„Weil wir die Madonna lieben“

Wenn Fatima aus der Ferne ruft: Unterwegs mit großen und kleinen Pilgern im portugiesischen Marien-Wallfahrtsort. Von Rocco Thiede
Foto: RT | Auch diese kleine Pilgerin ist von Fatima offensichtlich sehr angetan.
Foto: RT | Auch diese kleine Pilgerin ist von Fatima offensichtlich sehr angetan.

Fatima ruft!“, so lautete der Titel einer kleinen Missionsschrift, die auf Deutsch seit einigen Jahren regelmäßig erscheint. Frei nach diesem Motto machen sich in diesen Wochen und Monaten viele Gläubige auf den Weg in den weltberühmten portugiesischen Wallfahrtsort, auch weil sich am 13. Mai die Marienerscheinung zum 100. Mal jährt. Vor der Rosenkranzbasilika werden die Christen dabei den Segen der Jungfrau in verschiedenen Sprachen erbitten – so auch in Französisch, Englisch, Polnisch, aber auch in Deutsch. Sie werden in Fatima auf einem Platz begrüßt, der übrigens doppelt so groß ist wie der Petersplatz in Rom.

Manche Pilger reisen in der Gruppe an, andere allein

Der nach Lourdes zweitgrößte Wallfahrtsort Europas zieht jährlich auch einige tausend Pilger und Gläubige aus Deutschland an, die bei den großen Gottesdiensten, Prozessionen, aber auch bei Konzerten, Ausstellungen und Tagungen dabei sein wollen. Ein Höhepunkt der diesjährigen Feiern wird der 12. und 13. Mai 2017, wenn auch Papst Franziskus nach Portugal fliegt. Bereits seine Vorgänger Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. waren regelmäßig in Fatima, denn hier erschien den drei Hirtenkindern Francisco, Jacinta und Lucia seit dem Jahr 1917 mehrmals die Gottesmutter Maria. Sie vertraute ihnen dabei Geheimnisse von historischem Weltrang an. Durch diese Offenbarungen, die mit den beiden Weltkriegen und dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. 1981 in Zusammenhang stehen, erlangte der Ort als eines der bedeutendsten Heiligtümer der katholischen Kirche eine weltweite Bekanntheit. Auch aus diesem Grund steht in vielen katholischen Kirchen eine Kopie der Madonnenfigur Nossa Senhora de Fatima und wird von den Gläubigen sehr verehrt.

„Ich pilgere jetzt schon ziemlich lange zu verschiedenen Orten. Ich war schon fünf Mal in Lourdes in Frankreich und jetzt durch meine Großmutter bin ich auch nach Fatima gekommen“, erzählt der 16-jährige Simon Nürnberger aus Rheinland-Pfalz. Er stand während der Heiligen Messe neben dem Altar mit der Deutschlandfahne. Auch wenn man ganz hinten beim Gottesdienst unter freiem Himmel steht, erkennt man von der Ferne Frankreichs Trikolore, die rot-weiß polnische Flagge, das US-Sternenbanner oder eben das Schwarz-Rot-Gold noch sehr gut.

Simon Nürnberger reiste mit einer Gruppe von 25 jungen und alten Menschen aus verschiedenen Orten Deutschlands extra nach Portugal und ist der jüngste Teilnehmer seiner Pilgergruppe. „Nicht nur mir bedeutet Fatima als Wallfahrtsort sehr viel – mit Blick auf Maria, Christus und der Kirche an sich. Ich denke, ich spreche für viele, die hier beten, und vielleicht sich wünschen, eventuelle Krankheiten zu heilen“, sagt der Schüler zur Motivation seiner Reise.

Dass Simon die deutsche Fahne bei der feierlichen Messe trug, hat er seiner Reiseleiterin sowie seiner Oma zu verdanken, auch weil er sich als Fahnenträger schon einmal in Lourdes bewährte. „Ich bin jetzt das dritte Mal hier. Das erste Mal vor 22 Jahren, dann vor zwei Jahren und dieses Jahr mit meinem Enkel“, sagt Simons Großmutter Margrit Müller. Die alte Dame ist eine strenggläubige Frau. Sie schwört auf die Unterstützung der Gottesmutter Maria in ihrem Alltag und setzt auf ihren Beistand. „Die Muttergottes hat mir schon in schwierigen Notlagen geholfen. Darum bin ich wieder hier und das wird nicht das letzte Mal sein. Mein Mann war sieben Jahre krebskrank. Ich habe manchmal Tage gehabt, wo ich dachte, es geht nicht mehr und hab gefleht:,„Mutter Gottes hilf mir‘ und dann war alles wieder leichter. Ich war auch schon 25 Mal in Lourdes.“

Etwas links von der Platzmitte mit seinen 152 000 Quadratmetern erhebt sich die Erscheinungskapelle, wo den drei Hirtenkindern im Jahr 1917 mehrmals die Gottesmutter Maria erschienen ist. Dort hat die Jungfrau ihnen ihre drei Geheimnisse von historischem Weltrang anvertraut. Heute umrunden die Madonnenfigur einige Gläubige auf bloßen Knien rutschend. Zu bedeutenden Messen wird die Marienfigur in einer Prozession zum Altar unter freiem Himmel getragen.

