Vom Gardasee in den Sudan

Daniele Comboni war ein Missionar, der sich nicht beirren ließ und Hilfe ohne Ansehen der Person leistete. Von Marie-Thérese Knöbl
| Arbeitete für Frieden, Menschenwürde und Gerechtigkeit: Daniele Comboni.
| Arbeitete für Frieden, Menschenwürde und Gerechtigkeit: Daniele Comboni.

Am 10. September 1857 brach er am Hafen von Triest als Missionar nach Zentralafrika in die Region des heutigen Sudan auf: 26 Jahre jung war da der Italiener Daniele Comboni. Seine Absicht war so einfach wie christlich: Den Armen dienen, für die Würde der Menschen einstehen, sich gegen die Sklaverei engagieren. Nur 24 Jahre später starb Daniele Comboni in Karthum an Malaria, hatte jedoch mit seinem Pioniergeist eine wesentliche Säule der Arbeit für Frieden, Menschenwürde und Gerechtigkeit in diesem Teil der Welt begründet, deren Herausforderungen heute nicht geringer sind als damals.

Wer die Geschichte Afrikas im 19. Jahrhundert auf das Leiden unter der kolonialen Fremdherrschaft reduziert, verkennt ihre Vielschichtigkeit, Komplexität und historische Kontinuität: Auch zur Zeit Daniele Combonis gab es am Weißen Nil bereits Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Clans und Stämmen, brutale Versklavung von Männern, Frauen und Kindern, Enteignungen und Gewalt durch islamischen Fundamentalismus. Denn bereits im 19. Jahrhundert waren weite Regionen des Sudan von einer Bewegung erfasst, die man heutzutage als islamischen Fundamentalismus oder islamistischen Fundamentalismus bezeichnet. Ein selbst ernannter Mahdi hielt wie seinerzeit Mohammed und heute die selbst ernannten Kalifen salafistischer Terror-Organisationen wie dem „Islamischen Staat“, „Boko Haram“ oder Al Quaeda, seine Mitmenschen in Angst und Schrecken, indem er ein Heer von Derwischen um sich scharte und damit Jagd auf Ägypter und Europäer machte. Die Worte Combonis auf diese Schwierigkeiten sind heute so aktuell wie vor 150 Jahren: „Wenn man Jesus Christus wirklich kennen und lieben würde, so könnte man Berge versetzen.“ Und er hatte eine unerschütterliche Hoffnung, dass hier durch missionarischen Eifer, vor Ort und zum Wohl für alle, wesentliche Arbeit am Guten geleistet werden kann: „Auch wenn wir aus Liebe zu Christus große Mühen und Opfer auf uns nehmen müssen, so glaube ich doch, eine große und glückliche Zukunft für Afrika vorauszusehen.“ Denn alle geschilderten Schwierigkeiten und Hindernisse für ein menschenwürdiges Leben in Frieden können, das hatte Comboni selbst beobachten können, überwunden werden durch das Evangelium und die dem Menschen zugewandte und menschengerechte Lebensordnung, die es mit sich bringt. Combonis Arbeit blieb nicht ohne Wirkung, und es gelang ihm, die Kirche in Europa davon zu überzeugen, dass sie sich hier solidarisch zeigen und für die Menschen vor Ort bessere Lebensbedingungen schaffen kann und muss.

115 Tage lang war Daniele Comboni im Jahr 1857 gemeinsam mit vier weiteren Priestern und einem Laien unterwegs, um über Alexandria und Kairo und schließlich nach einer strapaziösen Reise auf Kamelen durch die Nubische Wüste erstmals in Karthum, der Hauptstadt des Sudan, anzukommen. Doch die Missionare wollten noch weiter in die Region des heutigen Südsudan vordringen, um dort, an dem weit entfernten Ort „Heiligkreuz“ mit anderen Missionaren zusammenzutreffen und Erfahrungen auszutauschen.

