Israel

Menschenrechtsorganisation „Machsom Watch“ vor 20 Jahren gegründet

Die Kontrollpunkte zwischen Israel und Palästina im Blick – Vor 20 Jahren gründeten drei israelische Jüdinnen die Menschenrechtsorganisation „Machsom Watch“.

Hanna Barag
Hanna Barag, bald 86, eine der ältesten Aktivistinnen, referiert immer wieder vor Diplomaten und Journalisten in Jerusalem, wie hier zu sehen. Foto: Archiv

Im Rückblick waren das nach Meinung vieler Palästinenser „goldene Zeiten“. Kaum hatte die israelische Besatzung nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 begonnen, konnten sie sich zwischen West-Jordanland und Gaza-Streifen fast frei bewegen, allenfalls an den Übergängen zu Israel wurde flüchtig kontrolliert. Zehntausende von Palästinensern arbeiteten in Israel auf Baustellen, in Werkstätten, Fabriken und Hotels. Während des Golfkrieges 1991 führte Israel Passierscheine, Reisegenehmigungen für die Palästinenser des West-Jordanlandes und des Gaza-Streifens ein, die selbst für das palästinensische Ost-Jerusalem erforderlich waren.

Erschwerte Bedingungen

Laut israelischer Menschenrechtsorganisation B'Tselem „reduzierte Israel dann allmählich die Zahl der Passierscheine, die zudem schwerer erhältlich waren“. Als im März 1993 palästinensische Terroristen neun israelische Zivilisten und sechs Angehörige der Sicherheitskräfte töteten, verhängte Israel „bis auf Weiteres“ eine Komplettabriegelung der palästinensischen Gebiete und richtete zusätzliche Kontrollpunkte an der Grenze ein. Deren Anzahl erhöhte Israels Regierung während der 2. Intifada, dem Volksaufstand der Palästinenser, erneut. Ab Herbst 2000 traf man daher plötzlich auf Hindernisse zwischen zwei palästinensischen Dörfern.

Kontrollpunkte verletzen Menschenrechte

Vor 20 Jahren, mitten in der Intifada, die blutiger werden sollte als die erste, gründeten drei israelische Jüdinnen, darunter Ronny Hammerman, Machsom Watch (M. hebr. Kontrollpunkt). Sie wollten beobachten und dokumentieren, was an den Kontrollstellen geschehe und notfalls einschreiten. Damals gab es allein im West-Jordanland, etwas kleiner als Unterfranken, über 700 Hindernisse, bemannte und unbemannte, ständig und zeitweise besetzte. Ronny Hammerman kritisierte vor allem interne Kontrollpunkte wie den zwischen Nablus und seiner Vorstadt Huwwara und urteilte: „Die Kontrollpunkte sind eine Menschenrechtsverletzung.“

Schwarze Listen

Schnell gewann ihre Organisation etwa 500 Frauen dazu. Zu zweit beobachten sie das Prozedere an Kontrollpunkten, verfolgen aber auch Anhörungen vor dem Militärgericht oder halten sich vor Gebäuden auf, in denen Israel über Passierscheine entscheidet. Dort können sie Palästinensern bei ihren Anträgen helfen und sei es nur als Dolmetscher. An der Kleidung ist ihr Logo angebracht, das Beobachtungsauge. Daneben steht auf Hebräisch, Arabisch und Englisch: Frauen gegen die Besatzung und für Menschenrechte. Manche Aktivistinnen organisieren Webinare oder fordern in Emails an die „israelische Zivilverwaltung“ oder „Bezirkskoordinationsstelle DCO“, dass diese den Sicherheitsstatus eines Palästinensers, der beispielsweise wegen seines Chemie-Studiums an der katholischen Uni Bethlehem auf der „schwarzen Liste“ steht, überprüfen und ihn im Idealfall von der Liste streichen. Erst dann kann mit Erfolg rechnen, wer einen Passierschein beantragt. Allein zwischen 1. März und 5. April 2020 „flossen“ in dieser Sache „410 Emails hin und her“, erklärt der Frühlings-Newsletter 2020 der Frauen.

