Was die Clementine mit den Spiritanern zu tun hat

Gerade an heißen Tagen kann der Verzehr der Zitrusfrucht sehr munden – Ihr Ursprung ist geheimnisvoll. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: IN | Die schmackhaften Früchte des katholisch-muslimischen Dialogs: Clementinen.

Clementinen sind köstliche Früchte. Dass wir ihre Entdeckung einem naturbegeisterten Mitglied des Spiritanerordens zu verdanken haben, weiß jedoch kaum jemand. Der Namensgeber der kernlosen Zitrusfrucht, Bruder Marie-Clément Rodier – auch unter dem Namen Vital Rodier bekannt – wurde am 25. Mai 1839 in Malvieille, einem kleinen Dorf im zentralfranzösischen Departement Puy-de-Dôme geboren. Seine Familie war sehr religiös – etwa ein Dutzend seiner Verwandten gehörte dem Ordensstand an.

In Algerien erblickte Bruder Clément einen Wunderbaum

Schon mit dreizehn Jahren wollte der kleine Clément dem Vorbild eines seiner Onkel, der Prior in der Kartause von Valbonne war, nacheifern. Doch das Leben eines Kartäusers war dem gesundheitlich etwas angeschlagenen jungen Mann zu streng. Und so folgte er einem weiteren Onkel, der dem Orden der „Kleinen Brüder der Verkündigung Mariä“ angehörte, ins ferne Nordafrika, nach Algerien. Diese Gemeinschaft war in Misserghin, etwa 20 km von Oran entfernt, ansässig und betreute ein Waisenhaus, in dem etwa hundert Kinder auf einem riesigen Weinanbaugebiet lebten. Bruder Clément, der für die Baumschule verantwortlich war, kümmerte sich um die Pflege von Wald- und Obstbäumen und von Ziergehölzen sowie um mehr als sechshundert verschiedene Rosensorten und den Anbau von Wein auf einer Fläche von etwa 20 Hektar. Seine Pflanzenexperimente hielt er, wie der schwedische Naturforscher Carl von Linné, in Notizbüchern fest, die leider verlorengingen.

Pater René Tabard, derzeit Generalarchivar der Spiritaner, berichtet von einer Beobachtung seines Ordensvorfahren: „Es gab dort auf dem Gelände einen Baum, der einfach dort gewachsen war, und weder ein Mandarinen- noch ein Orangenbaum war: seine Früchte erschienen röter als Mandarinen, hatten einen köstlichen Geschmack und zudem keine Kerne. Das berichtete ein junger Araber, der davon gekostet hatte, dem Bruder Clément. Unser Baumpfleger, der sich für diese Früchte interessierte, beschloss, mit Pfröpflingen dieses Wunderbaumes Veredelungen hervorzurufen. Die Aktion gelang. Der neue Baum erhielt den Namen Clementinenbaum.“ Eine andere Version ist von dem Sohn eines Arbeiters überliefert, der damals im Waisenhaus lebte: „Clément verfolgte eine Biene, die Pollen sammelte. Die Biene flog von einem Orangenbaum auf einen Mandarinenbaum und ließ sich dort nieder. Was würde wohl aus einer solchen Fremdbefruchtung entstehen? Der Bruder befestigte ein rotes Band um die Blüte des Mandarinenbaums und behielt die Frucht, die diese hervorbrachte, im Blick. Aus der herangereiften Frucht stellte er einen Setzling her und erhielt einen Clementinenbaum.“ Nach dem Tod des Gründers des Waisenhauses im Jahr 1892 schlossen sich die Kleinen Brüder der Verkündigung Mariä angesichts ihrer finanziellen Schwierigkeiten der Kongregation des Heiligen Geistes an, und so wurde aus Bruder Clément ein Spiritaner, ein Missionar des Heiligen Geistes. Bruder Clément verstarb am 20. November 1904.

Lange Zeit hielt man die Clementine übrigens für einen Hybrid aus Mandarine und Bitterorange (auch Pomeranze genannt). Bis sich durch eine Chromosomenanalyse des Nationalen Agrarforschungsinstituts INRA auf Korsika herausstellte, dass es sich um eine Kreuzung zwischen Mandarine und süßer Orange handelt.

Vielleicht denken wir ja das nächste Mal, wenn wir eine der schmackhaften Zitrusfrüchte schälen und uns munden lassen – egal welcher Überlieferung zur Entstehung der Clementine wir Glauben schenken möchten –, auch an die Experimentierfreude des Bruders Marie-Clément aus dem Orden der Spiritaner.

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