Weiter in den Südsudan

Eine der ersten Aufgaben, denen sich Comboni mit seinen Mitreisenden sodann widmete, war die Ausschau nach geeigneten jungen Afrikanern, die man zur Ausbildung nach Europa entsenden könnte, damit sie dann in ihr Heimatland Sudan zurückkehren und dort wertvolle und dringend benötigte Aufbauhilfe leisten konnten. Doch diese hehren Pläne, wie sie ja auch heutzutage immer wieder gerne geträumt werden, stellten sich als wenig realistisch heraus: Die meisten der Jungen, die nach Europa geschickt worden waren, kamen mit dem dortigen Klima, aber vor allem auch der dortigen Kultur und Lebensweise nicht zurecht. Und auch vielen Missionaren und Ordensleuten in Afrika ging es schlecht. So schlecht, dass sogar die Päpstliche Kommission zur Evangelisierung der Völker in Rom („Propaganda Fide“) bereits beschlossen hatte, das Vikariat in Zentralafrika zu schließen. Die Verluste an Priestern, Ordensleuten und Laien durch Erschöpfung, Krankheiten und Ermordungen waren einfach zu hoch.

Comboni ließ sich davon jedoch nicht beirren, nutzte die Gelegenheit des Ersten Vatikanum und seine hervorragende Kontakte in Europa und Afrika, um der Verwirklichung eines einzigen Ziels auf den Weg zu helfen: „Afrika durch Afrika retten“, also in ganz Afrika durch Zusammenarbeit aller dort tätigen Orden und Institute und mithilfe der europäischen Christen Schulen und Ausbildungsstätten für Afrikaner errichten, anstatt sie im fremden Europa auszubilden. Wichtige Unterstützer von Combonis Mission einer Stärkung Afrikas waren der heilige Don Bosco in Turin, der Sprachenforscher und Augustinerchorherr von Kloster Neustift und Domkapitular von Brixen, Dr. Josef („Johannes Chrysostomos“) Mitterutzner, Kaiser Franz-Joseph von Österreich-Ungarn, der schließlich auch die Schirmherrschaft über die Mission in Zentralafrika übernahm, Kaiserin Eugenie von Frankreich, König Leopold von Belgien und der Zar von Russland. Nach der grenzüberschreitenden Zustimmung zu Combonis Vorhaben durch die europäischen Königshäuser erkannte 1877 auch Rom die wesentliche Bedeutung des unermüdlichen Daniele Comboni und seines Einsatzes für Zentralafrika an und machte ihn zum ersten Bischof von Karthum. In dem kurzen, knapp vierjährigen Pontifikat bis zu seinem Tod im Jahr 1881 leistet er dabei vor allem während der schrecklichen Hungersnot, die Ägypten und den Sudan erfasste, allen Menschen, denen er irgendwie helfen konnte, unmittelbar Hilfe. Wichtig war Comboni dabei die Hilfe ohne Ansehen der Person nach Stammes- oder Religionszugehörigkeit – ein Prinzip, dass die Arbeit der Missionare und der päpstlichen Missionswerke noch heute auszeichnet. Der späten Übertragung apostolischer Verantwortung auf den Priester vom Gardasee folgte eine späte Anerkennung seiner Lebensleistung: Am 5. Oktober 2003 wurde Daniele Comboni heiliggesprochen. In seinem Geburtshaus in Limone am Westufer des Gardasees kann man den Lebensweg dieses wagemutigen und unerschrockenen Heiligen mit der großen Liebe für Zentralafrika nachvollziehen, im Garten seiner Kindheit und seiner Eltern und früh verstorbenen Geschwister spazieren gehen und der Kapelle der Comboni-Missionare einen Besuch abstatten.

Geburtshaus von Daniele Comboni: Kleines Museum mit Kapelle der Comboni-Missionare

Zentrum der Comboni-Missionare

Via Campaldo

Limone sul Garda

Tel. +39 365 95 40 91

Geöffnet täglich von 8–19 Uhr

Eintritt frei

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