Für Machsom Watch-Aktivistin Tal Haran haben „99 Prozent der Kontrollpunkte nichts mit Sicherheit zu tun“. Aus Gesprächen mit Palästinensern weiß die Frau aus Tel Aviv nur zu gut: „So viele Palästinenser leben eine halbe Stunde von hier und haben das Mittelmeer noch nicht gesehen.“

Ihre Kollegin Ronny Perlman hat über 15 Jahre die Abfertigung am stark frequentierten Kontrollpunkt Qalandyia zwischen Jerusalem und Ramallah beobachtet. Sonntag für Sonntag stand sie zwischen drei und vier Uhr auf, um fünf Uhr begann ihr Dienst.

Der Blick der Frauen reicht tiefer als der der Politiker

Anfangs, gesteht sie gegenüber unserer Zeitung, hatte sie „Angst vor dem Fremden, dem Palästinenser“, doch fiel diese allmählich ab. „Von der Angst befreit haben mich die Begegnungen mit Hunderten von Palästinensern am Kontrollpunkt.“ Vieles haben ihre Augen am Nadelöhr Qalandyia gesehen: Soldaten ignorieren die Wartenden. Palästinensische Frauen gehen nachts über Felder an Kontrollpunkten vorbei, um ihre Arbeitsstelle in Jerusalem rechtzeitig zu erreichen. Immer wieder sah sie 18-jährige Soldatinnen und Soldaten „aus einfachen Schichten, man trichtert ihnen ein, dass Palästinenser kontrolliert werden müssen“, was für sie „Gehirnwäsche“ gleichkommt. Manchmal gab sie einem Soldaten zu bedenken: „Du siehst einen potenziellen Terroristen und ich sehe einen müden Mann.“

Mittlerweile ist sie nach Tel Aviv gezogen und hat als neuen Einsatzort eines der landwirtschaftlichen Tore, durch die Palästinenser mit Passierschein zu bestimmten Zeiten ihre Äcker oder Plantagen westlich der Barriere erreichen dürfen. So sehr sie ihre Erlebnisse schmerzen, so tut ihr mindestens genauso weh, dass in ihrer Familie dafür niemand ein offenes Ohr hat. Ihre Söhne wählen dieselbe Partei wie sie, haben jedoch keinerlei Verständnis für den Menschenrechtseinsatz der Mutter. „Da ist eine Mauer zwischen uns.“ Das bereitet der 76-jährigen israelischen Jüdin Pein. „Meine Kinder glauben, dass ich keine gute Patriotin bin, dabei tue ich meinen Dienst bei Machsom Watch aus Patriotismus, aus Liebe zu meinem Volk und Glauben“, versichert sie. „Wir Frauen tragen zum guten Ruf Israels bei. Wir sind es, die unserer Gesellschaft, die am Abgrund steht, zurufen: Geht bitte nicht weiter!“

Versöhnung und Verständigung

Die mittlerweile nur noch knapp 200 Frauen – manche sind verstorben, andere aus Altersgründen ausgeschieden, einige vielleicht auch aus Frustration – sind fast alle jenseits der 60. Gelder erhalten sie vor allem aus dem Ausland, auch vom Weltgebetstag der Frauen/ Deutsches Komitee e.V. Deren Projektreferentin Carola Mühleisen erklärt die Motivation: „Der Weltgebetstag steht an der Seite von Frauen, die sich gegen Gewalt, Ausgrenzung und Benachteiligung engagieren.“ Machsom Watch wurde hierzulande zweimal ausgezeichnet, mit dem Aachener Friedenspreis und der Hermann Maas-Medaille wegen des Engagements „für Versöhnung und Verständigung zwischen zwei Nationen und Religionen“.

Die Arbeit der drei Frauen und ihrer Mitstreiterinnen geht weiter: Im vergangenen Sommer zählte die UNO-Agentur OCHA 593 Hindernisse im West-Jordanland, darunter 71 ständig bemannte Kontrollpunkte und neun weitere Arten von Sperren wie Gräben oder Schutthügel. Hanna Barag, auch sie bei Machsom Watch aktiv, erinnert sich an die Anfangszeit der Organisation, da habe es 800 Kontrollpunkte und Hindernisse gegeben. „Wir haben sehr darum gekämpft, dass die Kontrollstellen statt um sechs schon um vier Uhr öffnen.“

Und dann sagt sie in ihrem eigentümlichen Deutsch noch diesen Satz: „Wir wollen die Besatzung nicht gemütlicher machen, sondern ganz wegmachen.“ Dazu müssten die Staaten der Welt „Israel anstoßen und drängen.“

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