Viktorianische Noblesse in Zeiten der Krise

Mit dem Kreuzfahrtschiff „Queen Victoria“ unterwegs – Deutsche Angestellte an Bord des Ozeanriesen

„Ist sie nicht die Schönste von allen?“ Für einen Augenblick vergisst Unterhaltungsdirektor Alastair Greener sein britisches Understatement. Mehr als achthundert Gäste im voll besetzten „Royal Court Theatre“ verzeihen ihm diese verständliche Unbescheidenheit: Nein, schöner war keine im Hafen von Messina, von wo aus die „Queen Victoria“ nach einer großen Krim-Kreuzfahrt den römischen Zielhafen Civitavecchia ansteuert. Auch in Zeiten der Weltfinanzkrise darf die glänzende Noblesse des Schönen und des Luxus nicht verblassen.

Allein ihr weithin leuchtender roter Schornstein und dazu ihr überaus eleganter schwarzer Rumpf mit schmaler weißer Oberkante garantieren stets aufs Neue einen majestätischen Auftritt. Bei solch stolzem Erscheinungsbild konkurriert sie schon heute mit legendären anderen Queens der Cunard-Flotte, der „Queen Elizabeth 2“ und der „Queen Mary 2“.

Zweitausend Passagiere wollen unterhalten sein

Ein Hauch Wehmut wird spürbar, als sich der schwere Bühnenvorhang zur Abschieds-Show an Bord öffnet. Doch schnell gelingt es den „Royal Cunard Sängern und Tänzern“, sie mit einem Programm-Feuerwerk fortzuwischen.

Welch ein brillanter Auftakt für einen Abend an Bord, der dazu einlädt, all das ein allerletztes Mal auszukosten, was den Charme einer Kreuzfahrt ausmachte. Warum also nicht noch einmal auf dem weiten Parkett des „Queens Rooms“ ein Tänzchen wagen, heute zu den Rhythmen lateinamerikanischer Tanzmusik? Oder – eher besinnlich – sich im „Chart Room“ von den Klängen einer Konzertharfe verzaubern lassen?

Vielleicht sogar vom Ausblick des „Commodore Club“ auf Deck zehn bei einem Martini die „Ich bin der König der Welt“-Stimmung des „Titanic“-Films genießen oder im „Golden Lion Club“ gediegenem Klavier-Entertainment lauschen? Zerstreuungsmöglichkeiten und Orte des ganz persönlichen Abschieds gibt es an Bord der „Queen Victoria“ in der Tat genug, selbst in Zeiten drohender Rezession.

Bis hin zu dem Mini-Las Vegas des „Empire Casinos“, wo an einem der Roulette-Tische eine Gruppe offenbar gut betuchter Malaysier ein letztes Mal versucht, die Verluste der zurückliegenden Tage wieder wettzumachen – welch' ein Symbolbild. Bei ihrem hohen Spieleinsatz vertrauen sie einer vorher festgelegten Zahlenkombination. Doch Fortuna denkt nicht daran, ihre launenhafte Freigebigkeit einem vorgegebenen System unterzuordnen.

Zweitausend Passagiere mit unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen auf engem Raum – keine leichte Aufgabe für Bettina Bauknecht aus Deutschland, die als „Soziale Hostess“ für die Ausgestaltung des Gemeinschaftslebens an Bord zuständig ist. Doch inzwischen hat sie sich eingestellt auf die Wünsche und Vorlieben der jeweiligen Nationalitäten.

Es gibt jedoch, so weiß sie zu berichten, eine Gemeinsamkeit, die alle verbindet. Und das ist die Freude am stilvollen Unterwegssein, so wie vor einhundert Jahren zur Zeit der „Titanic“, als die Eleganz des viktorianischen Zeitalters in den schwimmenden Palästen der Nordatlantikroute Einzug hielt. Dieser Tradition, so Bettina, fühle sich die heutige Cunard-Flotte nach wie vor verpflichtet.

Am deutlichsten nachvollziehbar wird sie beim legendären „Formal Dinner“. Das sind jene Abende, an denen – gleich einem Ritual – elegante Abendgarderobe vorgesehen ist: Abendkleid für die Dame, dunkler Anzug oder Smoking für den Herrn. Derart herausgeputzt durchschreiten die Paare das Spalier der Kellner und gelangen so zu ihrem Tisch im „Britannia Restaurant“ oder, noch erlesener, im „Queens Grill“ und im „Princess Grill“, wo sie in einer Tischgemeinschaft bis zu acht Personen ihr Dinner zelebrieren.