Andere Pilger aus Deutschland sind nicht mit einer Gruppe, sondern individuell unterwegs. Sie machen zum Beispiel Urlaub in Portugal am abwechslungsreichen Atlantik und nun einen Abstecher in den Wallfahrtsort. „Fatima fasziniert eigentlich, das kann man gar nicht auslassen in Portugal, das ist einfach ein wunderschöner Wallfahrtsort“, erklärt Anita Teutsch aus Schifferstadt voller Inbrunst. Die Endfünfzigerin ist mit ihrem Mann Karl unterwegs „und schon zum vierten Mal hier“. Beide haben sich entschlossen, vier Tage zu bleiben. Warum sind sie erneut gekommen? Was fasziniert sie so an Fatima? „Das ist einfach ein Ort, der immer wieder anzieht“, betont Frau Teusch und ihr Mann ergänzt: „Ich denke man sollte immer wieder mal an einen Ort gehen, wo man sich besinnen kann, gerade in der heutigen Zeit, die sehr bewegt ist, und da kann so ein Wallfahrtsort auch Nationen verbindend sein.“ Karl Teutsch schwört dabei auf die internationalen Begegnungen.

Der mehrmalige Aufenthalt von Familie Teutsch in Fatima ist ein Beleg für ihre tiefe innere Beziehung zu diesem Ort. Sie waren früher sogar schon mit ihren Kindern und anderen Verwandten hier. „Vor ein paar Jahren kamen wir mit meiner Schwiegermutter, die schon weit über 80 war. Das war ihr größter Traum, noch einmal Fatima zu sehen und hier zu beten. Es sind doch immerhin ein paar Kilometer aus der Mitte Deutschlands und das war für die alte Dame ein Riesenerlebnis!“, erklärt Karl Teutsch, der den vielen Rummel und den auch hier um sich greifenden Kommerz mit religiösem Kitsch rund um die Wallfahrtsstätte kritisch sieht. „Aber Lourdes ist wesentlich kommerzieller. Das hält sich hier noch alles in Grenzen, obwohl es sich sehr verändert hat.“ Beim ersten Besuch war der Neubau mit der Unterkirche noch nicht erbaut. „Damals war's natürlich noch viel uriger, aber das ist der Wandel der Zeit. Es kommen halt immer mehr Pilger.“

Die Fatima-Kenner empfehlen anderen Pilgern, unbedingt an die Stätten zu gehen, wo die sogenannten Seher-Kinder Francisco, Jacinta und Lucia gelebt haben, um mehr über die Schlichtheit ihres Lebens vor neun Jahrzehnten zu erfahren. Auch sei es sinnvoll, sich im Museum jenseits der 2007 geweihten Basilica da Santissima Trinidade, des bislang größten Kirchenneubaus des 21. Jahrhunderts, den Dokumentarfilm über die Geschichte von Fatima anzuschauen. Das alles lohne sich, betont Karl Teutsch, wie überhaupt jede Reise nach Portugal, schon wegen seiner netten, freundlichen Menschen.

Fatima verbindet Menschen verschiedener Nationen

Einige dieser netten Portugiesen leben nun schon in zweiter oder dritter Generation in der Bundesrepublik. Viele von ihnen haben den Kontakt zum Heimatland ihrer Vorfahren nie abgebrochen. Wie etwa Joel Machada da Silva – ein Portugiese, der in Deutschland geboren wurde. Der junge Familienvater hat sich gerade die historische Ausstellung aus Anlass des Jubiläums des 100. Jahrestages der Marienerscheinung in Fatima mit seiner Frau und den Kindern angeschaut. „Ich war als Kind schon mal hier mit meinen Eltern, das ist bestimmt schon 15 Jahre her.“ Auch er bestätigt, dass sich viel verändert habe. Euphorisch beschreibt da Silva seine Gefühle bei der Heiligen Messe unter freiem Himmel: „Wir haben die Messe erlebt. Das war wirklich außergewöhnlich, man kriegt richtig Gänsehaut. Wenn die Statue unserer Maria erscheint und alle die weißen Tücher zum Abschied schwenken – das war wirklich spektakulär.“ Auch wenn die meisten seiner Angehörigen mittlerweile in Deutschland wohnen, ist die Begeisterung für den zweitgrößten europäischen Wallfahrtsort offensichtlich in seiner Familie seit Generationen angelegt. Und sie wird gern an die Jüngeren weitergegeben. Seine Mutter erzählte ihm viel von Fatima. „Und dann wollte ich das meinen Kindern natürlich auch einmal zeigen.“ Jennifer da Silva, die deutsche Frau von Joel, ist auch begeistert: „Es ist wirklich schön – ganz anders als im Fernsehen.“

Auf dem Weg zu einem der großen Parkplätze mit den Reisebussen steht Herr Hermann aus Dülmen und lächelt zufrieden. Er war zum ersten Mal an den Gräbern der Seherkinder und bei einer der Messen dabei. Zusammen mit seiner Frau und einer Pilgergruppe ist er aus Deutschland mit dem Bus nach Portugal gereist. Die Motivation zu dieser Pilgerreise bringt er ohne Umschweife auf den Punkt: „Weil wir die Madonna lieben.“ Seine Frau Evelyn ergänzt: „Ich bin zum zweiten Mal hier in Fatima und bin jetzt noch einmal hergekommen, weil mein Mann Fatima kennenlernen wollte und weil wir beide von der Mutter Gottes begeistert sind.“

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