Vor der WM: Zahl der Prostituierten steigt

Katholische Kirche in Südafrika warnt vor und kämpft gegen Menschenhandel

Würzburg (DT) Ernst streckt ein junger Mann im gelben Trikot der südafrikanischen Fußballnationalelf eine rote Karte in den düsteren Himmel. „Weg mit dem Menschenhandel“, steht darauf. Das Plakat macht in Südafrika auf die Sklaverei unserer Zeit aufmerksam: auf die Entführung und die Ausbeutung junger Menschen für Sex und Prostitution. Initiatorin ist die irische Ordensschwester Melanie O'Connor. Seit Anfang 2008 organisiert sie für die Bischofskonferenz Südafrikas und die Konferenz der Ordensoberen Projekte, die dem Handel mit Menschen ein Ende machen sollen.

„Dass der traurige Menschenhandel ein Ende finde, von dem leider Millionen von Frauen und Kindern betroffen sind“ – So lautete die Gebetsmeinung des Papstes im Monat Mai. Doch der Mai ist vorüber, im Juni beginnt die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika – und damit der nächste Sklavenmarkt. Erzbischof Buti Joseph Tlhagale von Johannesburg schätzt, dass eigens für die Fußballweltmeisterschaft vierzigtausend weibliche oder männliche Prostituierte ins Land gebracht werden.

Ein Viertel der Prostituierten sollen Kinder sein

In Südafrika wird befürchtet, dass auch im Land selbst mehr Minderjährige entführt werden und die Kinderprostitution zunimmt. Dubiose Gestalten durchkämmen die Armenviertel, berichten Journalisten. „Mädchen werden in Einkaufszentren angesprochen und für Schönheitswettbewerbe eingeladen. Wir wissen von mehreren Fällen, in denen Kindern danach spurlos verschwanden“, berichtet Schwester Melanie O'Connor. Da die Schulen während der Weltmeisterschaft geschlossen sind, wird befürchtet, dass unbeaufsichtigte Kinder in dieser Zeit besonders leicht Opfer von Kriminellen werden. Im ganzen Land werden Schulkinder über die Gefahren informiert. Allein in Johannesburg sollen über tausend speziell geschulte Kräfte für mehr Sicherheit von Minderjährigen während der WM sorgen.

Nach Schätzungen von Nichtregierungsorganisationen soll ein Viertel der etwa hundertfünfzigtausend Prostituierten in Südafrika aus Kindern bestehen.

Nicht immer endet die Entführung eines Kindes im Rotlicht-Milieu: Folgt man einer Studie des Forschungszentrums für Humanwissenschaften (HSRC) in Pretoria, werden Kinder auch aus Aberglauben entführt: Noch immer nutzten manche der etwa fünfhunderttausend Sangomas, der Wunderheiler und Zauberer in Südafrika, menschliche Körperteile für schwarze Magie und dubiose Heilmittel.

Prostitution ist in Südafrika illegal. Aber weil die Grenzen des Landes durchlässig sind, reisen viele Menschenhändler mit ihrer „Ware“ illegal ein. Zudem soll ein südafrikanischer Pass auf dem Schwarzmarkt schon für sechshundert Euro erhältlich sein. Opfer werden meist mit dem Angebot eines Jobs geködert, mit dem sie ihrer Armut entkommen können: als Model, Tänzerin, Masseurin oder Bedienung in der Gastronomie. Sind die Opfer einmal im Land, enden sie als Prostituierte oder werden für Sexdienste verkauft. Nach Untersuchungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) stammt ein Strom des Menschenhandels aus afrikanischen Ländern. Allein aus Mosambik werden nach Schätzungen der katholischen Kirche jährlich tausend Mädchen nach Südafrika geschmuggelt. Dort werden sie als Sex-Sklavinnen oder als Ehefrauen für Minenarbeiter verkauft.

