Chagos

Vertriebene Insulaner

Am Archipel Chagos sieht man, wie Menschenrechte mit Füßen getreten werden, um Weltmacht-Interessen durchzusetzen – Leidtragend ist die katholische Bevölkerung.

Geflüchtete aus Chagos
Vereinte Nationen und mehr: Eine nach Mauritius geflüchtete Chagossierin schöpft Trost und Hoffnung am Grab eines Heiligen. Foto: Imago Images

Es war der Besuch des Papstes in Mauritius, der den Namen eines weithin unbekannten Archipels in den Medien auftauchen ließ: Chagos heißt er, liegt im Indik, von Mutter Natur zwischen den Malediven und Mauritius platziert. Die Chagossier in der Menschenmenge der Gläubigen, die dem Heiligen Vater zujubelten, waren jedoch nicht von Chagos angereist; nein: sie leben in Port Louis und das keinesfalls freiwillig. In ihrer Heimat und der ihrer Vorfahren haben sich Fremde breitgemacht – Amerikaner, Briten und Filipinos. Deren Aufgabe ist es, einen der größten und wichtigsten Militärstützpunkte der USA zu unterhalten.

Der Chagos-Archipel besteht aus einem halben Dutzend Atollen, von denen das größte Diego Garcia heißt: Hier landen und starten Flugzeuge, tanken Kriegsschiffe – auch U-Boote und Flugzeugträger – auf; oder werden gewartet. Hier wird der gesamte Globus abgehört und werden gelegentlich auch politische Gefangene verwahrt. Von den vier Kilometer langen Rollbahnen hoben bereits die modernsten Kampfflugzeuge für Einsätze am Golf und in Afghanistan ab. Für das Pentagon ist Diego Garcia eine „unverzichtbare Plattform, um die Welt zu kontrollieren“. James Schlesinger, ehemaliger Verteidigungsminister: „Diego Garcia war die klügste Investition staatlicher Gelder der letzten vier Jahrzehnte.“

Wechselnde Herren auf Chagos

Ursprünglich gehörte die Inselgruppe Frankreich; nach Napoleons Niederlage fiel sie an die Briten. Seit Ende des 18. Jahrhunderts wurden Kokospalmen auf Plantagen angebaut; von dunkelhäutigen Menschen aus der Region. Verwaltet wurde Chagos erst von den Seychellen, später von Mauritius aus. Das Klima ist günstig; Nahrung gab es in Überfluss: Gemüse, Fisch, Fleisch. Allein Trinkwasser musste mühsam in Form von Regenwasser aufgefangen werden. Mehl, Zucker, Speiseöl und Medikamente brachten Schiffe aus Port Louis; die nahmen auch Kokosfleisch und -öl mit. Das Leben verlief in ruhigen Bahnen, bis 1961 US-Konteradmiral Grantham mit einer Untersuchungsgruppe nach Diego kam und den Ort als sehr geeignet für amerikanische Interessen befand.

Was folgte war ein geheimer Vertrag, in dem London die Inseln für 50 Jahre an die USA verpachtete. Alles wurde geheim, ohne die jeweiligen Parlamente zu informieren, abgewickelt. Und Pacht nie gezahlt: Stattdessen erhielten die Briten einen Rabatt über 14 Millionen Dollar beim Kauf von Polaris-Raketen. Um Chagos von Mauritius zu trennen, das bald unabhängig werden würde, hatte London die Atolle in ein separates Überseeterritorium umgewandelt, kurzerhand im November 1965 das „British Indian Ocean Territory“ geschaffen. Allerdings wollten die Amis ihren neuen Besitz „swept“ (besenrein) und „sanitized“ (desinfiziert) haben. Also wurden die Chagossier auf Frachtschiffe getrieben – nachdem man ihre etwa 1 000 Hunde vergast hatte – und nach Mauritius, teilweise die Seychellen verbracht.

Und sich dort weitgehend allein überlassen. Viele kamen mit der neuen Situation nicht klar: Sie nahmen sich das Leben oder starben schlichtweg an Heimweh oder Verzweiflung. Manche Frauen gingen in die Prostitution, um ihren Unterhalt zu sichern. Einige der Deportierten wurden in eine verlassene Wohnsiedlung in Port Louis gebracht: in „Beau Marchand“, das alles andere als „beau“ (schön) war, mussten sie in versifften, heruntergewirtschafteten Blocks campieren – mit allerlei Ungeziefer; ohne Strom, Wasser, Türen und Fernster.

