Israel

Vom Falken zur Taube gewandelt

Im Elternkreis Familienforum engagieren sich palästinensische und israelische Hinterbliebene. Sie hoffen auf Einsicht bei den politisch Verantwortlichen auf beiden Seiten.

Hat sich Yitzhak Rabin, Generalstabschef, Premierminister, Friedensnobelpreisträger und 1995 von einem jüdischen Terroristen erschossen, wirklich vom Falken zur Taube gewandelt? Das wird kontrovers diskutiert. Bei Gili Meisler gibt es keinen Zweifel. 1973 erlebte der 12-jährige israelische Jude, wie sein einziger Bruder Giora in den Yom-Kippur-Krieg zog. Schon in der ersten Kriegsnacht verschwandder Panzersoldat von der Bildfläche. Meisler atmet hörbar, auch fast 50 Jahre später fällt es ihm schwer, darüber zu sprechen, zumal auf einer Bühne und vor einem weltweit versammelten Publikum von 250 000 Menschen. Während das offizielle Israel seiner in Kriegen gefallenen und durch Terror getöteten Bürger gedenkt, spricht Gili Meisler bei der alternativen Gedenkfeier – einer Zeremonie für alle Opfer des Konflikts, israelische und palästinensische. Die werden seit Beginn der ersten Intifada im Jahr 1987, dem ersten Aufstand der Palästinenser, penibel von der israelischen Menschenrechtsorganisation B?Tselem dokumentiert: etwa 1.700 getöteten Israelis stehen fast 12.000 Palästinenser gegenüber.

Unter dem Motto Schmerz miteinander teilen – Hoffnung bringen findet die alternative Gedenkfeier zeitgleich in Tel Aviv und im palästinensischen Beit Jala bei Bethlehem statt, veranstaltet von den israelisch-palästinensischen Combattants for Peace (Friedensstreiter) und Parents Circle Families Forum (PCFF), dem Elternkreis israelisch-palästinensischer Hinterbliebener.

Das Weltbild bröckelt

Als die israelischen Kriegsgefangenen aus Ägypten heimkehrten, fehlte Giora Meisler. Sein Bruder Gili fühlte etwas in sich heranwachsen, „das ich nicht kannte, es war wie Kohle, wie ein roter brennender Stein, der meinen Magen verbrennt und mir das Herz herausreißt.” Erst Jahre später konnte er dieses Gefühl als „Schmerz” benennen und erkennen, dass er Behandlung brauchte. „Das verfügbarste Mittel war Rache.” Er schloss sich einer ultrarechten Gruppe an und bekennt rückblickend: „Das Rachebedürfnis war tief in mir verwurzelt.” Er wusste „genau, warum die Araber bekämpft werden mussten und warum das ganze Land Israel uns gehörte.”

Zu Beginn der Oberstufe „hob ich meinen Rachedurst eine Stufe höher und gründete eine rechte Jugendgruppierung aus Überzeugung, dass Hass und Rache meine Verbindung zu Giora aufrechterhielten.” Gegen Ende der Schulzeit lernte er Ali aus Ost-Jerusalem kennen, eine Freundschaft zu dem wenige Jahre älteren Palästinenser entwickelte sich und plötzlich bröckelte sein Weltbild. „Alle meine Weltsichten wurden auf die Probe gestellt.” Ali wurde zum Freund. Und Meisler erfuhr echten Kontakt mit dem „Feind, dem Anderen, dem Fremden, dem Angsteinflössenden.” Von diesem Wandel erzählt er in Israel und Übersee, in Schulen und bei Konferenzen.

Öffentlich Zeugnis geben

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Das tun auch die anderen vier Hinterbliebenen, die öffentlich Zeugnis ablegen, darunter die Palästinenserin Layla Alshekh aus der Nähe von Bethlehem. Ihr sechs Monate alter Sohn Qusay starb in ihren Armen, nachdem er israelisches Tränengas eingeatmet hatte und israelische Soldaten die Familie auf dem Weg ins Krankenhaus über vier Stunden an einer Straßensperre aufgehalten hatten. Die nächsten 16 Jahre weigerte sie sich, mit Israelis zu sprechen. Dann erhielt sie eine Einladung zu einem Treffen des Elternkreises. Richtiggehend schockiert sah sie mit an, wie Israelis und Palästinenser sich umarmten. Als Israelis ihre Geschichten erzählten, geschah etwas in ihr. „Zum ersten Mal sah ich Israelis als Menschen, als Hinterbliebene, mit demselben Schmerz, den gleichen Tränen.” Seitdem engagiert sie sich für Menschlichkeit, Verständigung, Versöhnung und hat darüber in Italien und der Schweiz gesprochen. Ihre Rede bei der Gedenkzeremonie beendet sie mit den Worten: „Schluss mit Ungerechtigkeit und Hass. Lasst uns in Versöhnung und Frieden mit denen leben, die wir lieben!”

