Viel Streit am heiligen Ort

Der Konflikt zwischen Kopten und Äthiopisch-Orthodoxe um den Zugang zur Grabeskirche herrscht seit Jahrzehnten. Nun steht auch der muslimische Hüter der Schlüssel im Zentrum eines Skandals.
Grabeskirche in Jerusalem
Foto: Foto: | Am „Nabel der Welt“: Pilger in der Grabeskirche vor der Grabkapelle. dpa

Gemäß mittelalterlicher christlicher Auffassung liegt mitten in der Grabeskirche in Jerusalem, im Katholikon, der Nabel der Welt. In diesen Tagen, während Pilger wie gewohnt die Heiligen Stätten besuchen, ist die Grabeskirche jedoch der Mittelpunkt konfessioneller, politischer und diplomatischer Konflikte. Während der seit Jahrhunderten bestehende Streit zwischen der äthiopisch-orthodoxen und der koptisch-orthodoxen Kirche über das zur Grabeskirche gehörende Deir-al-Sultan-Kloster neu entbrannt ist, steht der bisherige muslimische Hüter der Schlüssel zur Grabeskirche, Adeeb Joudeh, im Zentrum eines skandalösen Verkaufs eines Hauses im muslimischen Viertel der Jerusalemer Altstadt an eine jüdische Siedlerorganisation.

Das Bild eines von zwei israelischen Polizisten zu Boden gedrückten koptischen Mönchs verbreitete sich rasend am Morgen des 24. Oktober in den sozialen Netzwerken und kurz danach auch auf den verschiedensten Nachrichtenseiten. Es wirkt auf den ersten Blick wie eine ironische Antwort der Realität auf eine Rede des israelischen Premierministers Benjamin Netanyahus wenig Tage zuvor, in der er Israel als „einziges Land im Nahen Osten, in dem die christliche Gemeinschaft gedeiht und wächst“ beschrieb und gleichzeitig die Behandlung von Christen durch die Palästinensische Autonomiebehörde kritisierte.

Der Stein des Anstoßes zur Verhaftung des koptischen Mönches fiel im September vergangenen Jahres aus der Decke der dem Erzengel Michael gewidmeten Kapelle des Deir-al-Sultan-Klosters, das sich vom Dach der Grabeskirche bis zu deren Vorplatz erstreckt. Daraufhin ließ die Jerusalemer Stadtverwaltung aufgrund bestehender Einsturzgefahr die Kapelle schließen und forderte sowohl die äthiopisch-orthodoxe als auch die koptisch-orthodoxe Kirche zur Renovierung des Deckengewölbes auf. Gemäß dem seit 1852 geltenden Status quo gehört die Kapelle der koptisch-orthodoxen Kirche, obwohl das Kloster Deir-al-Sultan nach Aussage der äthiopisch-orthodoxen Kirche ihre Gründung war. Seit der osmanischen Herrschaft bis zur israelischen Eroberung der Jerusalemer Altstadt und der heutigen Gegenwart führt die Frage, wer der rechtmäßige Besitzer ist, immer wieder zu verschiedenen Antworten und Streitigkeiten. Die momentane Situation ist ein Resultat der Feier des Osterfestes im Jahr 1970. Nachdem die äthiopische Liturgie gegen 23:00 Uhr beendet war, begannen die Kopten ihre Feierlichkeiten und hielten eine Prozession ab, die vom Dach der Grabeskirche zum Heiligen Grab herabstieg. Dies nutzten die Äthiopisch-Orthodoxen, um die Schlösser der Zugänge zum Kloster auszutauschen, und die israelische Polizei verwehrte den koptischen Klerikern in der Folge den Zugang.