Eine Kellnerin aus Aachen weiß: Freundlichkeit ist alles

All dies geschieht in überaus angenehmer Atmosphäre. Kellnerin Dorothee Schlass aus Aachen, von Anfang an zuständig für die vorderen Tische im „Britannia Restaurant“, lüftet das Geheimnis für das harmonische Miteinander. Es basiert vor allem auf auf einem Verhaltenskodex, zu dem sich alle eintausend Besatzungsmitglieder verpflichtet wissen: zum Beispiel Freundlichkeit, gegenseitiger Respekt und Hilfsbereitschaft. „Wir sagen niemals nein, sondern bieten Alternativen an“, heißt es abschließend in Punkt zwölf dieses Kodexes. „Und diese Grundtugenden“, so hat Dorothee beobachtet, „gelten nicht nur im Umgang mit den Gästen, sondern bestimmen auch den Alltag der Besatzung untereinander.“

Neben guter Unterhaltung und einem stilvollen Ambiente ist natürlich die Qualität der Speisen eines der Hauptanliegen an Bord. Sie fällt in den Zuständigkeitsbereich von Bernhard Fischer. Aufgewachsen in der Nähe von Bonn, hat er seinen Wohnsitz inzwischen nach Südafrika verlegt, wo er seine Familie fast nur im Urlaub zu Gesicht bekommt. Von Beginn an ist er auf der „Queen Victoria“ dabei und spielt als Lebensmittel-Einkäufer eine mindestens ebenso wichtige Rolle wie der Küchenchef.

Sein Ehrgeiz ist darauf gerichtet, in jedem Hafen so viele frische Produkte wie möglich an Bord zu nehmen: Venedig, Kusadasi, Istanbul, Odessa, Jalta, Piräus, Messina – kein Hafen, an dem nicht beispielsweise frischer Fisch oder frische Erdbeeren aufgenommen wurden. Unter diesem logistischen Gesichtspunkt sei es für ihn auf der „Queen Victoria“ schwieriger als bei den Atlantiküberquerungen der „Queen Mary 2“, die nur am Anfang und am Ende ihrer Überfahrt zuladen könne.

Der Beweis für die hohe Qualität der Lebensmittel wird jeden Nachmittag neu im „Queens Room“ erbracht beim „High Tea“ im viktorianischen Stil. Zu den Klängen eines Streichquartetts servieren Kellner in weißen Handschuhen erlesene, an Bord frisch hergestellte Köstlichkeiten von Sandwich-Schnitten bis hin zu Obsttörtchen auf kleinen Mürbeteig-Böden. Dann heißt es, sich einfach zurücklehnen und die herausgehobene Stimmung genießen – bis zu der nächsten höflichen Anfrage: „Möchten Sie noch etwas Tee?“

Die geheime Botschaft der Diamant-Anstecknadeln?

Im gleichen Raum finden auch die abendlichen Empfänge statt, bei denen sich Kapitän Paul Wright mit seinen Offizieren den Gästen an Bord vorstellt und – stets zu Scherzen aufgelegt – das Gefühl der Cunard-Zusammengehörigkeit stärkt. Denn viele der Gäste tragen zu diesem Anlass Gold-, Platin- oder Diamant-Anstecknadeln am Revers und verraten damit indirekt etwas über die Anzahl ihrer Kreuzfahrten auf Cunard-Schiffen – ein wenig Snobismus muss schon noch sein in diesen Zeiten.

Langsam neigt sich der letzte Abend an Bord seinem Ende zu. Die Reihen der festlich gekleideten Gäste beginnen sich zu lichten. Ein letztes Mal führt der Weg in die „Grand Lobby“ des Schiffes, die sich mit geschwungenen Treppenaufgängen über drei Ebenen hinweg erstreckt. Ein letzter Blick gleitet hinauf zu dem Metallbug, der „Queen Victoria“, der als mächtige Treppendekoration die Wogen durchpflügt.

Schon nähert sich das Schiff im Licht des nächsten Morgens der Anlage von Civitavecchia, dem römischen Hafen Noch ein paar letzte Handgriffe am Gepäck, noch ein paar nette Worte zum Abschied und, schneller als gedacht, ist mit dem Überqueren der Ausstiegsbrücke auch das Ende der Schiffsreise erreicht. Nicht jedoch für die „Queen Victoria“, denn schon überwacht Bernhard Fischer an der Ladeluke die Aufnahme frischer Lebensmittel für die Weiterfahrt.

Themen & Autoren

Kirche