Über 600 Familien beider Seiten engagieren sich

Die beiden gehören zu mittlerweile über 600 Familien beider Seiten, die sich im 1995 gegründeten Elternkreis Familienforum engagieren, sich ihr Leid anvertrauen, Ausstellungen organisieren und im In- und Ausland und auf ihrer Internetseite Zeugnis ablegen. Bis heute haben an sogenannten „Dialogtreffen” mehr als 200 000 Menschen teilgenommen. Eine eigene Frauengruppe hat neben vielen Aktivitäten das gemeinsame Kochbuch Jam Session veröffentlicht.

Der Film Within the Eye of the Storm porträtiert zwei mittlerweile eng befreundete Mitglieder, den Israeli Rami Elhanan und den Palästinenser Bassam Aramin. Elhanans 14-jährige Tochter Smadar wurde 1997 am ersten Tag des neuen Schuljahres, als sie mit Freundinnen Schulbücher kaufen wollte, in Jerusalems Fußgängerzone bei einem Selbstmordanschlag getötet. Bassam Aramin hingegen beschreibt den 16. Januar 2007, der sein Leben auf den Kopf stellte: „Meine zehnjährige Tochter Abir wurde von einem israelischen Grenzpolizisten erschossen und kaltblütig getötet, als sie mit Klassenkameradinnen vor ihrer Schule stand. Es gab weder Demonstrationen noch Gewalt oder einen Aufstand (Intifada).”

Bei einer virtuellen Diskussion über den Film versichert er: „Wir werden uns weiterhin engagieren und reden, bis die politisch Verantwortlichen uns folgen. Denn wir haben keine andere Wahl. Wir wollen verhindern, dass weiter Menschen sterben. Wir setzen uns weiterhin ein, damit wir unseren Enkeln in die Augen schauen und sagen können: Wir haben alles versucht.” Sein Freund Rami ist überzeugt, dass der erste Schritt der Annäherung damit anfängt, „dem anderen zuzuhören.” Andernfalls „werden wir nicht den Ursprung seines Schmerzes verstehen können. Dann können wir auch nicht von ihm erwarten, dass er unseren Schmerz versteht. Damit fängt es an und damit wird es enden.”

Versöhnung und Verständigung

Über ein Dutzend Auszeichnungen wurden PCFF bisher zuteil, darunter die Goldene Medaille für Verdienste um Versöhnung und Verständigung unter den Völkern der Senioren-Union der CDU oder der Friedenspreis 2003 / Kategorie Beispielhafte Initiative der Bremer Stiftung die schwelle. Unterstützung erhält der Elternkreis unter anderem von Sigmar Gabriel und Gesine Schwan, dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande oder dem Zentrum für Mission und Ökumene der evangelischen Nordkirche.

„Lasst uns den Hass beenden und ihn durch Dialog und Hoffnung ersetzen.“ Gili Meisler

Dem jüngsten Gedenkakt zugeschaltet ist US-Schauspieler Richard Gere, der versichert: „Wenn der Nahostkonflikt gelöst werden kann, durch Liebe und Mitgefühl, Verständnis und Vergebung, was wäre das ein Beispiel für uns alle, ja für den restlichen Planeten!” ruft er dem Publikum von Südamerika bis Fernost, von Deutschland bis Südafrika zu.

Gili Meisler, vom Falken zur Taube geworden und beim Elternkreis für Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich, schließt sein Zeugnis mit dem Aufruf: „Lasst uns den Hass beenden und ihn durch Dialog und Hoffnung ersetzen. Durch meinen persönlichen Verlust möchte ich jedem, der es hören will, sagen, dass ein anderer Weg nötig und möglich ist.”

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