „Adventstürchen“ gestaltet wurde und eine Geschichte vorgelesen oder erzählt wird. In manchen Orten ist der Adventskalender mit seinen Türchen sogar auf verschiedene Kirchen verteilt.

In vielen Teilen Österreichs, Deutschlands und der Schweiz werden in der Adventszeit im jeweiligen Ort Fenster mit der entsprechenden Nummer versehen, geschmückt und am Abend beleuchtet. An dem zugeordneten Tag sammeln sich die Gäste vor dem Haus mit diesem Adventsfenster zu weihnachtlichen Gesängen und Gesprächen, zu Glühwein und Lebkuchen. Vielfach wird diese Aktion in ökumenischer Partnerschaft zwischen benachbarten katholischen und evangelischen Gemeinden durchgeführt. So hat der Adventskalender in den verschiedensten Formen und Variationen seinen Reiz bis heute bewahrt und bezaubert nicht nur Kinder, sondern auch viele Erwachsene wie eh und je.

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