Die Chagossier kämpfen um ihre Rückkehr

Für Marcel Moulinie war es „die Hölle“. Monsieur Moulinie, über Jahre als Plantagen-Manager der Boss der chagossischen Landarbeiter, aber auch ihr Freund: „Ich hatte sie in ihrem Quartier besucht; sie campierten menschenunwürdig. Keine Sanitäranlagen; wenn es regnete, drang das Wasser in die Räume ein; die Kinder waren in Lumpen gehüllt.“

All diese völkerrechtswidrigen Machenschaften blieben der Öffentlichkeit lange Zeit unbekannt. Bis in den 1990er Jahren bisher unter Verschluss gehaltene Dokumente freigegeben wurden. Mit diesen konnten Chagossier und ihre Unterstützer an die breite Öffentlichkeit gehen. Die Inselbewohner, geführt von Olivier Bancoult, dem Vorsitzenden der Chagossier-Exilgruppe, klagten und bekamen Recht: Im November 2000 urteilte das High Court in London, dass die Umsiedlung rechtwidrig war und die Chagossier zurück in ihre Heimat dürfen.

Die britische Regierung scherte sich wenig um den Richterspruch. Stattdessen griff sie zum letzten Mittel und verfügte mit einem „Order in Council“, dass die Chagossier nicht zurückkehren dürfen. Die Monarchin segnete mit „Approved“ ab und die Sache war (vorerst) vom Tisch. Aber nicht für die Chagossier. Sie kämpfen weiter; die einen in England, die anderen in Mauritius. Im Februar 2019 hatte der Internationale Gerichtshof in Den Haag entschieden, dass Großbritannien die Inseln unrechtmäßig von Mauritius abgetrennt habe und sie zurückgeben müsse.

London wies die Entscheidung zurück und so wandte sich Mauritius an die Vereinten Nationen. Deren Vollversammlung forderte Großbritannien mehrheitlich auf, die Kontrolle über die Chagos-Inseln an Mauritius abzutreten. Von 193 Staaten stimmten 116 zugunsten Mauritius' und somit der Chagossier, sechs votierten dagegen und 56 enthielten sich: Auch Deutschland entschied sich feige für den „neutralen“ Mittelweg.

Deutliche Position von Papst Franziskus

Andere, auch der Heilige Vater, nahmen eine klare Position ein. Franziskus: „Man muss sich internationalen Institutionen unterordnen. Genau dazu wurden die Vereinten Nationen gegründet; und auch deshalb ein Internationaler Gerichtshof geschaffen.“

Indes gibt es eine neue Entwicklung, die hoffen lässt. So hatten, wie im Nachhinein bekannt wurde, drei britische Parlamentsabgeordnete – Catherine West (Labour) sowie die konservativen MP's Daniel Kawczynski und Andrew Rosindell – Diego Garcia im August besucht, um sich zu informieren und mit britischen und amerikanischen Vertretern zu sprechen. MP Rosindell wird sich für die Wiederansiedlung der Insulaner einsetzen, hatte er sich doch bereits für die Belange der Norfolker stark gemacht, denen 2015 von Australien die Selbstbestimmungsrechte genommen wurden.

Rückkehr wäre die beste Lösung

Rosindells Kollegin Mrs. West, die sich seit langer Zeit für die Rückkehr der Chagossier einsetzt, im Resümee: „Wir hatten die lange Reise unternommen, um uns ein Bild über die örtlichen Gegebenheiten zu machen und ob eine Wiederansiedlung möglich wäre. Fest steht, dass die Rückkehr der Chagossier die beste Lösung für die Regierung (Großbritanniens) wäre.“ Schon vor Jahren wurden Machbarkeitsstudien für eine Wiederansiedlungen in Auftrag gegeben: In keine wurde auch nur ein Chagossier einbezogen.

Fazit aller Studien: Wegen der globalen Erwärmung wird der Meeresspiegel auf lange Sicht soweit ansteigen, dass man nicht mehr auf Chagos leben könne. Und was machen die tausenden Amerikaner jetzt und in dreißig Jahren? Sie leben wie Gott in Frankreich auf Diego.

Journalist John Pilcher, der sich für die vertriebenen Insulaner engagiert: „Ihre Lebensbedingungen sind hervorragend und die Freizeitangebote unglaublich.“ Dass das so ist und so bleibt, dafür sorgt die Abteilung MWR – Moral, Wohlfahrt und Erholung. Bald kann man es wieder erleben. Es wird in den „Island Room“, Downtown Diego Garcia, zum Oktoberfest geladen: mit deutscher Musik, deutschen Trachten, Ententanz und Polka!

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.