Der zweite Strom geht über mafiöse Händlerkreise vor sich, die Frauen aus Osteuropa und Asien per Flugzeug ins Land bringen. Das Verbrechen wird meist in Thailand, China und im östlichen Europa geplant. Mittelsmänner, die vorgeben, „Besuch abzuholen“, nehmen die Frauen am Flughafen in Empfang, Da für viele Länder die Einreise mit Hilfe eines Touristen-Visums möglich ist, ist das ganz legal. Wird ein Visum benötigt, reisen die Frauen über Nachbarländer ein, wo sich ein Stempel leicht illegal verschaffen lässt. Läuft die Aufenthaltsfrist in Südafrika ab, finden sich genug korrupte Mitarbeiter in Behörden, die sie verlängern. Oft geht für die Opfer die Reise auch weiter. Denn Südafrika ist nicht nur Zielland, sondern auch Drehscheibe für den Weitertransport von Prostituierten – zum Beispiel nach Europa.

Vor der WM fordern Politiker, das Sexgewerbe zu legalisieren

Groß ist der Ärger darüber bei der Polizei, die merkt, was vor sich geht, aber nicht handeln kann. Nun soll ein neues Gesetz juristische Lücken füllen, damit diese Verbrechen effizient verfolgt werden können.

Mit der Prostitution wird stets die Aids-Epidemie in Verbindung gebracht. Nach Schätzungen sollen zwischen sechs und fünfzehn Millionen der 47 Millionen Südafrikaner aids-infiziert sein, von den Prostituierten des Landes mindestens jede zweite. Man befürchtet deshalb, dass das Zusammentreffen von Fußballfans und Sex-Arbeiterinnen die HIV-Infizierungen sprunghaft ansteigen lässt. HIV-Experten halten die Illegalität der Prostitution in Südafrika für eine Ursache. „Kriminalisierung funktioniert nicht“, sagte Lauren Jankelowitz vom HIV-Forschungsinstitut der Universität Witwatersrand. „Wenn es um die Ausbreitung von HIV und anderen Geschlechtskrankheiten geht, brauchen wir ein anderes Modell.“ Aufgrund der Illegalität seien Prostituierte rechtlos und jeder Form von Gewalt ausgesetzt – von Freiern, Zuhältern oder korrupten Polizisten. Würde die Prostitution erlaubt, glauben Aids-Aktivisten, hätten die Frauen mehr Rechte und könnten von Freiern verlangen, Kondome zu benützen, sodass damit Aids eingedämmt werde. Vertreter des South Africa National Aids Council (SANAC) haben deshalb den Antrag gestellt, Prostitution zumindest in den vier Wochen der WM zu erlauben. Eine Antwort steht noch aus. Mit fadenscheinigen Argumenten ist diese Forderung vom regierenden ANC unterstützt worden. So behauptete der ANC-Abgeordnete George Lekgetho, eine Legalisierung der Prostitution würde zum Erfolg der WM beitragen und die hohen Vergewaltigungszahlen im Lande senken. Ins selbe Horn stieß der wegen Bestechlichkeit abgesetzte frühere Polizeichef Jackie Selebi: In einem Atemzug mit dem Vorschlag, die Gesetze für den Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit während der WM zu lockern, machte er sich gegen das Prostitutionsverbot stark.

Nicht für den Verkauf unserer Körper Apartheid überwunden

Kritiker halten dagegen, dass eine Legalisierung den Menschenhandel und die Ausbeutung der Opfer erleichtert. Vertreterinnen von Frauenrechtsorganisationen fordern umfassende Ausbildungs- und Arbeitsangebote für Mädchen, die ihnen die Prostitution als Einkommensstrategie erspart. „Wir müssen unsere Familien stärken“, sagte Linda Yates von der Afrikanischen Christlich-Demokratischen Partei gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. „Wenn Sie eine Sieger-Nation haben wollen, brauchen Sie starke Familien. Als Südafrikaner haben wir nicht die Apartheid überwunden, um dann unsere Körper zu verkaufen.“

Eines ist klar: Jeder Fußballer, jeder Fußball-Fan, der in Südafrika zu einer Prostituierten geht, macht sich zum Komplizen der Menschenhändler. Wenn Fans und Spieler sich nicht auf sexuelle Ausbeutung einlassen, ist schon ein großes Stück Präventionsarbeit gegen Menschenhandel, Kinderprostitution und sexuelle Ausbeutung geleistet.

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