Der Oberste Gerichtshof Israels kritisierte das Verhalten der israelischen Polizei und gab der Klage der koptisch-orthodoxen Kirche gegen die Besetzung ihrer Kirchenräume recht. Aber zugleich überließ sie die Lösung des Besitzrechtsstreit der israelischen Regierung als Souverän gemäß dem Status quo. Die Angelegenheit wurde jedoch bis heute nicht gelöst. Obwohl sich der Staat 1979 im Friedensabkommen mit Ägypten verpflichtete, den Streit um das Deir-al-Sultan-Kloster zu lösen. „Es ist tragisch, dass sich hier mit der Koptisch-Orthodoxen und der Äthiopisch-Orthodoxen zwei Kirchen im Konflikt miteinander befinden, die beide zur selben Kirchenfamilie gehören – und zwar zur Orientalisch-Orthodoxen – und in voller Kirchengemeinschaft miteinander stehen. Es ist wirklich tragisch, dass der Glaube diese beiden Kirchen sakramental eng miteinander verbindet, während die Politik sie auseinanderreißt!“, bemerkt der Ostkirchenexperten und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG), Pater Nikodemus Schnabel von der Jerusalemer Dormitio-Abtei, zum neuentbrannten Konflikt um das Deir-al-Sultan-Kloster.

Die israelischen Behörden sind auch involviert

Der Beschluss der israelischen Regierung, die notwendigen Renovierungen an der dem Erzengel Michael gewidmeten Kapelle nun selbst zu finanzieren und durchzuführen, wurde vom koptisch-orthodoxen Patriarchat abgelehnt. Zum Beginn der Arbeiten wurde eine Sitzblockade organisiert, die in der gewaltsamen Verhaftung eines koptischen Mönchs endete. „Die Polizei begann, übermäßige Gewalt anzuwenden, indem sie die Mönche und Diakone herauszog und durchsuchte, was zur Verletzung mehrerer Mönche mit einigen Wunden und Prellungen führte“, beschreibt der koptische Erzbischof von Jerusalem, Anba Antonios, die Ereignisse. „Wir haben beim Premierminister und beim Justizministerium Beschwerden über das gewalttätige Verhalten der israelischen Polizei im Umgang mit den friedlichen koptischen Mönchen eingereicht.“ Gemäß der Erklärung eines Sprechers der israelischen Polizei hingegen ignorierten die Demonstranten die Warnungen und Aufforderungen der Polizei. „Die Tatsache, dass es sich um Geistliche handelt, erlaubt es ihnen nicht, die öffentliche Ordnung zu stören, polizeiliche Befehle zu missachten und das Gesetz zu brechen“, erklärte er. Die koptisch-orthodoxe Kirche hat nun Klage gegen die Bauarbeiten beim zuständigen Gericht in Jerusalem eingelegt und das ägyptische Außenministerium erklärte eine „totale Ablehnung“ der israelischen Polizeigewalt und dass es die Situation „genau beobachtet“.

Während der Streit zwischen den beiden orthodoxen Konfessionen ein diplomatisches Ausmaß erreicht, ist die muslimische Familie Joudeh, die 1192 von Sultan Saladin zum Behüter der Schlüssel zur Grabeskirche eingesetzt wurde, um als neutrale Wächter dafür zu sorgen, dass es zwischen den verschiedenen Konfessionen in der Grabeskirche keinen Streit gibt, selbst in einen Skandal verwickelt. In einem Facebook-Beitrag hat die Familie Joudeh am 28. Oktober offiziell erklärt, dass Adeeb Joudeh das Amt des Schlüsselhüters an ein anderes Familienmitglied abtreten wird. Er hatte am 23. August ein Haus in der Jerusalemer Altstadt am Herodestor an Khaled Al-Atari verkauft. Al-Atari ist ein Geschäftsmann aus Ost-Jerusalem mit engen Verbindungen zur General Intelligence Force der Palästinensischen Autonomiebehörde. Am selben Tag noch wurde das Besitzrecht auf eine ausländische Gesellschaft mit Sitz in der Karibik namens Daho Holdings Limited übertragen. Von dort gelangte das Haus in den Besitz von Ateret Cohanim, einer religiös-nationalen jüdischen Siedler-Gruppierung, deren Ziel es ist, Immobilien in Ost-Jerusalem und in der Altstadt zu erwerben. Von nun an wird ein anderes Mitglied der Joudeh-Familie am Morgen und am Abend den Schlüssel zur Grabeskirche bringen, damit sie auf- und dann wieder zugeschlossen werden kann, während der Streit um das Deir-al-Sultan-Kloster sich fortsetzen wird – und die Grabeskirche das bleibt und ist, was sie schon immer war: ein heiliger Ort mit vielen Streitigkeiten.

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